Kopieren geht über Studieren

von Olaf Plötner13.11.2011Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Wenn den Chinesen ein zu entspannter Umgang mit geistigem Eigentum vorgeworfen wird, sollten Deutsche auch einen Blick in die eigene Geschichte werfen. Wo heute Made in Germany draufsteht, standen früher oft andere Ländernamen.

Die Chinesen seien Produktpiraten heißt es, nichts sei sicher, wenn sie sich im Westen umsehen und tun, als wüssten sie nicht, was intellektuelles Eigentum ist. Man denke nur an Modeartikel, Apple-Stores, Starbucks, Autos, Maschinen, den Transrapid. Natürlich seien ihre Nachahmungen minderwertig, wer sollte auch in der Lage sein, deutsche Wertarbeit zu kopieren und wenn, dann sicherlich keine Billigproduzenten aus China.

Miniaturisierung fand man lächerlich

So ähnlich wurde in den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts auch über die ersten PKW von Toyota gedacht und die Transistorradios mit dem schlechten Empfang von Sony, deren Miniaturisierung wir damals noch lächerlich fanden und niemals auf derselben Stufe mit den Produkten von Volkswagen, Grundig und AEG. Auch die Japaner waren für uns Zeitgenossen, die mit billigen Fotoapparaten in deutschen Werken komplette Anlagen abzulichten versuchten. Peinliche Menschen, ärgerliches Verhalten. Den gleichen Prozess vollziehen wir derzeit bezogen auf die Chinesen, als geschähe das alles zum ersten Mal. Trotzdem hier noch eine Erinnerung, diesmal geht es um die deutsche Wirtschaftsgeschichte des frühen 19. Jahrhunderts: Damals hinkten die Deutschen der in England begonnenen Industrialisierung hoffnungslos hinterher; wenn überhaupt exportierten sie Zucker, Kartoffeln und Stickereien. Die lose verbundenen deutschen Kleinstaaten waren Agrargebiete, ein einheitliches Zoll- und Handelsgebiet gab es erst mit der Reichsverfassung von 1871. Doch da hatte England längst die Maßstäbe gesetzt und seiner Industrie eine Monopolstellung verschafft, die durch Ausfuhr- und Auswanderungsverbote für Facharbeiter gestärkt wurde. Woraufhin die Deutschen sich darauf verlegten, die englischen Produkte zu kopieren. Namhafte Politiker wie Carl August von Hardenberg, Heinrich vom und zum Stein, Christian Beuth oder der Maler und Architekt Karl Friedrich Schinkel brachen zu sogenannten Studienreisen nach England auf, um sich in Fabriken umzusehen und die Maschinen nachzuzeichnen. Ein Tagebucheintrag Schinkels veranschaulicht seinen Besuch: bq. Dann besuchten wir eine Bleiweißfabrik mit hohem Schrotturm, von dem man eine schöne Aussicht genießt. Wir gingen noch alleine in die Werkstatt des Mr. Fox und sahen dessen schöne Drehbänke, die berühmte Hobelmaschine. Abends schrieben wir im Wirtshaus am Tagebuch. Noch 1876 urteilte ein deutscher Preisrichter auf der Weltausstellung in Philadelphia, dass die Ausstellungstücke aus Deutschland „billig und schlecht“ seien. Da hatten die Deutschen begonnen, Sägen, Messer und Feilen zu exportieren, die billiger als diejenigen aus England waren. Nur dass die Deutschen statt bestem Gussstahl das billigere Gusseisen benutzten und um die Fakes echt wirken zu lassen, Herstellernamen einstanzten, die auf die Herkunft aus Sheffield deuteten, der damaligen Hochburg qualitativ hochwertiger Schneidewerkzeuge.

Kein spezifisch chinesisches Vorgehen

Im August 1887 kam es in England deshalb zur Neuauflage des britischen Handelsmarkengesetzes, das die Angabe des Herkunftslandes auf importierten Waren verlangte. Danach stand „Made in Germany“ für Billigprodukte und Gefälschtes, solange bis die deutschen Techniker, Wissenschaftler, Unternehmer dazugelernt hatten und sich mit eigenen Qualitätsprodukten behaupten konnten. All das heißt nicht, dass wir den Chinesen ihre Produktpiraterie deshalb aus historischer Solidarität gestatten müssen, aber wenigstens sollten wir wissen, dass es sich um kein spezifisch chinesisches Vorgehen handelt.

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