Eine homogene „islamische Welt“ gibt es nicht

Nora Knobloch13.05.2016Gesellschaft & Kultur, Politik

Die Ansicht vieler Deutscher, dass Flüchtlinge ein inakzeptables Frauenbild im Gepäck nach Deutschland bringen würden, ist von vielen Vorurteilen und Pauschalisierungen unterlegt.

Zunächst ist es wichtig, diesen Fakten gegenüberzustellen: Die Silvesternacht von Köln bewegt viele Menschen dazu, ohne genauere Überprüfung zu behaupten, die Täter seien Flüchtlinge gewesen. Damit zeigen sich diese ähnlich unreflektiert, wie AfD-Anhänger, die die grausamen Vorkommnisse der Silvesternacht für Plakatsprüche nutzten wie „Rapefugees not welcome“ und diese Parolen seitdem bestätigt sehen. De facto waren (nach Angaben des Oberstaatsanwalts Kölns, Ulrich Bremer) drei der 58 Verdächtigen Flüchtlinge, die im letzen Jahr nach Deutschland kamen, zwei Syrer und ein Iraker. Von den Syrern, die sich am folgenden Tag demonstrativ am Kölner Hauptbahnhof von den Vorkommnissen distanzierten, sowie einer Gruppe Syrer, die eine Frau vor der nächtlichen Gewalt schützten, ist in den Argumenten kaum die Rede – was ihre Einseitigkeit zeigt. Menschen, die nach Europa flüchten, sind eine genauso heterogene Gruppe wie Menschen, die zufällig das „Privileg“ haben, in Europa geboren zu sein, und überall gibt es Menschen, die Straftaten begehen. Spätestens nachdem das Bundeskriminalamt im November letzten Jahres bekannt gab, dass die Gewalt von Flüchtlingen nicht angestiegen ist, sondern lediglich die Gewalt gegen Flüchtlinge, beispielsweise in Form von Angriffen auf Asylunterkünfte, sollte das Bild vom kriminellen Flüchtling obsolet sein.

Eine homogene „islamische Welt“ gibt es nicht

Wenn Flüchtlinge als islamisch und arabisch gekennzeichnet werden, so schwingt damit oft ein abwertendes stereotypes Wahrnehmungsmuster mit, das als Ausdruck einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit gedeutet werden kann. Eine homogene „islamische Welt“ gibt es nicht – der Islam weist von Indonesien bis Marrokko mannigfaltige religiöse und kulturelle Unterschiede auf, auch was die Ansichten über die Stellung der Frau in der Gesellschaft betrifft. Damit soll ein sexistischer und frauenverachtender Alltag in verschiedenen arabischen Gesellschaften keinesfalls verharmlost werden. Tatsächlich ist die Situation für Frauen in mehreren arabischen Ländern ein Grund zur Empörung, ihre Diskriminierung in Staat und Gesellschaft wird von Politik und instrumentalisierter Religion gerechtfertigt.

Im Iran wird die Scharia als Gesetzesgrundlage verwendet, sodass Frauen in fast allen gesellschaftlichen und staatlichen Bereichen massiv benachteiligt werden. Auch hat der Iran die UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau nicht unterzeichnet. In Ländern wie Tunesien hingegen haben es überwiegend weibliche Aktivistinnen im Laufe der Zeit seit dem Arabischen Frühling geschafft, im Januar 2014 eine neue Verfassung genehmigen zu lassen, in der die Gleichstellung von Mann und Frau festgeschrieben ist.

Erst 1993 wurde „Gewalt gegen Frauen als Verletzung der Menschenrechte“ anerkannt

Die unterschiedlichen arabischen patriarchalischen Gesellschaften sind ein zu komplexes Phänomen, als dass es durch pauschale arabophobe Attributszuweisungen wie „der arabische Mann unterdrückt Frauen“ zu erklären sei. Nicht zuletzt wurde bis vor relativ kurzer Zeit die historisch-politische Entwicklung vieler arabischer Länder von Kolinialisierungen und kruden politischen Einmischungen des Westens – zu dessen monetären Nutzen – geprägt und wird es noch heute. Wo stünde unsere Gesellschaft, wenn „wir“ unter jahrhunderterlanger Fremdbestimmung und Herrschaft anderer Völker keine Chance gehabt hätten, uns zu entwickeln? Hätten „wir“ unter diesen Umständen zum heutigen Zeitpunkt die (verbesserungswürdige) Gleichstellung von Frau und Mann gesetzlich festgeschrieben und ein (ausbaufähiges) Bildungssystem entwickelt, welches Menschen die Freiheit und die Grundlagen bietet, sich ihres eigenen Verstands zu bedienen?

Und auch im demokratischen Nachkriegsdeutschland wurde erst 1977 ein Eherecht eingeführt, das „die Verpflichtung der Frau zur Haushaltsführung“ abschaffte, und erst 1993 wurde „Gewalt gegen Frauen als Verletzung der Menschenrechte“ anerkannt.

Die Tatsache, dass es in Deutschland noch heute Missstände bei der Gleichbehandlung von Mann und Frau gibt – wie Ungleichbehandlung und Bezahlung im Beruf bei gleichen Positionen und Fähigkeiten oder der alltäglichen Objektifizierung und Vermarktung des weiblichen Körpers –, sollte dazu führen, dass wir unser Bild vom anderen hinterfragen und nicht hinter stereotype Wahrnehmungsmuster zurückfallen.

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