Brauchen wir eine gesellschaftliche Ethik-Debatte?

von Norbert Arnold3.12.2018Wissenschaft

Wissenschaft und Technologie sind Projekte der Aufklärung. Seit dem 18. Jahrhundert verbinden sich mit ihnen die Erwartung auf Emanzipation, Autonomie und Freiheit. Der Leitgedanke der Aufklärung „sapere aude“ findet in den Natur- und Technikwissenschaften seine Materialisierung. Ein Beitrag von Norbert Arnold.

Der wissenschaftlich-technische Fortschritt ist seither zum festen Bestandteil der europäischen Kulturgeschichte geworden. Das Projekt der Aufklärung trägt bis heute – freilich mit zahlreichen Blessuren: Viele Erwartungen wurden nicht erfüllt; es gab Fehlentwicklungen und Missbrauch. Deshalb muss an die Stelle des naiven Fortschrittsglaubens ein reflektierender Zukunftsoptimismus treten, der die Ambivalenz von Wissenschaft und Technik nicht verkennt und sie durch Ethik und Recht eingrenzt, so dass Risiken minimiert und Chancen für den Menschen maximiert werden.

Spektakulärer Spross des technischen Fortschritts ist die Künstliche Intelligenz (KI), deren Anfänge rund fünfzig Jahre zurückreichen, die aber erst jetzt wieder verstärkt öffentlich wahrgenommen wird und derzeit einen enormen medialen Hype erlebt. Ihre Zukunftsperspektiven werden mit Enthusiasmus diskutiert, der oft ans Utopisch- Visionäre grenzt. Die Übergänge von Science und Science Fiction verschwimmen. Und doch scheint dieser unendliche Optimismus gerechtfertigt. Deep Blue, Watson und AlphaGo haben gezeigt, was Künstliche Intelligenz leisten kann. Unzählige Beispiele ließen sich ergänzen. Sie alle belegen den rasanten Fortschritt. Mittlerweile sickert KI in alle Bereiche des Lebens und demonstriert ihre Wirkkraft – nicht nur im Labor, sondern in der konkreten Lebenswelt: Der smarte Sprachassistent, der Autopilot im Fahrzeug, die Suchmaschine im Internet, Algorithmen in der Versicherungswirtschaft und Bild- und Spracherkennung sind nur einige Beispiele, die verdeutlichen, mit welcher Macht KI in unser Leben dringt. Auch wirtschaftlich sind die Hoffnungen riesig: Ein neuer Innovationszyklus verspricht Wachstum und Wohlstandssicherung.

Verglichen mit anderen Zukunftstechnologien, etwa der Gentechnik, hält sich die Debatte über ethische und rechtliche Herausforderungen der KI bisher in Grenzen. Eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Chancen und Risiken der KI für Mensch und Gesellschaft findet außer in Fachkreisen kaum statt. Dies war in allen Zeiten der Gentechnik-Debatte anders. Schon seit ihren Ursprüngen in den 1960er-Jahren wurde über ihre Innovationspotentiale genauso wie über ihre Risikopotentiale nachgedacht, sowohl in Fachkreisen als auch in der breiten Öffentlichkeit: Die Feuilletons waren voll mit ethisch motivierten Betrachtungen: Es ging um das Mensch-Sein, um Menschenwürde und Menschenrechte. Auch heute noch reagieren die Medien auf neue Entwicklungen in den Lifesciences kritisch, sei es in der Stammzellforschung, beim Klonen oder in der Fortpflanzungsmedizin. Gentechnikfreie Zonen zu fordern ist populär, der Ruf nach digitalisierungsfreien oder KI-freien Räumen klingt absurd. Warum ist das so? Warum bleiben grundsätzlichen Ethikdebatten zur KI bisher aus?

Dringlich ist die grundsätzliche Frage nach der „menschendienliche Perspektive“, die die deutschen Bischöfe in Bezug auf die Gentechnik nachdrücklich stellen –, warum nicht auch für KI? Wie alle Naturwissenschaften wirkt KI antimetaphysisch. Sie greift tradierte Menschenbilder an und stellt das Selbstverständnis des Menschen in Frage. Sigmund Freud diagnostizierte drei durch Wissenschaft induzierte „Kränkungen der Menschheit“: (1.) kosmologisch: Wir sind nicht der Mittelpunkt der Welt; (2.) biologisch: Wir sind Tiere (wenn auch besondere); (3.) psychologisch: Wir sind nicht so frei, wie wir denken. KI fügt uns eine weitere Kränkung zu: intellektuell. Intelligenz und Kreativität sind nicht länger Alleinstellungsmerkmale des Menschen. Maschinen werden es auch können – und in bestimmten Fällen sogar besser. Das Wissen der Menschheit wächst, und doch wird es immer schwieriger, den Menschen zu definieren. Grenzen zwischen dem natürlich Gegebenen und dem künstlich Gemachten verschwimmen. Zwischen Wahrheit und Fake und zwischen Realität und Fiktion lässt sich in Zeiten der Digitalisierung nicht mehr sicher unterscheiden. Offen ist auch, was mit der Freiheit wird: Trägt die Digitalisierung eher zu Gleichheit und Demokratie bei? Oder verschärft sie Kontrolle und Diskriminierung? Es bedarf einer neuen Selbstvergewisserung, die die in der Aufklärung entwickelte Fortschrittsidee reflektiert und die Frage stellt, wie die „menschendienliche Perspektive“ der Künstlichen Intelligenz gestaltet werden kann.

Quelle: “Konrad-Adenauer.-Stiftung”:https://www.kas.de/kurzum/detail/-/content/kunstliche-intelligenz

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die erstaunlichen Geschäfte der Greta Thunberg-Lobby

Greta Thunberg bricht mit einem Segelboot in die USA auf. Das globale Medienspektakel um die Klimaschützerin erreicht einen neuen Höhepunkt. Doch im Hintergrund ziehen Profis ihre PR-Strippen und machen erstaunliche Geschäfte.

"Ganz klar die Ausländerkriminalität."

Vor einigen Wochen stellte Friedrich Merz völlig zu Recht - aber natürlich auch völlig entsetzt - fest, dass sehr viele Polizisten und Soldaten mittlerweile Unterstützer der Alternative für Deutschland sind.

Der Rest der Welt hält Deutschland für verblödet

Deutschland ist nur für kaum mehr als 1 % des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich ist, während China, der größte Emittent, vom Pariser Klimaschutzabkommen das Recht auf Steigerung seiner CO2-Emissionen eingeräumt bekommen hat. Die politisch herbeigeführte Verelendung der deutschen Bevölk

Die SPD tut eigentlich sehr viel für die Menschen

Die Halbzeitbilanz entscheide über den Verbleib der SPD in der GroKo, sagt die kommissarische Parteichefin Schwesig. Was sie weiter saghte, sehen Sie hier!

Unsere Positionen sind keineswegs AfD-nah

Gern unterstellen unsere Gegner der WerteUnion, unsere Positionen seien AfD-nah. Die Realität ist aber, dass die WerteUnion Positionen vertritt, die über Jahrzehnte unbestritten Positionen der CDU/CSU waren. Leider hat die alte Parteiführung diese Positionen in den letzten Jahren aber über Bord

Warum Sie aus der Klimakirche austreten sollten

Es gibt in der Wissenschaft unterschiedliche Meinungen darüber, ob es eine allgemeine Klimaerwärmung gibt und welchen Anteil der Mensch daran hat. Diese unterschiedlichen Positionen werden von Politik und Systemmedien nicht offen diskutiert; vielmehr wird wahrheitswidrig behauptet, dass nur ein un

Mobile Sliding Menu