AIDS | The European

Anlass zum Optimismus

Norbert Brockmeyer1.12.2009Gesellschaft & Kultur

Die Medikamente für HIV sind effektiv, aber haben oft starke Nebenwirkungen. Viele Gruppen forschen an alternativen Ansätzen, und in Berlin konnte bei einem Patienten durch eine Knochenmarktransplantation über Jahre kein Virus mehr nachgewiesen werden.

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Timothy Aikman

Eine vollständige Eradikation des HI-Virus aus dem Körper ist noch nicht möglich, aber wir können, rückblickend auf die letzten 25 Jahre, eine Erfolgsgeschichte bei Entwicklung der HIV-Therapie und Weiterentwicklung der Therapiestrategien sehen. Erst 1987 kam der Wirkstoff AZT (NRTI) auf den Markt, der als erster die Virus-Vermehrung hemmen konnte. In 2009 umfasst das therapeutische Arsenal bereits 25 Medikamente. Als wegweisende Erfolge sind hier die Kombinationstherapie mit den sogenannten PIs (Protease Inhibitoren) und NNRTIs und die dadurch mögliche “hoch aktive antiretrovirale Therapie” (HAART) zu nennen, die ab 1995 zur Verfügung stehen. Neben der Entwicklung besser verträglicher Medikamente sind in den letzten Jahren zwei neue Meilensteine der Medikamentenentwicklung gelungen. Seit 2007 sind ein sogenannter Integraseinhibitor, der das HIV-Protein Integrase hemmt, das für den Einbau der HIV-Erbsubstanz in die DNA einer Zelle verantwortlich ist, und ein Wirkstoff, der den menschlichen CCR5-Rezeptor blockiert, zugelassen. Dadurch wird das HI-Virus am Zelleintritt gehindert und die Vermehrung in einer frühen Phase gestoppt.

HIV bleibt tödlich

Doch auch diese Fortschritte machen HIV immer noch nicht heilbar – die Forschungsergebnisse geben jedoch Anlass zum Optimismus. Sowohl die Lebensqualität als auch die Lebenserwartung von AIDS-Erkrankten konnte dramatisch verbessert werden. So hat ein 20-jähriger HIV-Infizierter derzeit eine Gesamtlebenserwartung von 69,4 Jahren. 13 Jahre mehr als noch zwischen 1997 und 1999 nach der Einführung der HAART. Niemand weiß allerdings, ob es aufgrund von Nebenwirkungen überhaupt möglich ist, 50 Jahre zu behandeln. AIDS entwickelte sich in den letzten 25 Jahren in Deutschland für die unter Therapie stehenden Patienten von einer schweren und schnell tödlichen innerhalb von fünf bis zehn Jahren zu einer chronischen Krankheit. Doch die verfügbaren Medikamente zeigen teilweise erhebliche Nebenwirkungen, führen zu Erkrankungen wie Lipodystrophie, erhöhten Blutfettwerten bis hin zu Depressionen. Eine Gefahr geht zudem von der Entwicklung resistenter Viren aus. HIV-Patienten müssen deshalb verschiedene Medikamente mit unterschiedlichen Angriffspunkten einnehmen, um die Entstehung von Resistenzen zu verhindern oder erheblich zu verzögern.

Antiretrovirale Therapie – quo vadis?

Neuen Therapieansätzen werden, auch in Europa und Deutschland, erfolgreich erforscht. Zum Beispiel wird versucht, die Erbinformation des Virus wieder aus der Wirts-DNA (Erbinformation) herauszuschneiden, um das Virus so zu eliminieren. Denn einmal im Körper aufgenommen, kann das HI-Virus in langlebigen Zellen über Jahre überleben. Möglicherweise sind auch Gentherapien, Heilungsversuche mit Stammzellen oder neue Therapiekombinationen die Zukunft der HIV-Behandlung. Untersuchungen müssen zu einer sehr raschen Therapie nach einer HIV-Infektion mit den neuen Medikamenten durchgeführt werden. Immerhin konnte in Berlin nach einer Knochenmarktransplantation mit Stammzellen, die eine CCR5-Veränderung aufwiesen – also ähnlich wie durch die Therapie mit CCR5-Hemmern erzielbar -, über mehrere Jahre bei dem Patienten kein Virus mehr nachgewiesen werden. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der interdisziplinäre Forschungsansatz, der in Wissenschaftsverbünden wie dem Kompetenznetz HIV/AIDS praktiziert wird. Alle diese Ansätze brauchen jedoch Entwicklungszeit und stärkere finanzielle Unterstützung, also dadurch auch der Beweis von Vertrauen in die deutschen Forscher und ihre Arbeit.

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