Würde ist was für die Mittelschicht. Harald Schmidt

Diese bösen Feministinnen

Abtreiben, weil es ein Junge wird? Impfen mit Vergewaltigung gleichsetzen? So etwas machen nur Feministinnen! Oder doch nicht?

Dass die Welt nicht immer das ist, was sie zu sein scheint, ist keine neue Erkenntnis. In einer immer komplexeren, vernetzteren Sphäre sind Informationen ein wertvolles Gut, das es sich zu recherchieren wie auch zu fälschen lohnt. Denn wer die Informationen kontrolliert, der kontrolliert auch, was sie mit uns machen. Wir regen uns auf oder fühlen mit. Wir zeigen Interesse oder ignorieren das Geschehen.

Dass es ein Problem ist, wenn Menschen Informationen nicht mehr aus erster Hand haben, sondern sie nur vermittelt bekommen, zeigt nicht erst die Mittelfingerposse des TV-Moderators Jan Böhmermann, der mit seinem #varoufake halb Deutschland in Aufregung versetzt und dabei gezeigt hat, wie eloquent Kritik an Medienhysterie aussehen kann. Im Zweifelsfall ist ein clever gestreutes Gerücht schlagkräftiger als eine Realität, die gerade weil sie allgemein anerkannt wird, medial nur umso banaler wirkt.

Der wahrscheinliche Wahrheitsgehalt spielt kaum eine Rolle

So auch der Umstand, dass Feministinnen hinsichtlich ihrer Reproduktion auf Selbstbestimmung bestehen. Man kann natürlich auch noch nach vier Jahrzehnten gegen „Mein Bauch gehört mir“ auf Kreuz-Märschen protestieren, sollte sich dann aber nicht wundern, wenn man mindestens als weltfremd bezeichnet wird. Damit bewegt man keine Mehrheiten. Also wird an der Fallhöhe geschraubt und ein Beispiel präsentiert, dass so extrem wirkt, dass sich auch die Menschen dazu verhalten, die zu dem Thema eigentlich schon lange keine Meinung mehr vertreten mussten: eine junge Feministin, die ihren männlichen Fötus abtreiben lässt, weil sie „kein weiteres Monster“ in die Welt setzen will.

Überall berichten Zeitungen darüber. In Deutschland immerhin der „Focus“, der sich die Geschichte über den Umweg „Huffington Post“ (die deutsche Ausgabe gehört zur Tomorrow Focus AG) einverleibt. Tausende Menschen sind entsetzt: Wie kann sie nur?! Wie unmenschlich! Aber eben auch: Von DIESEN Feministinnen war nichts anderes zu erwarten! Dass die Geschichte sowohl inhaltlich als auch von der Aufbereitung her alles andere als plausibel ist, scheint dabei vollkommen nebensächlich zu sein. Der wahrscheinliche Wahrheitsgehalt spielt kaum eine Rolle. Stattdessen geht es darum, dass sich bestimmte Menschen in ihren Annahmen über Feminismus bestätigt fühlen können.

Als Urheberin kommt nur noch die gestörte „Schwanz-ab“-Feministin infrage

Und dabei können Bilder und „Argumente“ offenbar gar nicht absurd genug sein. So auch bei „Feministinnen gegen Impfung“, einer Medienaktion, bei der mithilfe übelster Feminismusklischees gegen Impfgegnerinnen Stimmung gemacht werden soll. Denn die können ja wohl nur als idiotisch bezeichnet werden, wenn sie Impfungen als Einstieg zur Heroinabhängigkeit bezeichnen und eine Injektion mit einer Vergewaltigung gleichsetzen.

Genau um diese Idiotisierung feministischer Kernforderungen nach Gleichberechtigung, (sexueller) Selbstbestimmung, gesellschaftlicher Teilhabe und Gewaltfreiheit geht es hier. Darum, dass Argumente nicht mehr ernst genommen werden müssen, weil sie so überzeichnet und pervertiert wiedergeben werden, dass man sie nicht mehr ernst nehmen kann. Sie werden so lange skandalisiert und ins Lächerliche gezogen, bis am Ende als deren Urheberin nur noch die gestörte, männerhassende „Schwanz-ab“-Feministin infrage kommt, die ständig ungerechtfertigt „Vergewaltigung!“ ruft, um sich und ihren Geschlechtsgenossinnen einen Vorteil zu verschaffen.

Jene Feministin also, von der in antifeministischen Hasstiraden so oft die Rede ist. Eine Frau, deren Forderungen man auf gar keinen Fall ernst zu nehmen braucht. Die Wirklichkeit mag medial gesehen langweiliger sein und durchaus nicht geeignet scheinen, Leute hinter dem behaglichen Ofen ihrer allgemeinen Indifferenz hervorzulocken, um sich antifeministisch mit ihnen zu verbrüdern. Sie ist es, die feministischen Forderungen Substanz und Nachdruck verleiht. Bleibt zu hoffen, dass man sich dieser Forderungen nicht durch das verzerrte Märchen von den bösen Feministinnen entledigen kann.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Nils Pickert: Fragen an Männer

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