Viele Länder nutzen Währungen als politische Waffe. Dominique Strauss-Kahn

Berliner Volkstheater

Der Berliner Politbetrieb tanzt zu häufig nach der Pfeife der Medien. Wer die Hauptstadt deswegen kritisiert, übersieht den Zeitgeist.

In Hamburg ist man unaufgeregter, davon kann der Berliner Kosmos lernen. Ein bisschen Hamburger Gelassenheit täte dem Politikbetrieb gut, gerade was Konflikte anbelangt. Manches in Berlin ist künstlich aufgebläht. Schon die Begriffe „Berliner Republik“ und „Berliner Kosmos“ sind Kunstwörter und auch die Politik im Ganzen ist in Berlin künstlicher geworden, als sie es noch zu Bonner Zeiten war. Dort waren die Leute mehr mit ihrem Wahlkreis, mit ihrem bis dahin geführten Leben verbunden – was natürlich vor allem an der kleinstädtischen Atmosphäre der Bonner Republik lag.

Der Berliner Politikbetrieb dagegen ist mehr auf sich selbst fixiert. Alle – Journalisten, Lobbyisten und Politiker – halten sich für den Nabel der Welt und haben zum Teil den Bezug zur Lebenswirklichkeit verloren. Das zeigt sich genauso im Politikstil: Die Berliner Sichtweise steht im Mittelpunkt. Was im Rest des Landes gesagt und gemacht wird, interessiert eher wenig. Manche Politiker in Berlin müssen verstehen lernen, dass sie selbst nicht das Maß aller Dinge sind. Und dass das, was auf den Fluren und in den Hintergrundgesprächen beredet wird, im wahren Leben überhaupt nicht wichtig ist.

Bundespolitik ist auch nicht anders als Lokalpolitik

Ein großer Irrtum muss ausgeräumt werden: Lokalpolitik ist auch nicht anders als Bundespolitik. Nur sind die Probleme von lokaler Art. Natürlich haut der landespolitische Alltag – das ist beim bundespolitischen Alltag ja kaum anders – wenige vom Hocker. Nur wenn die Menschen das Gefühl haben, es betrifft sie persönlich, kommt Interesse auf. Das trifft häufig zu, wenn sich etwas auf eine zugespitzte Fragestellung reduzieren lässt. Darum reißt die Euro-Rettung viel weniger mit als die Fragen nach Abtreibung oder Beschneidung. Darum lässt sich das Interesse für Themen nicht künstlich herbeiführen.

Eine große Diskussion, wie um die Schulreform oder die Elbphilharmonie, interessiert und polarisiert weit über die Hamburger Grenzen hinweg. Ein kommunales Thema wie ein kleines Bauprojekt dagegen weckt nur Neugierde bei Menschen, die dort wohnen, wo gebaut wird. Es macht im Endeffekt keinen Unterschied, ob es ein Bundesthema oder ein lokales Thema ist.

Politik darf nicht auf die Leimrute der Medien hereinfallen

Die entscheidende Veränderung der vergangenen Jahre, die den Berliner Kosmos am meisten geprägt hat, ist die Art, wie Politik in den Medien stattfindet. Früher gab es eine klare Trennung zwischen Bericht und Kommentar. Auch dass Medien Kampagnen selber geführt haben – alleine oder sogar im Verbund – gab es fast nie. Heute sehen sich die Hauptstadt-Medien weniger als Berichterstatter, sondern mehr als Meinungsmacher. Zu Bonner Zeiten haben der Journalist noch einfach gefragt und die Politiker geantwortet. Das mag vielleicht langweiliger gewesen sein, hatte dafür aber mehr Tiefgang. Heute fällt die Politik zu oft auf die Leimrute der Medien herein. Das sollte nicht mehr passieren.

Durch die dauerhafte Berichterstattung ist ein künstlicher Berlin-Hype entstanden. Es wird der Eindruck erweckt, man treffe in Berlin nur auf Großes und Wichtiges. Dabei ist Berlin eine Stadt mit ähnlichen Sorgen wie andere Städte. Der Zuwachs der Bedeutung der Medien ist kein Berlin-spezifisches Problem. In Deutschland wie anderswo beginnen Trends nun einmal in der Hauptstadt.

Dass von Berlin eine Faszination ausgeht, wie sie es von Bonn nie tat, ist trotzdem unbestritten. Die Stadt hat viele unterschiedliche und einzigartige Angebote. Man spürt eine gewisse Aufbruchsstimmung, die Architektur ist beeindruckend, und selbstverständlich ist die Größe ein Faktor. Eine Hauptstadt prägt das gemeinsame kulturelle Geschehen, das ist in Paris oder Oslo ja genauso.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Herbert Ammon, Ansgar Lange, Rainer Wendt.

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