Die Agenda 2010 war politisch ein Erfolg, aber kommunikativ ein Desaster. Uwe Knüpfer

Fragen an Männer

Die Twitterkampagne #questionsformen zeigt eindrücklich, wie tief der sexistische Sumpf ist, durch den sich Frauen tagtäglich kämpfen müssen. Heißt das, Männer haben gar keine Probleme mit Sexismus? Wohl kaum.

Anfang des Monats reichte es der australischen Journalistin Clementine Ford. Seit sie begonnen hatte, über feministische Themen zu schreiben, wurde sie immer wieder beschuldigt, „verbittert, verdreht, beschädigt, wütend, bescheuert und hysterisch zu sein“.

Es wurden abfällige Bemerkungen über ihr Sexualleben gemacht und nicht wenige dachten laut darüber nach, ob sie wohl eine gestörte Beziehung zu ihrem Vater hat. Kurzum: Ford hat am eigenen Leib erfahren, dass man zwar immer damit rechnen muss und sollte, Ablehnung und Gegenrede zu erfahren, wenn man auf öffentlichen Plattformen seine Meinung vertritt, dies aber besonders für meinungsstarke Frauen zu gelten scheint. Vor allem, wenn sie sich feministische Positionen zu eigen machen wie zum Beispiel die Videobloggerin und Aktivistin Anita Sarkeesian, die sich die Mühe gemacht hat, aufzuzeigen, wie viel Hass sie in nur einer Woche zu ertragen hat.

Also twitterte Ford eine noch recht harmlose rhetorische Frage an Männer:

(„Frage an die männlichen Schreiber/Sprecher etc. da draußen. Ist es normal für euch, dass ihr als aufmerksamkeitsheischend bezeichnet werdet? Oder geht das nur Frauen so?“)

Der Tweet wurde dankbar aufgenommen und in kurzer Zeit versammelten sich Hunderte Twitternutzerinnen unter dem Hastag #questionsformen, um in kurzen, pointierten Fragen an Männer aufzuzeigen, wie sehr sie im Alltag mit Geschlechtsstereotypen zu kämpfen haben und wie stark ihr Leben davon geprägt wird, dass sie als Frauen wahrgenommen werden – ob sie nun wollen oder nicht.

„Habt ihr das Gefühl, die Gesellschaft sieht euer Leben solange nicht als vollständig an, bis ihr Vater seid?“

„Hat man euch in einem Bewerbungsgespräch je gefragt, wie ihr Job mit Familie zu vereinbaren gedenkt?“

„Springen Frauen euch ins Gesicht und nennen euch fett, hässlich oder finden, dass ihr vergewaltigt gehört, weil ihr online eure Meinung gesagt habt?“

„Gebt ihr Frauen falsche Telefonnummern, weil ihr Angst habt, dass sie gewalttätig werden, falls ihr sagt, ihr hättet kein Interesse?“

„Habt ihr das Gefühl, die Gesellschaft sieht euer Leben solange nicht als vollständig an, bis ihr Vater seid?“

„Ist es normal, dass Leute, mit denen ihr heftige Auseinandersetzungen habt, sagen ihr wärt wütend, weil euch niemand fickt?“

„Nimmt man von euch an, ihr wärt physisch und psychisch schwach, weil ihr Männer seid?“

„Schickt ihr euren Freunden Nachrichten, dass ihr sicher zu Hause angekommen seid?“

„Hat man euch je gesagt, dass der Grund für euer Singledasein der ist, dass Frauen von eurer Intelligenz eingeschüchtert sind?“

Auf Hashtag folgt der Gegenhashtag

Daraufhin folgte ein Backlash nach dem Muster, das spätestens seit dem #aufschrei im deutschsprachigen Raum bekannt ist. Ein Hashtag wird gekapert und/oder mit einem Gegenhashtag (#questionsforwomen) konterkariert, damit er auf Meinungen verweist, welche die Ausgangsposition entweder ganz in Abrede stellen oder relativieren. Bezogen auf #aufschrei bedeutete dies, dass inhaltlich von „Gibt überhaupt keinen Sexismus gegen Frauen, das sind alles nur Feminazis, die andere beschuldigen, um davon zu profitieren!“ bis hin zu „Was ist mit Sexismus gegen Männer, warum redet da eigentlich niemand drüber?“ alles vertreten war. Inklusive wüster Beschimpfungen und übler Bedrohungen.

Bezogen auf #questionsformen bedeutet es Ähnliches. Und das ist ein gewaltiges Problem. Denn einmal mehr wird auf die Inhalte einer sozialen Bewegung nicht als Input oder als mögliches Korrektiv eingegangen, sondern man bringt lediglich seine Privilegien und seine Vorurteile in Stellung, um diese um jeden Preis zu verteidigen. Bloß nicht drüber nachdenken, dass an der Kritik etwas dran sein könnte. Männern geht es ja schließlich auch schlecht.

Die bittere Ironie an der Sache ist jedoch, dass #questionsformen das überhaupt nicht in Abrede stellt. Ebenso wenig wie jede Nichtregierungsorganisation, die sich Lobbyarbeit für ein bestimmtes Thema oder den Kampf gegen einen spezifischen Missstand auf die Fahnen geschrieben hat, mit der Wahl ihrer Inhalte keine Aussage darüber macht, dass andere Themen irrelevant oder unwichtiger wären. Die beste Taktik, die Schwierigkeiten anzusprechen, mit denen sich Männer herumzuschlagen haben, besteht folglich nicht darin, Frauen über den Mund zu fahren, um „endlich auch mal“ über Männer zu reden. Stattdessen sollte Mann sich Gedanken über die wahre Adressatin der #questionsformen machen: die sexistische Gesellschaft. Und diese wird von uns allen gebildet, ob nun in mild-sexistischer Mehrheit, ultrasexistischen Extremisten oder antisexistischer Gegenöffentlichkeit.

Sexismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem

Gerade weil Sexismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, eine grassierende Seuche, die Menschenrechte weit hinter Annahmen platziert, die auf Geschlechterklischees basieren, verhilft man keiner Seite zu ihrem Recht, indem man die andere kleinredet und überhört. Auf Fragen, die Männer zu ihren alltäglichen Erlebnissen stellen könnten, wie:

Zweifelt man auch ständig an euren Fähigkeiten als Mutter, wenn der Vater eures Kindes nicht in der Nähe ist?

Hält man euch für so schwach und triebgesteuert, dass für euch extra Phrasen wie „mösengesteuert“ oder „mit der Vagina denken“ erfunden wurden?

Wenn ihr traurig, verzweifelt oder einsam seid, sagt man euch dann, dass ihr aufhören sollt zu heulen und gefälligst eine Frau sein sollt?

Hält man euch für homosexuell, wenn ihr eure Freundinnen zur Begrüßung umarmt und küsst?

Nimmt man an, dass ihr die Ehre eures Freundes notfalls mit Gewalt verteidigt, wenn er beleidigt wird?

Hat euch irgendwer schon einmal den Tipp gegeben, euch in einer Frauensammeldusche nicht nach einem Stück Seife zu bücken?

Es lassen sich keine adäquaten Antworten, ganz zu schweigen von Lösungsansätzen, finden, wenn #questionsformen einfach abgeschmettert werden. Dass Menschen in dieser Welt aufgrund ihres Geschlechts jeden Tag Abwertung, Verfolgung und Gewalt erfahren müssen, ist immer schlecht. Egal, um wen es sich dabei handelt.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Nils Pickert: Diese bösen Feministinnen

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