Europa ist nur möglich innerhalb der Welt und innerhalb der Weltwirtschaft. Gustav Stresemann

Die Blödheit der Anderen

Andere als so idiotisch zu markieren, wie man es selbst natürlich auf gar keinen Fall sein kann, ist gerade schwer angesagt. Doch wozu das Ganze?

„Wie doof sind DIE™ eigentlich?“ Dieser Frage wird im deutschsprachigen Feuilleton seit Längerem nachgegangen und sie erlangte unter anderem auch in ihren Kostümierungen „Guck dir mal diese Assis an“ und „Haha, was für Idioten!“ Bekanntheit. Das Prinzip ist denkbar einfach: Angelehnt an „TV Totals“ berüchtigte Erstwählerchecks ergötzt man sich stellvertretend für das gesamte Publikum an der angeblichen oder tatsächlichen Unwissenheit einer Gruppe von Menschen und genießt es ein bisschen, seine eigenen Vorurteile bestätigt zu finden. Ist ja auch immer ein bisschen was Wahres dran, ne?!

Die Lust daran, sich über andere zu erheben, indem man sich seines eigenen Bildungsstands vergewissert, ist populär wie nie und hat mittlerweile auch den Büchermarkt erreicht. Der Erfolg von „Schantall, tu ma die Omma winken!“, in welchem der Autor Kai Twilfer einen fiktiven Sozialarbeiter einer fiktiven Unterschichtenfamilie aufs Maul und ins Leben schauen lässt, hat eine ganze Reihe von thematisch ähnlich klingenden und gelagerten Büchern nach sich gezogen. Ob die Autorinnen und Autoren dabei ähnlich wie Twilfer die Authentizitätsmaske fallen lassen oder aufrechterhalten, spielt dabei kaum eine Rolle. In beiden Fällen kommt es darauf an, für die Leserschaft dieses ganz bestimmte „So isset!“-Gefühl zu erzeugen.

Die Borniertheit der deutschen Intellektuellen

Und um genau dieses Gefühl geht es auch in einem Beitrag von Reinhard Mohr für die „Welt“, der den schmissigen Titel „Massenverblödung: Das gebildete Deutschland schafft sich ab“ trägt. Allerhand wird dort aufgefahren – inklusive der Abbildung eines Esels, der sprachlichen Unzulänglichkeiten von Menschen mit Migrationshintergrund, und der (durchaus zutreffend analysierten) Borniertheit einiger Deutscher, die sich gerne „über die dummen Amerikaner, die Europa für die Hauptstadt Belgiens halten“, mokieren, aber selbst kaum Ahnung haben. Als Altgriechischgeschädigter macht es schon Spaß, das zu lesen. Allerdings hätte ich dazu zwei Fragen:

  1. Was ist eigentlich mit der Borniertheit einiger deutschsprachiger Intellektueller, die so anmaßend sind zu glauben, dass ihr Wissensbereich, ihr Bildungsgrad den Horizont dessen absteckt, was wissenswert und relevant ist?
  2. Wie oft denn nun noch?

Wie oft will denn noch ein Angehöriger der deutschen Intelligenzia den Verfall seiner Muttersprache bejammern und dabei übersehen, dass Wandelbarkeit und Flexibilität essenzieller Bestandteil eben derselben sind? Land der Dichter und Denker – jaja, schon gut. Goethe, Schiller, Tralala. Dass die deutsche Sprache sich darüber hinaus immer noch einer der unsinnigsten Artikelgebungen befleißigt, die sich überhaupt finden lässt (dazu Bildungslektüretipp: James Krüss „Mein Urgroßvater und ich“), muss man nicht erwähnen. DAS Mädchen, DIE Hand, DER Arm – Hauptsache, es wird so gemacht wie früher, weil ja „wissen wie es früher war“ synonym für „gebildet“ ist.

Was ist nur los mit den ganzen Migrantinnen und Migranten, die diesen Ausweis an sprachlogischer Sinnhaftigkeit nicht verinnerlichen können?! Groß- und Kleinschreibung? Ach, das passt schon alles. Und wo wir schon mal bei Geschichtsvergessenheit sind: Dass die italienische Sprache als Vulgarisierung und Mundfaulheit des Lateinischen geschmäht wurde, muss man auch nicht mehr auf dem Schirm haben. Das sind nur unwichtige Details in all der Bildung, die man genossen hat.

Weil nur gilt, was wir wissen

Damit ist aber der Peinlichkeiten noch lange nicht genug. Wenn man schon eine (gerechtfertigte) Kritik am Bildungsstandort Deutschland formuliert und dabei doch nur –
ob nun beabsichtigt oder unbeabsichtigt – mit dem Finger auf „die Anderen“ zeigt, sollte man tunlichst auf Genauigkeit achten. Ansonsten erzählt man – wie es Herr Mohr in seinem Beitrag tut – genüsslich eine Anekdote darüber, wie einer Gruppe von Jugendlichen Geschichten aus der Bibel vorgelesen werden und diese den Inhalt im Koran verorten, und merkt dabei nicht einmal, dass der Patriarch Jakob auch ein Prophet im Islam ist und im Koran namentlich erwähnt wird.

Weil nur gilt, was wir wissen. Weil nur wir darüber bestimmen, was relevant ist und Teil der Allgemeinbildung sein sollte. Das Traurige an dieser Haltung ist, dass bestimmte Aspekte dieser Kritik wichtig und richtig sind, leider aber immer wieder in solch abwertenden Kontexten formuliert werden. Dummheit und Geschichtsvergessenheit können tatsächlich gefährlich sein. Bildung ist wichtig. Das gilt jedoch für alle Menschen. Für jemanden, der nicht weiß, wie das politische System des Landes funktioniert, in dem er lebt. Und für jemanden wie beispielsweise Jean-Paul Sartre, der beharrlich die Existenz stalinistischer Gulags leugnete.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Nils Pickert: Diese bösen Feministinnen

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