Ich liebe meine Frau, nicht meine Partei. Joschka Fischer

„Trainer müssen auch keine Tore vorhersagen“

Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Ein Gespräch über den Sinn und Unsinn vom Blick in die Zukunft und darüber, was Fußball mit Bankwirtschaft zu tun hat.

Alexander Görlach: Zum Jahresanfang übertreffen sich alle mit Prognosen für die kommenden zwölf Monate. Lesen Sie solche Ankündigungen oder lassen Sie solche Blicke in die Kristallkugel kalt?

Oliver Borgis: Kalt lassen Sie mich nicht, dafür ärgere ich mich viel zu sehr darüber, dass sich eine ganze Zunft damit selbst in ein fragwürdiges Licht stellt. Ein echter Experte täuscht kein Wissen vor bei einer Frage, die außerhalb seines Kompetenzbereiches liegt. Dazu gehört für mich auch der Versuch, Unvorhersehbares vorhersagen zu wollen.

Görlach: Spielen Sie damit auf Ihre eigene Branche an?

Borgis: Dass Finanzmärkte schon in ruhigeren Zeiten nicht prognostizierbar sind, liegt an der Vielfalt der Einflussfaktoren, von denen viele auf menschlichem Verhalten beruhen. Der weit überwiegende Teil davon entzieht sich einer wissenschaftlich haltbaren Prognose. Wenn viele ins Ungewisse schätzen, dann ergibt sich im Normalfall eine breite Streuung um einen Mittelwert, der nicht allzu weit weg vom aktuellen Wert liegt. Gibt es aber eine allzu einheitliche Tendenz der Meinungen, so wäre dies ein Warnsignal.

Abträglich sind in jedem Fall Scheingenauigkeit, Selbstüberschätzung und selektive Wahrnehmung, die mit einer Punktprognose oft einhergehen. Es gibt gute Gründe dafür, dass Prognosen für den eigenen Anlageerfolg nicht hilfreich, sondern sogar schädlich sind. Der DAX-Tipp gehört dahin, wo er Spaß bereiten soll. So wie ich mich seit vier Jahren auf das nächste WM-Tippspiel freue. Wenn es aber um Entscheidungsgrundlagen für Anlegerportfolios geht, dann wird es ernst. Potenziale ausmachen und analysieren – ja. Kursverläufe beziffern und terminieren – nein.

„Nur neue Informationen bewegen Märkte“

Görlach: Das heißt, Sie setzen ganz auf Mathematik. Ist es nicht ein Irrglaube, zu sagen, dass uns aus dem Mittelwert aus verschiedenen Mitteln die Wahrheit entgegenstrahlt? Die metrische Organisierbarkeit der Welt, wie sie uns in Statistiken begegnet, wird meiner Meinung nach nie mit den arithmetischen Handlungsweisen des Menschen in Übereinstimmung zu bringen sein. Das heißt für mich, dass uns hier zwei Dinge begegnen: zum einen die Welt, wie sie wirklich ist. Zum anderen ein Modell von der Welt, das, wie alle Modelle, vereinfacht und von den jeweils gesetzten Prämissen her funktioniert. Unser Leben ist ein Tippspiel. Modelle sind artifizielle Tippscheine.

Borgis: Das sehe ich ähnlich und setze gerade nicht auf die Mathematik. Der Mittelwert aller Prognosen ist in der Tat kein aussagekräftiger Schätzer. Angesichts der Ungenauigkeit von Modellprämissen ist es unlauter, den Eindruck der Kalkulierbarkeit zu erwecken. Die Bewertung eines Unternehmens an der Börse ist eben nicht auf Bilanz- und Geschäftskennzahlen zu reduzieren, sondern von sämtlichen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen sowie von Stimmungen und Naturereignissen abhängig, und zwar weltweit. Die wissenschaftliche Erklärung vom sogenannten random walk stellt darauf ab, dass die Märkte alle verfügbaren Informationen auch über die Zukunft bereits beinhalten, nur neue Informationen können sie bewegen.

Neue Informationen sind aber eben neu und nicht vorhersehbar. In dieser strikten Form kann der random walk zudem nur gelten, wenn die Märkte effizient sind und alle Informationen rational verarbeiten, das ist nicht immer der Fall. Den Informationsgehalt, den ich meine, sehe ich darin, dass allzu einhellige Prognosen ein Anzeichen für mangelnde Informationseffizienz sind und zu besonders starken Marktbewegungen führen können.

Görlach: Ist das dann so wie bei den Horoskopen, die wir im Wochenblättchen lesen? Irgendwie kommt es einem vor, als ob das, was da steht, zuträfe, beziehungsweise in Erfüllung geht.

Borgis: Zunächst greift das Phänomen der selbsterfüllenden Prophezeiung. Aber nach Erreichen der einmütigen Kursziele droht der jähe Absturz. Das ist aber doch eher selten der Fall. Meist driften die veröffentlichten Erwartungen in alle Richtungen auseinander und offenbaren die Unsicherheit, unter der sie getroffen wurden. Besonders verräterisch ist ein Phänomen, das Sie fast immer beobachten können, wenn Sie Prognosen vorliegen haben, die sich über verschiedene Zeitpunkte erstrecken: Es werden zunächst anziehende und später fallende Kurse vorausgesagt, oder umgekehrt.

Meist in der Ausprägung „langfristig wird es steigen, aber vorher kann es noch mal runter gehen“ versucht der Prognosegeber, irgendwie immer recht zu behalten. Steigen die Kurse fortan, hat er es ja gleich gesagt. Fallen sie für längere Zeit, hat er zumindest gewarnt und es dauert nun nur etwas länger, bis der positive Wechsel kommt. Oft geschieht das unbewusst, um sich zu schützen. Immerhin ist sich dieser Prognostiker seiner Fehlbarkeit zumindest bewusst, er versucht die Unsicherheit nur zu verstecken. Das ist der harmlosere Fall. Wenn ernsthaft nicht nur eine grobe Richtung, sondern auch ein Trendwechsel im Zeitverlauf vorherzusagen versucht wird, steckt dahinter aber leider oft auch Selbstüberschätzung. Das ist der gefährlichere Fall.

„Es geht nicht um Glückstreffer, sondern um nachhaltige, replizierbare Ergebnisse“

Görlach: Also wird mit diesen Prognosen kein Vertrauen geschaffen, sondern Misstrauen geschürt. Und am Ende auch Wert vernichtet. Eine Möglichkeit, gegenzusteuern, gibt es nicht, wenn ich Sie richtig verstehe. In der Start-up-Industrie setzt man vor allem auf das Team, das eine gute Idee vorträgt. Es geht um den Glauben an diese Idee und das Vertrauen darauf, dass die Leute, die vor ihnen stehen, ihr Investment gut nutzen, seinen Wert mehren. Hier tritt ganz deutlich zutage, dass Vertrauen die Währung ist, die hinter jeder Beteiligung, hinter jedem Investment steht. Kann die Finanzwelt etwas von dieser „menschlichen Form“ des Investierens lernen, wenn ich es einmal in Abgrenzung zu einer mathematisch-arithmetischen Sicht auf die Wirklichkeit so nennen darf?

Borgis: Absolut, wir gehen ähnlich vor. Nur dass dabei etablierte Unternehmen, Staaten, Währungen und Fondsmanager auf dem Prüfstand stehen. Vertrauen spielt dabei immer eine große Rolle. Es geht ja nicht um Glückstreffer, sondern um nachhaltige, replizierbare Ergebnisse. Bei Unternehmen und besonders bei Fondsmanagern zählen persönliche Eindrücke der handelnden Personen zu den wichtigsten Auswahlkriterien, die wir systematisch und damit vergleichbar erheben. Hierbei kommt dann unter anderem auch die Mathematik zum Zug, denn quantitative Analysen gehören immer zum Vorauswahlprozess. Für börsennotierte und veröffentlichungspflichtige Unternehmen ist eine entsprechende Datenbasis vorhanden. Das Ziel dabei ist es, Wertsteigerungspotenziale auszumachen. Potenziale, nicht Kursziele, zum Beispiel bis Jahresende. Es gibt aber auch noch andere Möglichkeiten, gegenzusteuern.

Görlach: Zum Vertrauen, von dem Sie sprechen, muss auch die Verantwortung treten. Wie kann man die Verantwortung für Prognosen übernehmen, wenn man doch weiß, dass sie allesamt auf tönernen Füßen stehen?

Borgis: Viele Banken meinen, zu allen Märkten und Werten eine feste Meinung und eine konkrete Prognose haben zu müssen, weil sie sonst Blöße zeigen. Wenn sie damit Aufmerksamkeit erregen und Fertigkeiten suggerieren wollen, dann ist das so ethisch oder unethisch wie andere Werbung auch. Glaubt ein Vermögensverwalter aber selber an seine Prognosen, dann wird es für die Kunden riskant. Nach Festlegung auf eine Prognose neigt der Mensch nämlich dazu, Bestätigung zu suchen und ihm widersprechende Entwicklungen herunterzuspielen. Diese selektive Wahrnehmung führt dazu, dass meist zu lange an Fehlprognosen festgehalten wird, bis schlussendlich ein – dann oftmals gleich massives – Umschwenken erfolgt.

Die Verluste sind dann aber schon eingetreten. Eine transparente Herangehensweise würde neben einem Erwartungswert auch eine zu erwartende Streuung um diesen Wert berücksichtigen. Ansonsten wird Scheingenauigkeit suggeriert. Eine DAX-Prognose von zum Beispiel 10.000 Punkten würde vermutlich auf eine neunzigprozentige Wahrscheinlichkeit für eine Bandbreite von 7.000 bis 13.000 Punkten schließen lassen und nicht mehr. Die Empfänger von Prognosen sollten Informationen über deren Genauigkeit als vertrauensbildende Maßnahme verlangen.

„Der Trainer muss die beste Mannschaft aufstellen“

Görlach: Pfadabhängigkeit, also das Festhalten an einem einmal eingeschlagenen Weg, ist auch ein Problem, das mir in der Start-up-Industrie schon öfter begegnet ist. Das bezieht sich häufig auf Entscheidungen des Managements. Eine Frage, die in diesem Zusammenhang diskutiert wird, ist, salopp ausgedrückt, ob man schlechtem Geld noch gutes hinterherwerfen solle. Das bezieht sich darauf, ob man weiteres Kapital in ein Unternehmen steckt, nachdem das bereits investierte verbraucht wurde. Das ist nicht exakt dasselbe wie der Verlust, von dem Sie sprechen. Auch hier gilt: Die Entscheidung für ein weiteres Investment hängt vom Glauben an die Idee und das Produkt und das Vertrauen in das Team ab. Ich denke, ein Bankkunde wird das ähnlich machen und sich je nach den Erfahrungen, die er mit Ihrem Haus oder einem anderen Haus macht, für eine weitere Zusammenarbeit entscheiden oder nicht. Transparenz hin oder her: Entscheidend ist doch am Ende, dass man auf das richtige Pferd gesetzt hat und sich als Gewinner sieht – oder etwa nicht?

Borgis: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Selbst wer zum Beispiel langfristige Entwicklungen sehr gut antizipiert, aber nicht weiß, ob die Märkte vorab nach oben oder unten überschießen, kann im Verlauf viele Fehler machen und die Nerven verlieren. Überhaupt erscheint eine Richtungsprognose für die Kapitalanlage wertvoller als der Versuch einer tagesgenauen Punktprognose. In der Wertpapieranlage hat man den Vorteil, dass man mit dem Investment in der Regel keine Verpflichtung, keine persönliche Beziehung eingeht. Das schafft die Möglichkeit, durch Stop-Loss Verluste im Portfolio zu begrenzen. Dies ist ein disziplinierendes Instrument, das ein endloses Geldgrab vermeidet. Spätere Rückkehr zu der Idee nicht ausgeschlossen. Bezogen auf die Beziehung Bankkunde zur Bank ist das aber durchaus ähnlich wie in Ihrem Beispiel, da es eine persönliche Beziehung gibt.

Görlach: Das heißt: Je weiter der Zeitpunkt in der Zukunft liegt, auf den sich die Prognose bezieht, desto eher kann das Ereignis prognostiziert werden beziehungsweise auf dem Weg zu diesem Punkt modifiziert werden. Wenn dem so ist, was können Sie für 2014 antizipieren?

Borgis: Die Voraussetzungen für einen inflationsfreien Konjunkturaufschwung bei freundlichen Kapitalmärkten sind gut. Bis die Europäische Zentralbank die Liquiditätsschwemme wieder einsammelt, wird noch Zeit vergehen. In etwa zwei Jahren muss sich dann zeigen, ob ihr das gelingt und ob nicht nur die Unternehmen, sondern auch die Krisenstaaten Europas und das Bankensystem die anhaltende Niedrigzinsphase für Reformen genutzt haben. Da wir als Vermögensverwalter mit Wertpapieren und nicht mit Unternehmensbeteiligungen arbeiten, bietet sich die großartige Möglichkeit, jederzeitige Liquidierbarkeit zu erhalten und auch kleinteilig auf viele Investitionsmöglichkeiten verteilen zu können. Mehr Wert als auf meine Antizipation muss ich bei der Verteilung von Geldern auf Anlageklassen aber darauf legen, adaptiv zu bleiben. Also zu reagieren, wenn die Entwicklung beginnt, meiner Erwartung zu widersprechen.

Beim Fußballtrainer kommt es ja auch nicht darauf an, ob er vorhersagen kann, wie viele Tore ein Spieler im nächsten Jahr schießen wird, sondern darauf, dass er die beste Mannschaft aufstellt, wenn angepfiffen wird.

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