Der Tatortversager

von Nils Pickert21.03.2014Gesellschaft & Kultur, Medien

Über eine bestimmte „Tatort“-Folge zu meckern, hat in Deutschland lange Tradition. Über alle jedoch eher nicht. Muss aber auch mal sein. Ein Erklärungsversuch.

Es gibt Tatortkommissare und -kommissarinnen, es gibt den Tatortreiniger und es gibt mich – den Tatortversager. Pünktlich zum “„ersten und einzigen“()”:http://www.welt.de/kultur/medien/article124337741/Tatort-erhaelt-Besondere-Ehrung-beim-Grimme-Preis.html Grimme-Preis für ein Programmformat will ich es gestehen: Wann immer ich versuche, mir einen sonntäglichen Tatort zu Gemüte zu führen, scheitere ich nach kurzer Zeit an meinem unüberwindbaren Widerwillen, mich auf dieses Format einzulassen.

Der Fairness halber muss ich sagen, dass es nicht etwa an “Til Schweigers Gesäß()”:http://www.abendblatt.de/kultur-live/tv-und-medien/article125638087/Til-Schweiger-hebt-den-Tatort-auf-die-Po-Ebene.html liegt, an mäßigen schauspielerischen Leistungen oder dürftigen Plots. Es ist auch nicht so, dass ich mich mit handlungsbezogener Gewalt oder Splatterszenen an sich schwertue – zum Vergleich: Die US-amerikanische Serie “„Dexter“()”:http://de.wikipedia.org/wiki/Dexter_%28Fernsehserie%29 („Amerikas beliebtester Serienkiller“) schaue ich mir gerne an.

Der konkrete Fall als Initialzündung

Es liegt daran, dass ich es einfach nicht kapiere. Was reizt das „Tatort“-Publikum nur so daran? Wieso braucht es dieses unsagbar träge Zwangskorsett einer kriminalistischen Ermittlung, um sich die Gesellschaft erklären zu lassen? Denn um einen reinen Kriminalfall geht es in den seltensten Fällen. Fast immer geht es im „Tatort“ um viel, viel mehr. Wie hängt alles zusammen, wie funktioniert unsere Gemeinschaft und wer sind wir eigentlich?

Zum letzten „50 Shades of wir zeigen mal, wie es ist“-„Tatort“, in dem Simone Thomalla und Martin Wuttke durch das Leipziger sexuelle Allerlei stolperten, “bemerkte Jens Wiesner()”:http://www.stern.de/kultur/tv/tatort-kritik-thomalla-und-die-unsichtbaren-frauen-2096816.html im „Stern“ dazu sehr treffend:

bq. „Frühstück für immer“ benutzt einen Mordfall als Vorwand, um Missstände in einem bestimmten sozialen Milieu aufzuzeigen.

Was ich an dieser Aussage allerdings nicht nachvollziehen kann, ist der Bezug auf eine bestimmte Episode. In meiner Wahrnehmung besteht eine „Tatort“-Folge grundsätzlich genau aus einer mal mehr, mal weniger gut gemachten Sozial(milieu)studie, die anhand und entlang eines Anlasses vollzogen wird. Frauen ab 40, Einwanderungsproblematik in Hamburg, häusliche Gewalt, Männer in der Midlife-Crisis, Kindesvernachlässigung, Prostitution, Parallelgesellschaften. Der konkrete Fall stellt zumeist nur die Initialzündung dar, sich bestimmte gesellschaftliche Phänomene einmal näher anzuschauen.

Die Macht der Gewohnheit

Nichts spricht gegen einen guten Krimi. Und nichts spricht dagegen, genauer hinzuschauen. Aber wieso diese Vermischung? Wieso brauchen solche Themen einen „Tatort“ als Vehikel mit Leichen als Aufmerksamkeitsbeschaffungsmaßnahme? Wird man denen wirklich mit dieser ständigen Kriminalfallgarnierung gerecht? Und kann man darüber nicht einfach so gute Filme und Serien machen? Gerade in Bezug auf Serien wird häufig der Verdacht geäußert, in Deutschland sei man (mit wenigen Ausnahmen) nicht in der Lage, Hochwertiges, Publikumselektrisierendes zu produzieren. Dann werden fehlende Budgets angemahnt, das Finanzierungssystem des öffentlich-rechtlichen Fernsehens verantwortlich gemacht oder gar die Fähigkeiten deutschsprachiger Schauspielerinnen und Schauspieler kritisiert – wobei gerade Letzteres in jüngerer Zeit besonders absurd wirkt, wenn man sich beispielsweise anschaut, in welchen Formaten jemand wie Christoph Waltz früher stattgefunden hat und in welchen er heute stattfindet.

Möglicherweise liegt es kaum oder gar nicht an diesen Gründen, sondern daran, dass wir uns über Jahrzehnte daran gewöhnt haben, alles Erzählenswerte in einen „Tatort“ zu verpacken beziehungsweise verpackt zu bekommen. Wie wäre es denn mal mit einer Serie über das Schicksal einer mehrere Generationen umspannenden Migrantenfamilie, anstatt so etwas dauernd genregerecht verkürzt als Sonntagabend-Krimi zu liefern? 100 Folgen über 100 Jahre (1900 – 2000, jede Folge ein Jahr) jüdisches Leben in Deutschland; darüber wen es berührt hat und wie es angetastet wurde. Ein paar Staffeln über eine Gruppe von 68ern, die den ersten Kinderladen in Berlin aufgemacht haben und jetzt mit ihrem Leben alle ganz woanders sind. Über ein Priesterseminar, eine Springerredaktion, über Bikerinnen oder eine Bande von Kindern, die klammheimlich den Fall der Mauer herbeigeführt haben. Was auch immer.

Es gibt auf jeden Fall immer mehr zu erzählen, als auf den Zettel am Fuß einer Leiche im „Tatort“ passt.

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