Erfolg kann auch Verführung sein und kann so den Weg auftun für die Verfälschung des Rechts, für die Zerstörung der Gerechtigkeit. Joseph Ratzinger

Wider Doppelmoral und Heuchelei

Affären sind eine gesellschaftliche Realität. Seitensprung-Portale bringen Gleichgesinnte lediglich zusammen, am gesellschaftlichen Verfall sind ganz andere schuld.

In den 80er- und 90er-Jahren noch verpönt, hat sich Online-Dating in nur wenigen Jahren als zweithäufigste Art einen Partner zu finden etabliert. Es wird nur von der „traditionellen“ Methode, jemanden durch Freunde kennenzulernen, übertroffen. So beeindruckend diese Verschiebung unserer sozialen Gewohnheiten auch sein mag, sie ist kaum verwunderlich, wenn man berücksichtigt, wie schnell und grundlegend sich unser Leben durch die technologische Revolution gewandelt hat.

Untreue Männer werden gefeiert, untreue Frauen verteufelt

AshleyMadison.com trägt auf zwei Arten zu dieser Veränderung bei. Bis vor Kurzem suchte man noch innerhalb des eigenen sozialen Netzwerkes – Freunde, Familie, am Arbeitsplatz – nach einem Seitensprung. Das Risiko entdeckt zu werden und die daraus resultierenden Schwierigkeiten waren unverhältnismäßig hoch. Über 16 Millionen Menschen in 25 Ländern nutzen unseren Service als Alternative, um einerseits die perfekte Affäre zu finden, die nicht nur im Kennenlernen des perfekten Affären-Partners besteht, und um andererseits die Entdeckung zu verhindern.

Unsere Mission besteht außerdem darin, die Geschlechtergerechtigkeit in Sachen Untreue merklich zu steigern. In unserer Gesellschaft wurde und wird immer noch ein untreuer Mann als Symbol der Männlichkeit gefeiert, wohingegen Frauen, die fremdgehen, verteufelt werden. Jahrhundertelang hatten Männer eine regelrechte Infrastruktur zur Verfügung, die ihnen Untreue ermöglichte und vereinfachte. Frauen hingegen hatten bis zum Aufkommen des Internets niemals solche Möglichkeiten. Aus diesem Grund wählte ich 2002 die zwei beliebtesten amerikanischen Mädchennamen, Ashley und Madison, als Markennamen und gab der Seite einen femininen Look. Frauen sollten sich von Anfang an sicher und willkommen fühlen und sich mit unserer Seite identifizieren können.

Ich werde immer wieder gefragt, wer unseren Dienst nutzt. Bemerkenswert ist, dass wir Mitglieder überall auf der Welt haben, aus allen Bereichen des Lebens, Altersgruppen und sozialen Schichten. Eine interessante Geschichte von vor ein paar Jahren betrifft einen 72-jährigen Mann. Er schrieb mir und beschwerte sich, dass die Suchparameter nur für bis zu 60-Jährige ausgelegt seien, er in den Suchergebnissen demnach niemals auftauchen würde. Natürlich haben wir das sofort behoben und kurz darauf schrieb er mir erneut, um mir mitzuteilen, dass er jemanden gefunden hätte.

Wir haben dennoch Durchschnitts-Profile unserer männlichen und weiblichen Mitglieder erstellt:

So ist der typische Fremdgeher 41 Jahre alt, 1,80 m groß und wiegt 80 kg. 83 Prozent sind verheiratet und 66 Prozent betrügen mehr als einmal, was erklärt, wieso sie kurze Affären bevorzugen. Für 43 Prozent von ihnen ist die ideale Geliebte zwischen 30 und 35 Jahre alt. Seit „Das Mädchen Rosemarie“ sind wir uns der Verbindung zwischen Untreue einerseits und Geld und Macht andererseits bewusst, was erklärt, warum 27 Prozent von ihnen in der Finanzwelt oder im Management größerer Firmen arbeiten.

Die durchschnittliche Fremdgeherin ist ein bisschen jünger. Sie ist 34 Jahre alt, misst 1,66 m und wiegt 55 kg. Interessanterweise liegt der Anteil verheirateter Frauen unter dem der Männer, bei 69 Prozent. Hausfrauen, von denen 21 Prozent mindestens sieben Jahre verheiratet sind und den Mangel an Aufmerksamkeit ihres Partners als Hauptgrund für ihren Fremdgeh-Wunsch angeben, bilden mit 26 Prozent die größte soziale Gruppe unter unseren Mitgliedern. Gleichzeitig beobachten wir weltweit ein wachsendes Phänomen in Bezug auf alleinerziehende Mütter und Karrierefrauen. Beide Gruppen geben an, dass es Momente in ihrem Leben gibt, wo sie andere Prioritäten als eine stabile Partnerschaft haben – nämlich ihre Kinder oder ihre Karriere – und ein dauerhafter Partner eine Belastung sein würde. Folglich sind sie an etwas ohne Verpflichtungen interessiert und bevorzugen zwanglose Treffen mit einem bereits verheirateten Mann. Im Allgemeinen suchen Frauen nach einem älteren Liebhaber und haben eine Vorliebe für 40- bis 45-Jährige.

Wir haben die Untreue nicht erfunden

Wir befassen uns kontinuierlich mit der Kritik von selbst ernannten Moralisten, die ihre 15 Minuten Rahm durch einen Feldzug gegen uns erreichen wollen. Uns wird alles vorgeworfen – vom moralischen Verfall unserer Gesellschaft über das Anstiften von Leuten zum Fremdgehen bis hin zur Verantwortung für das Scheitern von Ehen. Fakt ist, dass wir die Untreue nicht erfunden haben. Es gibt sie seit der künstlichen Erfindung der Monogamie, welche es in der gesamten Natur überhaupt nur bei einer Handvoll Spezies gibt. Keine Anzeige und kein TV-Spot, die wir schalten, werden jemals dazu führen, dass jemand untreu wird. Jemand, der in seiner Beziehung zu 100 Prozent glücklich ist, wird nicht den Wunsch verspüren, sich nach jemand anderem umzusehen. Wir bieten Menschen, die beschlossen haben, untreu zu sein, an, Gleichgesinnte in einer sicheren und diskreten Umgebung zu treffen. Mit unserer Werbung versuchen wir Fremdgehern zu zeigen, dass sie nicht allein sind, auch wenn sie in unserer Gesellschaft noch immer ausgegrenzt werden. Wir wollen auf die Doppelmoral und Heuchelei hinweisen, die Affären noch immer zu einem Tabuthema machen, auch wenn biologische und soziologische Studien beweisen, dass es sich um eine gesellschaftliche Realität handelt. Was viel wahrscheinlicher zum moralischen Verfall unserer Gesellschaft beiträgt, sind Politiker, die nicht den Mut haben, uns die Wahrheit zu sagen, oder die Kirche, die als Folge antiquierter, anachronistischer Vorstellungen die Ausgrenzung großer Teile der Gesellschaft predigt, anstelle von Liebe und Toleranz.

Der weltweite Erfolg von AshleyMadison.com spricht für sich. Es ist offensichtlich, dass wir auf das Bedürfnis von Millionen von Menschen reagieren. Diese Tatsache bestätigt jeden Tag, dass unsere Arbeit wichtig ist. Auch wenn wir nicht erwarten, demnächst mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet zu werden, so strengen wir uns doch jeden Tag an, um unsere Gesellschaft toleranter gegenüber ihrer Vielfalt zu machen.

Übersetzung aus dem Englischen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Manfred Hassebrauck, Catalina Toma, Jost Schwaner.

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