Nur von Gott kommt die wirkliche Revolution. Joseph Ratzinger

Brauchen wir eine gesellschaftliche Ethik-Debatte?

Wissenschaft und Technologie sind Projekte der Aufklärung. Seit dem 18. Jahrhundert verbinden sich mit ihnen die Erwartung auf Emanzipation, Autonomie und Freiheit. Der Leitgedanke der Aufklärung „sapere aude“ findet in den Natur- und Technikwissenschaften seine Materialisierung. Ein Beitrag von Norbert Arnold.

Der wissenschaftlich-technische Fortschritt ist seither zum festen Bestandteil der europäischen Kulturgeschichte geworden. Das Projekt der Aufklärung trägt bis heute – freilich mit zahlreichen Blessuren: Viele Erwartungen wurden nicht erfüllt; es gab Fehlentwicklungen und Missbrauch. Deshalb muss an die Stelle des naiven Fortschrittsglaubens ein reflektierender Zukunftsoptimismus treten, der die Ambivalenz von Wissenschaft und Technik nicht verkennt und sie durch Ethik und Recht eingrenzt, so dass Risiken minimiert und Chancen für den Menschen maximiert werden.

Spektakulärer Spross des technischen Fortschritts ist die Künstliche Intelligenz (KI), deren Anfänge rund fünfzig Jahre zurückreichen, die aber erst jetzt wieder verstärkt öffentlich wahrgenommen wird und derzeit einen enormen medialen Hype erlebt. Ihre Zukunftsperspektiven werden mit Enthusiasmus diskutiert, der oft ans Utopisch- Visionäre grenzt. Die Übergänge von Science und Science Fiction verschwimmen. Und doch scheint dieser unendliche Optimismus gerechtfertigt. Deep Blue, Watson und AlphaGo haben gezeigt, was Künstliche Intelligenz leisten kann. Unzählige Beispiele ließen sich ergänzen. Sie alle belegen den rasanten Fortschritt. Mittlerweile sickert KI in alle Bereiche des Lebens und demonstriert ihre Wirkkraft – nicht nur im Labor, sondern in der konkreten Lebenswelt: Der smarte Sprachassistent, der Autopilot im Fahrzeug, die Suchmaschine im Internet, Algorithmen in der Versicherungswirtschaft und Bild- und Spracherkennung sind nur einige Beispiele, die verdeutlichen, mit welcher Macht KI in unser Leben dringt. Auch wirtschaftlich sind die Hoffnungen riesig: Ein neuer Innovationszyklus verspricht Wachstum und Wohlstandssicherung.

Verglichen mit anderen Zukunftstechnologien, etwa der Gentechnik, hält sich die Debatte über ethische und rechtliche Herausforderungen der KI bisher in Grenzen. Eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Chancen und Risiken der KI für Mensch und Gesellschaft findet außer in Fachkreisen kaum statt. Dies war in allen Zeiten der Gentechnik-Debatte anders. Schon seit ihren Ursprüngen in den 1960er-Jahren wurde über ihre Innovationspotentiale genauso wie über ihre Risikopotentiale nachgedacht, sowohl in Fachkreisen als auch in der breiten Öffentlichkeit: Die Feuilletons waren voll mit ethisch motivierten Betrachtungen: Es ging um das Mensch-Sein, um Menschenwürde und Menschenrechte. Auch heute noch reagieren die Medien auf neue Entwicklungen in den Lifesciences kritisch, sei es in der Stammzellforschung, beim Klonen oder in der Fortpflanzungsmedizin. Gentechnikfreie Zonen zu fordern ist populär, der Ruf nach digitalisierungsfreien oder KI-freien Räumen klingt absurd. Warum ist das so? Warum bleiben grundsätzlichen Ethikdebatten zur KI bisher aus?

Dringlich ist die grundsätzliche Frage nach der „menschendienliche Perspektive“, die die deutschen Bischöfe in Bezug auf die Gentechnik nachdrücklich stellen –, warum nicht auch für KI? Wie alle Naturwissenschaften wirkt KI antimetaphysisch. Sie greift tradierte Menschenbilder an und stellt das Selbstverständnis des Menschen in Frage. Sigmund Freud diagnostizierte drei durch Wissenschaft induzierte „Kränkungen der Menschheit“: (1.) kosmologisch: Wir sind nicht der Mittelpunkt der Welt; (2.) biologisch: Wir sind Tiere (wenn auch besondere); (3.) psychologisch: Wir sind nicht so frei, wie wir denken. KI fügt uns eine weitere Kränkung zu: intellektuell. Intelligenz und Kreativität sind nicht länger Alleinstellungsmerkmale des Menschen. Maschinen werden es auch können – und in bestimmten Fällen sogar besser. Das Wissen der Menschheit wächst, und doch wird es immer schwieriger, den Menschen zu definieren. Grenzen zwischen dem natürlich Gegebenen und dem künstlich Gemachten verschwimmen. Zwischen Wahrheit und Fake und zwischen Realität und Fiktion lässt sich in Zeiten der Digitalisierung nicht mehr sicher unterscheiden. Offen ist auch, was mit der Freiheit wird: Trägt die Digitalisierung eher zu Gleichheit und Demokratie bei? Oder verschärft sie Kontrolle und Diskriminierung? Es bedarf einer neuen Selbstvergewisserung, die die in der Aufklärung entwickelte Fortschrittsidee reflektiert und die Frage stellt, wie die „menschendienliche Perspektive“ der Künstlichen Intelligenz gestaltet werden kann.

Quelle: Konrad-Adenauer.-Stiftung

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Herbert Ammon, Anke Domscheit-Berg, Edgar Ludwig Gärtner .

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