Literatur des Monats: Ein novembriger Monolog | The European

„Herr Lemperle nimmt Abschied von seinen Büchern“

Norbert Breuer-Pyroth14.11.2021Gesellschaft & Kultur, Medien

Die zunehmende Vereinsamung des Menschen, namentlich der Älteren, steht in direkter Folge der Industrialisierung, die den geographischen und sozialen Auseinanderriss der überkommenen bäuerlichen und städtischen Großfamilien mit sich brachte. Ohne einen intakten sozialen Rahmen, ohne Stützpfeiler für seine Zerbrechlichkeit, droht der moderne Mensch schon vor seinem leiblichen Ableben in Kümmernis zu verlöschen. Von Norbert Breuer-Pyroth.

Große Bücherei mit vielen Büchern, Quelle: Shutterstock

Herbst. Draußen stürmt es hörbar. Regen schlägt an die Scheiben.

„Ach, Mathildchen. Seit Du nicht mehr da bist … Weißt Du, der ganze Kram und Tand, der bedeutet mir doch nichts mehr. Aber … Deine Kleider, die, ja die habe ich alle noch. Ich hege sie. Sorgsam verwahrt. Doch Mathildchen, doch. – Meine sind ja nicht mehr so wichtig. Aber Deine. Da stecktest schließlich Du drin. Sie wärmten Dich. Umrahmten Dich. In manchen sahst Du hinreißend aus und bezaubernd warst Du ohnehin. Manche Blusen und Röcke duften noch nach Dir, meiner … grand amour. Und dann alle Deine Photos. Da lebtest Du, mit Deinen blonden Locken. – Und jetzt, und jetzt … liegst Du drei Klafter tief da unten, im kühlen Erdboden.“

Herrn Lemperle geht langsam auf und ab.

Er atmet tief durch.

„Stell Dir vor: Sie sagen, ich soll Steine drauflegen, das machte weniger Arbeit. – Tja, so sind sie heute. Wählen grün, sind etepetete-vegan, aber hegen keinen Vorgarten für die Schmetterlinge und Vögel, nur graue und schwarze Steine. Da haben sie den Friedhof gleich vor der Haustür. Mach ich nicht mit. Nä. Solange die Arthrose es zuläßt, pflege ich Dein Grab. Ich versprech‘ Dir das. Hoch und heilig, Hildchen. Bei allem Voltaren, das ich auftreiben kann.“

Herr Anselm Lemperle ist jetzt alt und schlurft in Pantinen durch seine Wohnstatt, ein sehr gediegenes Haus am Waldesrand. Allein: in letzter Zeit hat er selbiges und seinen Garten doch etwas herunterkommen lassen.

Auch auf sich selbst gibt er nicht mehr ganz so sorgsam acht wie ehedem. Seine Galerie an Seidenkrawatten ist lange unbenutzt. Die feinen Anzüge und Stoff-Taschentücher mit golden-blitzender Atlaskante würde er bald der „Bolivienhilfe“ in den Container werfen, mitsamt Mottenpapier.

Er spricht nun viel mehr mit sich selbst. Gerne bedient er sich dabei aus seinem Fundus des emeritierten Literaturprofessors, der er seit etlichen Jahren ist.

Sachte hört man Musik, „Von fremden Ländern und Menschen“ von Robert Schumann erklingen.

Holzscheite prasseln und knacken im Kamin.

„Ja, fromm muß man sein, Hilde. Ich sag immer: Wer nicht an Gott glaubt, der ist kein Realist. Überleg mal, Hildchen: Wir tragen zu 98% das Genom der Hausmaus in uns. Und da wollen wir entscheiden, ob es Gott gibt, hä?“

Herr Lemperle räuspert sich.

„Für Allerheiligen habe ich schöne bunte Blumen für Dich im Sinn. Echte, kein Trockengesteck. Rotgelbe Winterastern. Klar. Ich weiß doch, was Du gern magst. – Natürlich gibt es Gott. Da weißt Du jetzt aber schon mehr als ich, sitzt ja an der Quelle. Die Welt ist voll von Jesus-Imitatoren, aber der echte ist hier nicht mehr „in“.“

Herr Lemperle seufzt tief.

„Gerlinde wäre mir eine Hilfe. Aber von Berlin bis hierher ist ne Strecke, nicht wahr. Und sie ist ja nun „Senior-Expertin für Innovationsmanagement im Transaction Banking“. Klingt wichtig. Diese ganzen Scheiß-Anglizismen. Ein Hausmeister ist heute ein „Facility-Manager“. Jetzt heißt Auffrischen plötzlich Boostern. Jeder Supermarkt oder „Call-Center“ spricht mich plötzlich frech mit Du an, als lebten wir in Schweden oder Texas. Ja, geht’s noch? – Wir Deutsche sind sowieso weltweit die Beklopptesten, lauter Betroffenheits-Kasper und Achtsamkeits-Schnepfen. In jedem Apotheken-Schaufenster gucken wir uns lange an, ob wir noch dicht sind. Glaubste in Oklahoma übersetzen sie das uns zuliebe ins Deutsche? Nie im Leben. “

Herr Lemperle lacht bitter auf. Dann sanfter:

„Wir hätten Gerlinde früher kriegen sollen, dann wäre sie länger an mich gewöhnt und wäre in der Nähe auf der Bank, weil sie mich braucht, ihren „lieben Papa“, wie sie schreibt. Genau. – Früher gab es noch Bankbeamtinnen, gell. Tante Helene. Erinnerst Dich doch. Die hatte gar keine Kinder. Woher auch. Nachher war sie dann noch Kassiererin im Schuhgeschäft, bei Windgassen. Als Rentnerin. Lange lange. Immer kerzengerade, groß, schlank, schwarzes Kleid, weiße Spitze, Batist, alles proper. Ja, die war noch akkurat, hat bestimmt noch die silbernen 50-Pfennig-Stücke blitzblank poliert. Die waren mir eh lieber als dieser vermaledeite Teuro. Aber wir bekamen immer 10% „Rabatz“, das war nicht schlecht. Obwohl sie nebenan nur 80% vom Preis verlangten. Wie komm ich jetzt eigentlich auf die Helene … na ja, Blutgruppe AB; weißte eigentlich, die werden am schnellsten dement, heißt es.“

„Mathildchen, höre … heute habe ich ne ganz schwere Aufgabe, ein Klumpen drückt mir aufs Herz, weißt Du. Weil: Ich soll, meint Gerlinde, doch lieber in so ein schniekes Seniorenheim, nächstes Jahr schon. – Einrichtung hell a la IKEA, heiter und fröhlich. Alle sind furchtbar lieb zu Dir, bis die Türen zu sind. Und zur Begrüßung womöglich den neuen Spiegel-Bestseller: „Erfolgreich ins Krematorium“.

Herr Lemperle lacht erneut trostlos auf.

„Unser Haus verkauft sie dann, wo wir doch so lange dran gewerkelt haben; sie kaufen sich dann was da drüben in Sodom und Gomorrha. Die meisten Großstädte sind doch verdorben, sie leben nur von ihrem fleißigen, ehrbaren Umland. Was haben die da alle „in die Koppe“: Groß-Kebap oder Klein-Kebap, ein paar Drogen und „saugeile“ Schnäppchen im Media-Markt. Es fehlt die Tiefe, wie in meinen Gedichten hier in meinem, ja … geliebten Bücherschrank. Nur Dich, Hildchen, liebe ich mehr.“

Herr Lemperle fast larmoyant.

„Ich will eigentlich hier nicht weg, Hildchen, ehrlich. Verstehst Du mich? Mir geht es ganz schlecht, wenn ich auch nur dran denke, an den Tag, wenn ich hier die Tür schließen muß. Das bringt mich um. Wenn ich Glück habe, ziehe ich in der Ambulanz mit Martinshorn um, oder gar nicht mehr.“

Herr Lemperle schluckt, den Tränen nah …

„Ich denke, dann lebe ich gar nicht mehr lange. Was soll ich dann noch auf diesem Stern? Wozu bin ich überhaupt noch da? Sag mir das mal einer! Ich war doch immer agil. Meine Studenten – oh, herrje, „Studierende“ heißt das ja jetzt, hoooohooo – die sind jetzt alle schon 40 und in der „Krise in der Mitte des Lebens“. Einen traf ich mal, besser er mich, zufällig an der Umkleidekabine bei Peek & Cloppenburg, ich in Unterhose, sagt der doch ansatzlos: Sie waren der Beste, Herr Professor. Bei Ihnen hat man was fürs Leben gelernt, bei den anderen nur für die Klausur.“ Das hatte ich Dir damals aber erzählt, oder? War ein schönes Lob, oh ja, das hält einen zwei Tage länger am Leben. Lob tut auch alten Menschen gut. Ich glaube, es war ein britischer Admiral, den man auf dem Sterbebett fragte, was er im Leben hätte besser machen können. Ich hätte mehr loben sollen, war seine Antwort, mehr loben.“

„Gerlinde lobt mich nicht. Im Gegenteil. Sie regt sich auf, weil ich den Herd angelassen hatte. Etwas Qualm, auch aus’m Fenster. Na ja, da standen dann wie aus dem Boden gewachsen drei rote, blitzblanke Löschzüge vor der Tür. Die Nachbarin mit den sieben kleinen Kläffern hat sie gerufen. Frag mich bloß, ob die Hundesteuer zahlt. – Ich bin arg erschrocken. Die Feuerwerker haben hier einen Terz gemacht, Du glaubst es nicht. Putzteufelin Gina hatte drei Tage zu putzen, aber sie brachte mir auch jeden Tag ne feine Hausmachersuppe mit, nebst Einlage; auch so ne Kochwurst mit scharfem Senf ist für mich ein heimeliges Souvenir, doch ja, seit Du nicht mehr um mich bist. Deine habe ich immer sehr gelobt, ist doch wahr, oder? Wenn Sie Klöße mitbringt, habe ich immer zwei im Hals: die ihren und einen, weil Du so fehlst. Ich denke dann an Dich, frag lieber nicht wie schmerzlich. Dann vergeht mir der Appetit und nachher wird mir blümerant, denn essen muß man auch als Alter noch. Und trinken. Bier ist bekömmlich. Sie haben verboten, daß man das draufschreibt, aber es ist wahr. – So gut kochen wie Du kann sie natürlich nicht. Ich leb eigentlich von Dosensuppen. Da kipp ich Maggi rein, obwohl sie von Maggi sind. Geht schnell und ist nicht sonderlich gesund. Aber an einem alten Auto kann man nicht mehr viel kaputtmachen. Oder, oder?“

„Hab später sogar noch ne Rechnung von der Feuerwehr gekriegt, Hildchen, dabei dachte ich, das sei in meinen Steuern drin. Na ja. Gerlinde mahnt mich wie einen Schüler, ich soll auch keinen Schnaps mehr trinken, ich hätt‘ ja gesehen, was da rauskommt; dabei ist der doch gut für die Arterien. Einer täglich. Aber sie meint, den nähme ich jetzt mehrfach, weil ich vergesse, daß ich den einen schon intus habe. Das würd‘ sie schon beim Telefonieren merken. Ich sach zu ihr: Alkohol bringt auf acht Dummheiten zwei Weisheiten zustande. Mein Schnapsschrankschlüsselchen find keiner, Lindchen, da könnt ihr lange stöbern. – Weißt Du, Hildchen, ich hatte einen Schlehenbrand von Oskar, kennst doch den Oskar, der aus dem Schrebergarten. Nen alten, fast 60-Prozenter, das gibt‘s nur noch im tiefsten Rußland, selbstgebrannt. 25 Kilo Schlehen hat der Oskar da drin, und ist kaum mehr als ein halber Liter. Der ging – wie Bergengruen mal meinte – den Schlund ‚runter wie ein Fackelzug‘, sag ich Dir. Und dann kam irgendwie die Feuerwehr. Wie das manchmal so paßt …“

Lemperle atmet tief durch.

„Ja, mein Gott, jetzt kommt es schlimm für mich, Hildchen, weil: ich muß Bücher aussortieren. Oh ja, herrje, das sticht mir ins Herz, nein: es bricht‘s mir. Meine geliebten Bücher…! Als müßte ich meine Kinder hergeben oder gar bestatten. Außer Gerlinde haben wir ja keinen Nachwuchs, und die ist fernab, und die Bücher noch daheim. Ich will es nicht. Wo ist mein Sessel?“

Herr Lemperle setzt sich in seinen Sessel und zündet sich eine Zigarre mit Streichholz an, pafft dann nachdrücklich in die Luft.

„Rauchen ist gesund … sagt Dr. Marlboro. – In dem Seniorenheim, da ist der Platz begrenzt, Hildchen. Trotz dem Schweinepreis. Und ich kann von meinen tausend Büchern, nein, es sind ja viel mehr, bloß so um die hundert mitnehmen, sagen die. Da blutet mir das Herz. Denn ich hab‘ doch immer in meinen Büchern gelebt. Ich habe mich in sie gekuschelt, nach harten Tagen, Tagen in befremdlich fremden Gefilden. In eine andere Welt gegangen, jedes Buch eine wunderbare Pforte. Messingbeschlagen. Nimm nur Mörike und seinen ‚Maler Nolten‘ …

Winzige Pause. Die Wanduhr schlägt.

„Sie waren kühle Freunde, ja, aber mir stets treuergeben, zuverlässig auftretende Gaukler, wann immer ich wollte. Sie waren meine Zuflucht. Du weißt es, Hildchen, hast ja mit mir gelesen. Kissen an Kissen. – Als Waisenkind war ich für jedes Buch unendlich dankbar, weißt Du. Die Schriftsteller waren meine Erzieher, von denen habe ich gelernt, was andere von ihren Eltern mitkriegen. – Ein Oberstudienrat, ich hatte ihn in Deutsch, der Obermüller, hat mir mal ein Buch geschenkt, da war ich noch Quintaner. Er lebt noch, bald 100 Jahre. Sein Präsent habe ich noch. Bevor ich es weggebe, schenke ich es lieber ihm mit einer Widmung unter seiner eigenen zurück. Ich weiß, daß er mich mochte, weil ich so gut Gedichte auswendig lernen und rezitieren konnte, und sie auch im Kopf behielt. Du erinnerst Dich doch, oder? Bis heute habe ich die drauf. Ich bin nicht dement, bloß etwas zerstreut. Zeig‘s Dir gleich, wie gut’s noch geht.“

Herr Lemperle spricht nun zu sich selbst, leiser.

„Meine liebsten Werke stehen im Mahagonischrank. Der war doch immer mein Traum. Wo der wohl hinkommt … zurück nach good old England, da kommt er ja her. „Land of Hope and Glory“, tja, wie das Leben so scherzt und schmerzt. The last Farewell

Herr Lemperle brüllt ansatzlos:

„Nein, ich nehme ihn mit, der muß in das Zimmer im Heim passen. Da bestehe ich drauf! Und wenn sie eine Wand durchbrechen müssen. Oder ich selber, trotz HWS-Syndrom. Auch ältere Semester haben ihre Rechte. Basta!“

Herr Lemperle hantiert nun mit einem Zettel. Und liest vor, wie ein Handwerker, der Werkstücke sortiert und spricht beruhigend auf seine Bücher ein:

„Ihr geht mit, sorgt Euch nicht, einmal gestorben genügt: Camus, Schweitzer, Kästner, Hemingway, Hesse, Kusenberg, Tucholsky, Roda Roda, Maugham, Capote …“

„Da, Doyle, mein Freund, wie der zum Wetter paßt: „Es war eine wilde stürmische Nacht gegen Ende November. Holmes und ich hatten den ganzen Abend schweigend beieinandergesessen, er damit beschäftigt, unter Zuhilfenahme einer Lupe, die verblichenen Buchstaben der alten Inschrift eines Palimpsests zu entziffern. Draußen heulte der Wind die Baker Street entlang, und der Regen klatschte gegen die Fensterscheiben.“

Herr Lemperle nun wieder vernehmlich zu Hildchen gewandt.

„Ach … ich sollte mich nicht so aufregen. Aber das wird alles so beschwerlich, kann doch nichts mehr heben, hehe, außer meinem Bierkrug. Wenn Gerlinde da wäre, wenn es soweit ist, hat ja nen kräftigen Freund. Vergeudet seine Kraft im Fitneß-Studio statt uns Enkel zu produzieren. Gerlinde hat einen schönen Gang. Genau wie Du ihn hattest. Das ist bei einer Frau sehr wichtig. Die meisten Frauen heute können nicht mal in einem Rock gehen, sie gehen in Jeans, wie John Wayne. Bloß hatte er welche ohne Löcher. – Eine Enkelin, bumm – und Du lebst wieder. Was macht der sonst überhaupt? Du, ich weiß es nicht mehr. Vielleicht ist er Klarinettist oder Kammerdiener oder Konteradmiral. Keine Ahnung, er kommt ja nie mit. – Früher wurde man noch höflich gefragt, ob man seine Tochter hergibt. Heute kannst Du den Freier allenfalls noch ersuchen, Dir Deine Tochter ab und an zu zeigen. Vielleicht nimmt er den Stöpsel aus dem Ohr. – Ich habe kürzlich überlegt, wer unsere Trauzeugen waren, ich weiß nur mehr einen davon. Und daß wir chinesisch essen waren. Ich weiß aber noch, wann und wo ich Trauzeuge war. – Du, Vergeßlichkeit ist ganz normal. Manchmal gehe ich ins „Yang Tsao“, weißte. Die Chefin ist aus Hongkong. Die sagt zu mir „Auch ein alter Büffel hat schöne Hörner“ und kennt Konfuzius fast persönlich. Der sacht: „Was du liebst, lass frei. Kommt es zurück, gehört es dir – für immer.“ Was nutzt mir das, wenn ich meine Bücher freigebe, die kommen nie mehr zurück.“

„Ach, Hildchen, wenn ich manchmal zufällig etwas im Haus finde, was Du gern mochtest, dann laufen mir gleich die Tränen herunter. Heute weinen ja alle Männer, vor allem die Sportler. Verloren oder gewonnen: Zack weinen die, stundenlang, solange Fernsehen dabei ist. Die Memmen. Wir haben früher nicht geweint. Ich weine jetzt aber auch oft. Vielleicht ne Hormonfrage.“

Herr Lemperle schneuzt sich und seufzt.

„Tja, Du hast auch viel geweint, liebes Hildchen, als Du mich verlassen mußtest. Nicht um Dich hast Du geweint. Nein. Sondern weil Du Dich nicht mehr um mich kümmern können würdest. Und dann wäre ja noch soviel aufzuräumen und zu waschen gewesen. Auf Deinen Grabstein hätte ich ritzen lassen sollen: „Bei ihr war es immer sauber“. Hihi. – Nein, sei mir nicht böse, sollte ein Witz sein. Galgenhumor. Zu Dir hat weit besser gepaßt und das habe ich ja geschrieben: „Als Gott sah, daß der Weg zu weit, der Hügel zu hoch und zu steil, der Atem zu schwer wurde, nahm er dich in die Arme und sprach ‚Komm heim‘“. Schade, daß die Menschen ihre eigene Todesanzeige nicht mehr lesen können. – Du hast mich verlassen, Hildchen. Beileibe nicht gerne. Aber verlassen. Fakt ist das schon. Kein Vorwurf. Nein, nein, das wäre Idiotie.“

„Tja, ins Grab nehmen die heute ein Handy mit, nebst Riesen-Akku, für Scheintote. Stell Dir vor, dann rufen mitunter die Verwandten an, um einfach mal nachzuhören, wie es so geht oder ob auch alles still ist, drin in der Kiste, während sie Dein Erbe verfressen; es müßt mal einer antworten und eine Portion Spaghetti Bolognese nebst Streukäse und Valpolicella ordern … irrwitzig. Ein Fest für BILD. – Gut, daß Du Dich nicht hast kremieren lassen. Das war von jeher unchristlich, auch wenn sie heute so tun. Und die Gräber sind manchmal so winzig, Hildchen … das ist menschenunwürdig. Geh mal zum Vergleich auf den Hundefriedhof, da wirste staunen. Würde muß sein, über den Tod hinaus. Würde, Respekt!“

Herr Lemperle schnauft vernehmlich.

„Ach, mein Hildchen … Ich weiß nicht, ob Du damals noch den zweiten Abschnitt des Gedichts von der König vernommen hast, na, von der Alma König, bevor Du eingeschlafen bist, für immer. Deine liebe Hand in meiner. Die Krankenschwester hat unsere Hände sanft auseinandergenommen. Aber für mich war es das Schwert eines Scharfrichters. – Ich hab‘ Dir doch in der Klinik vorgelesen. Das schien Dich so zu beglücken in all Deinem Schmerz. Komm, ich sag Dir beide Strophen auf, ich weiß, Du hörst mir zu:

Herr Lemperle läßt eine kleine Pause eintreten und dann rezitiert er sensitiv.

Doch denk’ ich nie, Du könntest mich verlassen.
Ich trau in Tränen Dir, wie einst im Glücke,
denn ein Gefühl wie dies – kann nicht verblassen.

Und baut uns Gott die Regenbogenbrücke,
wird uns das Wiedersehn zusammenpassen,
wie eines Rings entzweigesprung’ne Stücke. –

Gefällt es Dir? Ja?

Es tritt Stille ein. Herr Lemperle schluchzt, schneuzt sich dann.

„Hildchen, gib mir ein kleines Zeichen von unserer „Regenbogenbrücke“ herunter … Nicht? Na ja, Du wirst müde sein. Auch da oben bist Du sicher emsig, kenn Dich doch, mußt allen helfen, butterweiches, gutes Herz. Petrus wird Dich jedenfalls mehr mögen als den „Münchner im Himmel“. Ich hab‘ ja mehr von letzterem Naturell. Hm, Manna, wär auch nix für mich …

Die Wanduhr schlägt.

„Da, schau: mein guter alter Goethe – der trank jeden Tag zwei Liter Bocksbeutel, siehste, den orderte der fuderweise, kein Manna – hab alle Bände, fein säuberlich. Und Wilhelm Busch mit seinem langen Bohème-Bart; bei seiner Pafferei hätte der ihm eigentlich mal in Flammen aufgehen müssen: „Wer einsam ist, der hat es gut, Weil keiner da, der ihm was tut.“ Sagt der.

Aber Hildchen: Einsam ist nicht so schön. Oh nein! Du fehlst mir so … Schon beim Erwachen ist das Bett neben mir so unendlich leer. Und kalt. Weißte. – An Weihnachten war es mir ganz elend. –

Bei einem Unfall sterben manchmal beide Ehepartner zugleich. Schlimm. Dann trauert aber auch keiner. Doch ich, ich bin zurückgeblieben. Heimatlos – ohne Dich. Und bald ohne meine Bücher. Mein Rettungsanker von Kindheit an. Nur ein paar letzte Mohikaner bleiben mir, bei mir, als meine römischen Penaten. Oder ich miete einen Saal für sie. Aber dann werden sie mir am Ende noch fremd – sie gehören nach hier, zu mir, zwischen meine Teppiche und Kopfkissen. Deines liegt immer noch neben mir.“

„Hier, guck: Hermann Löns‘ „Der letzte seines Stammes“. Müßte mal abgestaubt werden. Der dichtete auch, weiß ja keiner, die meinen, der hätt nur das Wild dahergeschossen. Geht der freiwillig in den Weltkrieg und wird bei Reims erschossen. Dafür haben die Deutschen dann später den Saint-Exupéry abgeschossen. Jeder von den beiden war mehr wert als alle Generäle zusammen.

Der Löns wollte mal ne Ehe zu dritt führen, wäre nix für mich. Es sei denn, es gäb zwei von Deiner Sorte, Zwillinge. Flimmernde Sommerhitze in Poesie gegossen, das konnte der Löns, hör: „Es glüht die Luft wie ein Maschinenofen. Kein Menschenleben regt sich weit und breit. Der Baumpieper nur schmettert seine Strophen. Und hoch im Blau der Mäusebussard schreit“. Na ja, paßt jetzt nicht so zum Herbst. Aber zur Nostalgie.“

„Die Jugend, die Unreife, der Anfang, sind wunderschön, Hildchen. Aber die Jugendzeit schleicht sich auf Zehenspitzen davon, sie entwindet sich geschickt und lächelnd jedem Zugriff – und kommt nie mehr zurück, so sehr man auch flehen mag.“

„Und da Böll, Heinrich, mein Freund, beileibe „nicht nur zur Weihnachtszeit“, und natürlich der wandernde brandenburgische Ex-Apotheker Fontane, der hatte einen ähnlichen Approfondierungshang wie ich. Und Hesse. Steinbeck, Hemingway, beide tranken zuviel, und Guareschi qualmte zuviel, so wie Don Camillo alias Fernandel. Und alle meine anderen Freunde, Jules Maigret und Philipp Marlowe, die einfühlsamen, trinkfesten Hartgesottenen, in deren Welt ich immer wieder eintauchte. So gegen Mitternacht. Du schliefst dann meist schon. Ein, zwei Gläschen Armagnac nahmst Du gerne davor, ja ja, und ein Praliné, sag nicht, es wäre erfunden …“

„Da noch: Don Quijotes getreuer Sancho Pansa, der war herzhaft und wird ewig jung bleiben: „Wenn mein Herr ein so glückliches Händchen hat, daß er diesen Hurenbock von Riesen tötet, und töten wird er ihn bestimmt, falls er auf ihn trifft und falls er kein Gespenst ist, weil gegen Gespenster richtet mein Herr nichts aus.“

Herr Lemperle seufzt tief.

„Hildchen, ich würde gerne lachen können wie früher, aber ich kann es nicht mehr: auch ich richte ja gegen Gespenster nichts aus, wenn sie nächtens nach mit greifen. Ich bin zu sehr unglücklich. Sie nehmen mir jetzt alles und denken, es sei normal, der Lauf des Lebens.“

Herr Lemperle plötzlich munter.

Man hört im Background „Fools fall in Love“ von Elvis Presley anklingen, leise.

„Weißt Du noch, damals, in den goldenen 50-er Jahren: wir beide, jung und frisch, in unserem Tanzclub, wie hießen die noch, die Tanzgruppe da … ja: „The Flying Petticoats“, genau. Ich hatte Samtschuhe, blaue. Elvis Presley. Jerry Lee Lewis, der Irre, der konnte fast besser Klavier spielen als Rubinstein und Chopin zusammen. Mit den Füßen, Cowboystiefeln. Dich nannten sie „Hilde die Wilde“. Weißte noch … und Dein Petticoat, der roch nach Chanel No. 5. Ich habe es Dir nie gesagt, daß ich den Duft nicht so sehr mochte. Aber: Gaaanz doll Dich. Dich …. Viel mehr als die Marylin, die Ärmste.“

„Der Doktor gibt mir Pillen gegen Depression. Grüne und rote. Sie lullen mich manchmal wohltuend ein. Aber die Tristesse ist stärker, die Natur verjagt die Pillen und spricht Klartext. Ein Schnaps ist dann ganz gut. Unser Weinkeller ist auch noch prima bestückt. Es sind noch alle Weine da, die Du mochtest. Sie sind nicht mehr trinkbar. Gegen Obstfliegen kann ich sie noch verwenden, ein Glas voll, Tropfen Spüli rein, fertig ist der Massenmord … – Wenn Du wiederkämst, würde ich Dir gleich neue kaufen. Ja, ich würde Dir gerne neue kaufen, dort wo sie wachsen. Ohne Stengel gekeltert. Ja, das würde ich machen. Ich würde alles für Dich machen. Sogar alle meine bunten Pillen auf einmal nehmen. Wenn Du nur wiederkämest. Du …“

Im Hintergrund hören wir sanft und leise „Minor Swing“ von Django Reinhardt. Es verklingt erst, wenn Herr Lemperle den nächsten Abschnitt zu Ende gesprochen hat. Seine Stimme klingt träumerisch, genießerisch.

„Denkst Du noch an den Süden? Das Meer? «

Herr Lemperle singt dazwischen:

« La mer – qu’on voit danser le long des golfes clairs. »

Provence? Griechenland? Andalusien? Die Extremadura, die Adler, die Blauelstern? An die Eidechsen am alten überwucherten Gemäuer? Hab vergessen, wo genau das war. Wir hatten Süden im Herzen. Jeden Tag. Auch bei Sturm. Und bei Storm.“

Im Hintergrund tobt der ums Haus fahrende Sturm. Man hört Herrn Lemperle in Buchseiten rascheln, die fast wie brüchiges Pergament klingen.

„Die Bande der Liebe werden mit dem Tod nicht durchschnitten, meint Thomas Mann. – Hildchen, ja doch, da hat er recht der Mann, und hier, hör zu, von Theodor Storm, ja, das kann uns keiner nehmen, nein, das nicht. Nie.

Wer je gelebt in Liebesarmen,
Der kann im Leben nie verarmen;
Und müßt’ er sterben fern, allein,
Er fühlte noch die sel’ge Stunde,
Wo er gelebt an ihrem Munde,
Und noch im Tode ist sie sein.

„Ja, Du bist mein.

Was sagst Du? Wie, bitte? Ich soll endlich meinen Nachmittagsschlaf machen und nachher meinen Spaziergang? Aber ja. 5000 Schritte. Der Herbst mit seinen bunten Blättern, er weist uns den Weg. Ins Nirwana, in die Ewigen Jagdgründe.“

„Ehedem gab es Stiefelknechte. Gerade keiner zur Hand, schade. Bei allen schlimmen Geschichtsereignissen wie Kriegen und Seuchen, die es ja auch jetzt noch gibt: Wenn die Heutigen wüßten, wie heimelig menschelnd es die Menschen in Barock und Biedermeier und in der wilhelminischen Zeit miteinander hatten, würde eine Revolution ausbrechen. Sie würden sich die Automatisierung ihres Menschseins nicht länger bietenlassen. Wer kann sich denn heute noch in ein Gedicht hineindenken und versetzen? Die Antennen fehlen, sind abgebrochen. Das ehedem von den Franzosen so bewunderte deutsche seelenvoll-romantische Tiefgründeln, wo ist es denn? Ersetzt durch Burger King, Facebooks, Amazons und Konsorten.“

Herr Lemperle zieht unwirsch ächzend feste Schuhe an und verläßt das Haus. Er geht in den nahen Wald. Herbstlaub raschelt.

„Hildchen, guck, der „Anselm-Lemperle-Spielplatz“. Den hab ich nach mir benannt, auch wenn er der Gemeinde gehört. Sonst nennen sie ihn am Ende noch „Playground“, dann fällt man moderner von der Schaukel auf die Fresse. Ich zahle schließlich Steuern, und irgend etwas muß ja später an mich erinnern, wenn jetzt an jeden verfilzten Parteibuchmänneken erinnert wird. Die nennen den jetzt auch schon so, „Anselm-Lemperle-Spielplatz“, im Volksmund quasi. Hihi. -Wenn ich bloß nicht wieder der alten Tusnelda begegne. Tut schön, aber hinter dem Rücken schwärzt sie jeden an. Jüngst hielt sie mich an. Und erzählte mir doch tatsächlich, daß ihr Mann immer gesagt habe, mit ihren prallen Brüsten könne man so herrlich schmusen. Ich sagte: „Das, wenn ich’s recht besehe, scheint mir ein durchaus zulässiger Verwendungszweck zu sein. Schönen Tag noch.“ und schritt aus. Sie rief mir nach: „Aber, Herr Professor …“, mit solch ‚nem künstlich-entsetzten Ton, den sie sich wohl für besondere Gelegenheiten aufgehoben hat …“

„Ist schon dunkel, Hildchen, die Tage sind kurz geworden. Als Kind hatte ich oft Angst, weißt Du? Vor der Dunkelheit. Vor allem vor dem rußgeschwärzten Heizer Nikolaus Sperrbauer im Kohlenkeller meiner Penne, dabei war er ein guter Kerl. Trank viel Cola und schlief trotz all dem Koffein dann selig auf den Kohlen, der Direx kam da schließlich nie runter, war ihm zu staubig. Apropos schwarz: Jetzt nehmen uns die Polit-Narren sogar den schwarzen König Melchior weg. Noch ein Stück überkommener, liebenswerter Kultur futsch. Weil keiner aufsteht und dagegen demonstriert. Dabei hat der ne Krone auf. Diese Eiferer mit ihren verqueren Rassismus-Unterstellungen. Unser Krippchen wird nicht geändert, basta, das sind wir schon meiner Uroma schuldig, ist doch von ihr.“

„Ach, weißte ich, ich sollte mich aber auch nicht so ereifern, tut mir nicht gut“.

Herr Lemperle bleibt stehen, stöhnt und seufzt. Dann fängt er sich.

Blätterraschelnd schreitet der weiter.

„Angst, hm, vor was soll ich noch Angst haben, Hildchen. Aber ich habe Angst, Furcht. Vor der Finsternis in meinem Sarg? – Nein, ich genieße die Stille. Wie Ferdinand von der Saar, hör ihm zu:

Des Parkes weite Räume
Umflort die stille Nacht;
Es steh’n die alten Bäume
In düst’rer Wipfelpracht.

Die Pfade wie versunken,
Am Himmel nicht ein Stern;
Verstummt ist schlummertrunken
Das Leben nah und fern.

Herr Lemperle kehrt stöhnend vorzeitig ins Haus zurück. Man hört seine Schritte weiter im Laub knistern, er beeilt sich. Kurzatmig.

„Ist mir nicht so gut. Ich will nicht mehr weiterräumen, Hildchen. Meine Bücher aussortieren, sie auf einen Tisch vor die Türe stellen, alle für 50 Cent. Nein! Mit meinen intimen Anmerkungen drin, mit meinem Namen, mit mir drin, hochpersönlich – nein! Das hieße, mir ins eigene Fleisch zu schneiden. Nein!“

„Hildchen, ich wäre so gerne bei Dir. Ich fühle mich unerhört zu Dir hingezogen, grad in diesem Moment, manchmal sagen die Leute dafür: Ich liebe Dich. – Ich weiß noch, wie wir unter den blühenden Apfelbäumen standen, im Halbdunkel, Nieselregen. Wir kannten uns erst ein paar Wochen. Du warst so warm und so weich. So strahlend bescheiden. Und klug.“

Im Hintergrund hören wir derweil sanft und leise hinein in „Moon River“ von Mantovani. Es verklingt, wenn Herr Lemperle weiterspricht.

„Unauslöschliche Impressionen. Du wußtest schon früh, daß sich Männlichkeit nicht an der Behaarung ablesen läßt. Früher haben sich Männer und Frauen noch ergänzt, heute werden sie auf Konkurrenz getrimmt. Und immer nur die Feministinnen-Doppler: Lawinen und Lawininnen. Die Jobs werden jetzt nach Slipinhalt vergeben statt nach Kompetenz, weißte. Da muß man im OP ja Angst kriegen. Mein Gott. Ich will mich aber nicht aufregen. Es ist mir nicht gut, Hildchen. Wahrlich nicht … Ich darf mich nicht echauffieren, nein, nein.“

Ruhe seitens des Herrn Lemperle, aber man vernimmt Herbstgeräusche.

„Vielleicht muß ich wirklich von dannen, unser Haus ist schon lange ein halbfremdes Terrain, so ohne Dich, meine Göttin. Aber nicht ins Seniorenheim. Bitte bitte nicht. – Ich würde ja gerne bei Lindchen leben und dort sterben, in ihren Armen, wenn schon nicht in Deinen. Aber die gute alte Zeit der Großfamilie, die jeden umsorgt, die ist längst vom Winde verweht. Wir leben in einer Industrielandschaft mit Grünflächen. Ökonomie ist nicht kuschelig.“

„Es heißt „das Alter bringt sein Licht mit“, so sagen die Franzosen. Für mich erlischt es mit meinen Büchern, Hildchen. Mit einem Fortzug in eine fremde Umgebung. Heimat ist da, wo die Bäume Dich kennen, nicht da, wo Du die Bäume kennst.“

„Es währt gar nicht mehr lange, Hildchen, ich komme. Du weißt, auf mich war immer Verlaß.“

Herr Lemperle setzt sich hörbar fest hin. Und stöhnt, unter Schmerzen. Einige Zeit, ohne daß etwas geschieht. Dann:

„Ich bin ………. plötzlich ungemein müde, und schwindlig – oh, oh, ich habe meine Tabletten heute nicht genommen, fällt mir ein. Es klopft in mir, mein Hildchen. Ich will nicht mehr wegräumen, ich will mich lieber wegträumen ………….. hin zu Dir, als ewig junger Staufer, als Konradin:

Nun setzt Musik ein: Der Titel „Maria Elena“, klassische spanische Gitarre. Herr Lemperle vermag das Nächste noch zu sprechen, hauchend, stockend, aber klar.

„Ich habe dich reiten sehen, in den Morgen hinein, durch den blassgoldenen Dunst, zwischen kahlen Bergen, auf staubtiefen Wegen, an Kastellen vorbei, durch Dörfer, durchs Land, in die Fremde, immer weiter, weiter, nach Süden hin …“

Am Ende wird seine Stimme hoffnungsvoller, er sieht etwas Auserlesenes, Anmutiges, Behagliches auf sich zukommen, was ihn stimmlich bei aller Brüchigkeit belebt …

Dann ein Schlag, ein Aufprall.

Die Musik läuft unbeeindruckt, aber leiser weiter.

Kurze Stille. Der Regen und der Sturm bieten ein kurzes Geräusch-Intermezzo.

Raumpflegerin Gina sperrt auf, betritt das Haus.

Sie reagiert bestürzt, doch nicht hysterisch, als sie Herrn Lemperle auf dem Boden auffindet.

„Die Einkäufe …“ flötet sie noch fröhlich beim Hereinkommen, doch im kommenden Satz wird aus Heiterkeit langsam stutzendes Entsetzen. „Hallihallo, H e r r  … L e m p e r l e …“

Nachdem sie seinen Puls gefühlt hat – „Kein Puls“ haucht sie – wählt sie eilends die Notrufnummer.

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Der anhaltende Krieg in der Ukraine verändert die gesamte Sicherheitsarchitektur Europas. Der russische Angriffskrieg zwingt die NATO und die EU dazu, die Bewahrung von Frieden und Freiheit in dem Teil Europas, in dem wir das große Glück haben zu leben, wieder zur vorrangigen politischen Priorit

Das Maggie Thatcher-Double dürfte Boris Johnson beerben

Im Machtkampf um Johnsons Nachfolge hat Liz Truss beste Siegchancen. Die Parteibasis der Torys liebt sie, weil sie allerlei Erinnerungen an Margaret Thatcher weckt. Doch diese Rolle spielt sie recht dreist. Von Wolfram Weimer

Theater des Schreckens

Die Geschichte der Todesstrafe und ihrer Vollstreckung zeigt: Menschen drängten zu allen Zeiten danach, Augenzeuge einer Hinrichtung zu sein, möglichst nah dabei zu sein, um das blutige Ritual zu verfolgen. Entsetzen und Schaudern, Entzücken und Empörung, Emotion und Aktion – die Symbolik de

Deutschland braucht eine neue Standortagenda

Deutschland steht am Rande einer Rezession. Die Kaufkraft der Konsumenten leidet unter dem Inflationsschub, der durch die Verteuerung von Energie und Nahrungsmitteln angestoßen wurde und inzwischen viele andere Gütergruppen erfasst hat. Solange der Ukraine Krieg und die Sanktionen gegenüber Russl

Wir wären vollkommen verrückt, wenn wir die Kernkraftwerke vom Netz nehmen

Es gibt keinen Grund zur Panik. Aber es gibt angesichts möglicher Energieversorgungsengpässe im Herbst dringenden Handlungsbedarf – im Sommer trotz der Parlamentsferien. Von Friedrich Merz

Merkel vor Kohl: So werden die Kanzler seit der Wiedervereinigung bewertet

Von 1998 bis 2005 war Gerhard Schröder Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Er führte eine rot-grüne Koalition. Wenn man heute fragt, welcher Bundeskanzler seit der Wiedervereinigung die Interessen Deutschlands am besten vertritt oder dies getan hat, belegt Alt-Kanzlerin Angela Merkel (38 Proz

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