Nur Gott kann ohne Gefahr allmächtig sein. Alexis de Tocqueville

Es wird …

Morgen hat ihn wieder jemand gewonnen. Aber wer und warum? Und darf man vorher darüber spekulieren oder ist das unliterarisch und kleingeistig?

Das Schöne am Nobelpreis ist, dass er so politisch ist. Wie bitte, das soll schön sein? Ja, genau! Denn einerseits fragen die Preisstatuten eben nach der politischen Dimension von Literatur („das Beste in idealistischer Richtung“) und müssen dementsprechend auf einen möglichen Preisträger oder eine Preisträgerin angewandt werden. Andererseits gibt es einfach viel zu viele Autorinnen und Autoren, die den Preis verdient hätten, und abseits von Idealismus noch mehr Kriterien, nach denen man entscheiden könnte oder sollte.

Neben der Tatsache, dass ziemlich viele Leute über lange Jahre ziemlich gute beziehungsweise einflussreiche Literatur schreiben, die man für preiswürdig halten kann, gibt es noch andere, mehr oder weniger gute Gründe, den einen oder die andere auszuzeichnen.

1. Länderbingo: Der Literaturnobelpreis ist aus seiner Geschichte heraus sehr eurozentriert. Spätestens seit dem Skandal, dass die Akademie 1974 den Preis gleich zwei schwedischen Autoren zusprach, versucht man den Blick etwas zu weiten … und hat im weiteren Verlauf ganze 37 Jahre darauf verzichtet, erneut eine Schwedin oder einen Schweden auszuzeichnen. Der Literaturnobelpreis prämiert inzwischen nicht nur das Werk einer einzelnen Person, sondern immer auch die Literatur eines Landes. Oder, um es ganz platt auszudrücken: Im Prinzip hat das Nobelpreiskomitee genau wie die Frankfurter Buchmesse alljährlich ein Gastland und muss aufpassen, dass es manche nicht zu häufig zu sich einlädt.

2. Geschlechterfrage: Seit den 90er-Jahren arbeitet die Schwedische Akademie daran, großartiger Literatur von Frauen gerechter zu werden. Mit dem Erfolg, dass man die Anzahl der männlichen Gewinner inzwischen auf unter 90 Prozent drücken konnte. In diesem Zusammenhang wäre es ein Novum, dass eine Frau als Gewinnerin mit der gleichen Selbstverständlichkeit auf eine Frau folgt, wie es seit Jahr und Tag bei den Männern der Fall ist. Falls meine Favoritin gewinnt, werden Sie deshalb auch in den Zeitungen Artikel darüber lesen können, wie unfassbar es sei, dass jetzt endlich einmal der übliche „Auch mal eine Frau“-Reigen gebrochen sei.

3. Gattungsproblem: Was haben Dario Fo, Tomas Tranströmer und Alice Munro gemeinsam? Sie haben alle den Literaturnobelpreis gewonnen und repräsentieren zugleich Gattungen, die nach dem Siegeszug des Romans gegenwärtig eher zu literarischen Minderheiten gehören (Dramatik, Lyrik, Kurzgeschichte). Die Akademie muss schauen, dass sie hin und wieder die Finger aus den Romanseiten nimmt und auf Literatur zeigt, die nicht weniger Daseinsberechtigung und Größe hat als Epik.

4. Weltpolitik: Wo brennt es denn gerade? Wo werden Menschenrechte so mit Füßen getreten, dass sich Literatur in Abwehr dazu besonders idealistisch verhält? Wo ist Literatur dagegen? Und müsste man das nicht irgendwie prämieren?

Wenn Sie allerdings literarisch etwas auf sich halten, dürfen Sie mir auf keinen Fall glauben, dass diese Kriterien bei der Vergabe der Entscheidungen ernsthaft eine Rolle spielen. Laut dem ständigen Sekretär der Schwedischen Akademie, Peter Englund, tun das nämlich nur literarische Dummköpfe.

Geht alles gar nicht

Als solcher behaupte ich: All diese Punkte müssen nicht ausschlaggebend sein, aber in schöner Regelmäßigkeit fällt ihre Wirkungsmacht auf. Etwa wenn man Dissidenten den Preis zuspricht, aber niemandem aus der Riege der großen alten Männer der US-amerikanischen Literatur, die nichts Politischeres vorweisen können als ihre durchaus hochpolitischen Texte. Mittlerweile gilt die Peinlichkeit, dass sich die Akademie so lange davor gedrückt hat, John Updike auszuzeichnen, bis er ihr weggestorben ist, schon als Running-Gag. Vielleicht sollte ich ernsthaft darüber nachdenken, meine Liste um einen 5. Punkt zu erweitern: Alter und Gesundheitszustand.

Aber wer wird es denn nun? Lange Listen machen und rumschwafeln kann ja jeder. Butter bei die Fische! Mit Alice Munro war ich im vorigen Jahr ganz gut dabei. Und zum Lyriker Adonis stehe ich auch in diesem Jahr. Die Lyriknische hatten wir jedoch 2011 schon, das wäre doch eine deutliche Überbetonung. Andererseits hätte es was, Adonis nicht mitten im Arabischen Frühling zu prämieren, sondern im Chaos des Heute. Was wären die Schweden bei der Entscheidung für Tausendsassa.

Haruki Murakami?
Fänd ich gut! Es ist beinahe erschreckend, mit welcher Präzision dieser Mann ein ums andere Mal stilistische Versionen des „Großen Amerikanischen Romans“ vorlegt, in denen er von Japan erzählt. Und dann verkauft sich das auch noch so gut. Das ist ja fast schon wieder Iiiih! Von wegen Idealismus und so. Als Nächstes geben sie den Preis noch John Irving. Der gehört quasi mit zu erwähnter Riege US-amerikanischer Autoren und verkauft sogar die Romane anständig, mit denen er sich für seinen eigentlichen Roman warmschreibt. Geht alles gar nicht. Oder doch?

Nein, es wird Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch. Behaupte ich jetzt einfach mal.
Die literarischen Reportagen von Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch erinnern im besten Sinne an Heinrich Heine und Ludwig Börne und markieren das genaue Gegenteil von dem, was gegenwärtig zu oft als authentische Literatur missverstanden wird: „Ich habe so viele unglaubliche Dinge erlebt, da müsste ich/man glatt ein Buch drüber schreiben.“ Stattdessen gräbt Alexijewitsch mit klarer Prosa in Menschen nach den Ereignissen, die sie bewegt und geformt haben. Nach Krieg, Vertreibung und den Spielen der Kindheit. Nach Lebensentwürfen, Katastrophen und immer wieder nach Scheitern. Nichts ist bei Alexijewitsch menschlicher als das Scheitern. Alles andere bemisst sich daran, wie wir damit umgehen, wenn wir physisch wie psychisch schleichend oder schlagartig zerfallen. Mit ihrer Technik, welche die Autorin selbst als den „Roman der Stimmen“ bezeichnet, hat sie genau die eigene Stimme, die so gerne gebetsmühlenartig von Autorinnen und Autoren verlangt wird. Noch häufiger sind allenfalls Klappentextsätze, die einen wissen lassen, dass der Verfasser „schreiben kann“.

Und wenn es Alexijewitsch nicht wird, dann …
wird es jemand anderes. Und ich erzähle Ihnen nächstes Jahr um dieselbe Zeit, wie es ausgerechnet mir passieren konnte, dass ich diesen oder jene nicht auf dem Schirm hatte. Bis zum nächsten Mal also.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Nils Pickert: Diese bösen Feministinnen

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