Alle Zeichen stehen auf Rückzug

von Norbert Scholl21.10.2010Gesellschaft & Kultur

Die katholische Kirche betreibt den Reformstau. Zur Modernisierung der Kirche sind tief greifende Veränderungen notwendig. Doch unter Papst Benedikt bewegt sich die Kirche in die entgegengesetzte Richtung. Der Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils ist damit passé.

Ende September, zum Abschluss der jüngsten Vollversammlung der deutschen Bischofskonferenz, meldete die Katholische Nachrichten-Agentur: “Der Ruf nach Reformen in der katholischen Kirche wird auch im Kreis der deutschen Bischöfe lauter.” Es gebe viele Fragen, die schon lange reif seien, diskutiert zu werden – von der Sexualmoral über die nur im lateinischen Teil der katholischen Kirche geltende Verpflichtung von Gemeindepriestern zur Ehelosigkeit bis hin zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Als Joseph Ratzinger vor fünfeinhalb Jahren zum Papst gewählt wurde, weckte das auch bei kritisch eingestellten Kirchenmitgliedern manche Erwartungen. Man hoffte, Benedikt werde besonnen und beherzt darangehen, den bleiernen Reformstau abzubauen, den ihm sein Vorgänger hinterlassen hatte. Doch diese Hoffnungen haben sich bis heute nicht erfüllt. Im Gegenteil! Benedikt fährt einen noch stärker rückwärtsgewandten, traditionsverhafteten Kurs als Papst Johannes Paul II.

Papst Benedikt holte Okkultisten in die Kirche zurück

Pressemeldungen zufolge hat Papst Benedikt schon vor zwei Jahren das “Engelwerk”, eine dämonengläubige katholische Sekte, als öffentliche Vereinigung innerhalb der katholischen Kirche heimlich anerkannt. “Engelwerk”-Anhänger waren nämlich davon überzeugt, dass man sich – unter anderem – vor “dämonischen Strahlen” hüten müsse, die von “gefleckten und schwarzen Katzen und Hennen, von Schweinen, glatthaarigen Hunden, Schmeißfliegen, Ratten und Schlangen” ausgehen. Kann es wirklich sein, dass Personen, die gestern noch okkultistischen Ansichten huldigten, sich in derart kurzer Zeit bekehren? Im Januar 2009 hatte Benedikt die seit 1988 bestehende Exkommunikation aller vier Bischöfe der traditionalistischen Piusbruderschaft ohne Vorbedingungen aufgehoben. Es scheint beträchtliche Übereinstimmungen zwischen Papst Benedikt und den Piusbrüdern zu geben. Erst unlängst betonte ihr Oberer, Bischof Fellay: “Über die Lage der Kirche, die besonders schwerwiegend ist, stimmen in vielen Punkten unsere Einschätzungen überein, sowohl bezüglich der Glaubenslehre als auch der Moral und der Disziplin.” Und weiter: “Jene, die in Treue zu Papst Benedikt stehen, betrachten die ‘Piusbruderschaft’ mit Respekt. Sie erwarten von ihr viel für die Kirche.” Erwartet auch Papst Benedikt von den Piusbrüdern “viel für die Kirche”?

Die Schwächen des Systems werden deutlich

Die fünf Jahre des Pontifikats von Benedikt XVI. offenbaren mehr und mehr die grundlegende Schwäche des gesamten Systems römisch-katholische Kirche, ihrer hierarchischen Verfassung, ihrer Zwei-Klassen-Gesellschaft (Priester/Laien), ihres römischen Zentralismus, vor allem aber der uneingeschränkten Machtbefugnis des Papstes (Unfehlbarkeit, Jurisdiktionsprimat) seit dem Ersten Vatikanischen Konzil (1871/72). Papst Benedikt wagt es nicht, Lasten einer Tradition abzulegen, die heutigem Denken und heutigen Anforderungen nicht mehr entsprechen. Die Tendenz seines Pontifikats steht im Widerspruch zu Buchstabe, Geist und Vision des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965), das er selbst als junger Theologe nicht nur miterlebt, sondern in mancher Hinsicht als Berater mitgeprägt hat. Den Vorgaben der Piusbrüder entsprechend ist Papst Benedikt dabei, wichtige Konzilstexte so umzudeuten, dass sie der Intention zuwiderlaufen, die Papst Johannes XXIII. mit der Einberufung dieser Kirchenversammlung verbunden hatte: Aggiornamento – das bedeutet: “In die heutige Zeit bringen.”

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