Anlegen in deutsche Aktien? | The European

„Aktien sind ein relativ sicherer Posten“

Oliver Borgis, Weberbank1.06.2015Wirtschaft

Noch nie gab es so viele Möglichkeiten, sein Geld in Aktien zu investieren. Was zu beachten ist, und warum die Deutschen ihre Ehrfurcht vor Aktien verlieren sollten, erklärt Oliver Borgis im Gespräch mit Alexander Görlach.

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*Alexander Görlach*: Wenn ich im Moment mit Freunden diskutiere, was eine gelungene Anlage angesichts nicht existenter Zinsen wäre, kommt immer häufiger die Antwort: Aktien. Würden Sie das auch so sehen?
*Oliver Borgis*: Ja, nicht nur mangels Alternativen sondern auch aus fundamentaler Sicht, also mit Blick auf den Geschäftsverlauf und die Bewertungen relativ zur Gewinnentwicklung. Aktien sind in den heutigen außergewöhnlichen Kapitalmarktzeiten ein relativ sicherer Posten. Obwohl diese Erkenntnis offenbar inzwischen verbreitet ist, ändern die Privatanleger ihre Depots nicht entsprechend. Paradoxerweise ist die Zahl der deutschen Aktienbesitzer in 2014 sogar gesunken. Nur noch 13,1 Prozent der Bevölkerung halten Aktien oder Aktienfonds. Institutionelle Anleger aus dem Ausland sind da konsequenter: Mittlerweile gehört mehr als jede zweite Aktie deutscher Börsenwerte einem Investor aus dem Ausland.

*Görlach*: Sie brauchen Kenntnis und Sie müssen sich täglich mit Ihren Aktien auseinandersetzen. Das wird wohl der Grund sein, warum sich niemand, der noch andere Hobbies, der vielleicht sogar was zu arbeiten hat, damit abgibt.
*Borgis*: Noch nie gab es so viele Varianten, dies mit geringstem Zeitaufwand durch Profis erledigen zu lassen: von passiven Indexfonds bis zur Vermögensverwaltung, die als Königsweg auch bereits für kleinere Depots möglich ist. In diesem Fall hat der Kunde gar keinen Aufwand und es wird in seinem Namen nach vorgegebenen Zielen agiert. Es wäre eine fatale Verdrängungstaktik, etwas so wichtiges zu vernachlässigen wie das eigene Ersparte, das kleine oder große Vermögen, vielleicht das Erbe der Kinder oder auch einfach, dass man sich auch morgen noch unbeschwert seinen Hobbies widmen kann. Stellen Sie sich vor, es gäbe keine Möglichkeit, in beliebiger Größenordnung, zu geringen Kosten, mit hochliquiden Aktien in veröffentlichungspflichtige, also transparente, Weltmarktführer aus rechtssicheren und wettbewerbsfähigen Ländern wie Deutschland zu investieren. Was wäre der Ruf danach groß, es wäre eine Ungerechtigkeit unsozialster Ausprägung.

„Die Beauftragung eines Dritten ist immer mit Vertrauen verbunden“

*Görlach*: Auslagern an Profis? Die denken dann an ihre Marge und nicht an mein Wohl.
*Borgis*: Die Beauftragung eines Dritten ist immer mit Vertrauen verbunden. Das gilt für die Auswahl eines Malers in der geliebten Wohnung genauso wie für die Wahl des Zahnarztes – und natürlich auch für die Auswahl des Bankberaters oder des Vermögensverwalters.
Zudem hat es sich bewährt, wenn die Anreize konsistent zu den eigenen Interessen gestaltet sind. Bei uns entscheiden sich beispielsweise viele Kunden für eine Pauschalgebühr in Form einer All-In-Fee in Relation des verwalteten Vermögens. Diese deckt alle Kosten ab und wenn das Vermögen steigt, profitieren alle.

*Görlach*: Das klingt nett und fast schon caritativ. Lassen Sie mich weiterfragen: Warum sind die Deutschen zögerlich bei der Anlage in ihre Börsenwerte? Sie sagen ja, dass diese sich im Ausland großer Beliebtheit erfreuen.
*Borgis*: Während das Vertrauen ausländischer Investoren in deutsche Aktien steigt, geht die positive Entwicklung deutscher Aktien leider zunehmend an den deutschen Anlegern vorbei. Sehr bedenklich ist, dass insbesondere jüngere Anleger Aktien meiden, obwohl gerade diese den größten Bedarf an langfristiger Vorsorge und auch den Zeithorizont dazu haben. Paradoxerweise werden Aktien zum Anlageinstrument der älteren Generation. Laut einer aktuellen Studie des Deutschen Aktieninstituts würden 45 Prozent aller Deutschen in Aktien anlegen, wenn sie fiktive 10.000 Euro neu anzulegen hätten. Aber nur 13 Prozent tun es. Als Hinderungsgründe macht die breit angelegte Befragung geringes Wissen und Unsicherheit aus. Es fehlt an Allgemeinbildung in Sachen Wirtschaft und Geldanlage. Gepaart mit der irrigen Annahme, dass eine Aktienanlage vertiefte Kenntnisse erfordere und für kleinere Vermögen schwer umzusetzen sei, führt dies zum Aufschieben der Entscheidung. Hinzu kommt, dass Aktienanlagen im privaten Bereich seit der Finanzkrise fast ein Tabuthema sind, das Zögern also nicht durch Erfahrungsberichte anderer gelöst wird. Dabei ist es aller Ehren wert, seine Geldmittel einer Verwendung zuzuführen, die Innovationen fördert und Arbeitsplätze schafft.

*Görlach*: Mit welchem Argument würden Sie denn die Zurückhaltung und das Aufschieben aufbrechen können?
*Borgis*: Mit der berechtigten Sorge ums Vermögen. Das kapitale Vermögensrisiko sind nicht Schwankungen im Kursverlauf, sondern das Verdampfen des Anlagekapitals in einer Inflationsverpuffung. Die Bevölkerung betont die Schwankungsrisiken von Aktien und unterschätzt die langfristigen Erträge und den Substanzwertcharakter. Gegen die Inflation als dem Urfeind des Vermögenserhalts sind Aktien wesentlich besser gefeit als andere Anlageformen. Das gilt heute mehr denn je, da Anleihen keinen Zinspuffer mehr gegen Geldentwertung bieten und die Immobilienpreise bereits deutlich gestiegen sind – schneller als die Mieten. Europäische Aktienkurse sind dagegen nicht stärker gestiegen als die Aktiengewinne. Bis vor fünf Jahren rangierte der risikolose Zins noch um 3 Prozent und Dividenden um ebenfalls 3 Prozent. Inzwischen ist der sichere Zinssatz praktisch Null, während die Dividendenrenditen im Schnitt noch rund 2,5 Prozent betragen. Unter Berücksichtigung von Geldentwertung durch Inflation ist die Beimischung von Risikoanlagen heute nicht mehr eine Frage der Zusatzerträge, sondern eine Gegensteuerung der Vernichtung von Kapital in realer Betrachtung. Es ergibt sich eine neue Entscheidungssituation. Sicher, derzeit sind die Preissteigerungsraten sehr niedrig aber angesichts der expansiven Geldpolitik, die beispiellos und letztlich experimentell ist, wäre es gewagt, die seit zwei Jahrzehnten erlebte Abwesenheit von größeren Preisschüben als Annahme der Geldanlage in die Zukunft fortzuschreiben.

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