Am Katzentisch der Gesellschaft

Nils Pickert17.01.2014Gesellschaft & Kultur, Medien

Entweder wird behauptet, in der Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben sei schon alles erreicht, oder sie ist einfach unerwünscht. Beides geht am Kern der Thematik, nämlich an den Menschen, vorbei.

bq. In einem weltoffenen Deutschland aber sind weder Sexualität noch Religion eines Sportlers zu thematisieren oder gar zu tabuisieren (…).

Diese Aussage stammt von dem Chefredakteur des Sportmagazins „Kicker“ und bezieht sich auf das Outing des Ex-Profifußballers Thomas Hitzlsperger, von dem die Zeitschrift nicht genauer berichten wollte, weil es “„viel Interessanteres und Wichtigeres“()”:http://www.tagesspiegel.de/sport/schwules-fussballer-outing-sportmagazin-kicker-laesst-hitzlsperger-debatte-aus/9308692.html zu schreiben gäbe.

Sie fasst eine Haltung zusammen, die sich in Deutschland seit einigen Jahren zunehmender Beliebtheit erfreut und die darauf abzielt, zu betonen, was in puncto Gleichberechtigung von Homosexuellen alles schon erreicht worden ist.

So weltoffen ist Deutschland

Wir haben einen schwulen Hauptstadtbürgermeister und hatten einen schwulen Außenminister. Gerade ist die bisexuelle Nationaltorhüterin Nadine Angerer zur Fußballerin des Jahres gewählt worden und die neue Bundesumweltministerin Barbara Hendricks hat Silvester mit ihrer Lebensgefährtin verbracht. Und überhaupt: Dem Hitzlsperger haben doch alle gleich zu seinem mutigen Schritt gratuliert, sogar der Regierungssprecher fühlte sich bemüßigt, “den Fall zu kommentieren()”:http://www.spiegel.de/sport/fussball/bundesregierung-lobt-coming-out-von-thomas-hitzlsperger-a-942453.html.

So weltoffen ist Deutschland 2014. Und weil den Homosexuellen im Laufe der Zeit schon so viel zugestanden wurde, finden Trägerinnen und Träger dieser Haltung es inzwischen ein bisschen störend, dass die immer wieder ankommen mit ihren Outings und ihrem Pochen auf gleiche Rechte. Da kann es schon als “„Schlag ins Gesicht“()”:http://www.faz.net/aktuell/harte-bretter-die-rocky-horror-hitzlsperger-show-12744517.html empfunden werden, wenn unterstellt wird, dass Deutsche mit Homosexuellen nicht so umgehen wie mit Heterosexuellen.

Im gleichen Deutschland gibt es übrigens auch andere, ausgesprochen beliebte Haltungen. Da wird “eine Petition()”:http://www.spiegel.de/schulspiegel/bildungsplan-baden-wuerttemberg-lehrer-hetzt-gegen-sexuelle-vielfalt-a-942653.html, die sich „gegen die Infragestellung der heterosexuellen Geschlechter von Mann und Frau“ verwehrt und zugleich „die Propagierung des Prozess des Coming-out zu neuen ‚sexuellen Orientierungen‘“ für problematisch hält, von mittlerweile über 140.000 Menschen unterzeichnet.

Im gleichen Deutschland “erdreistet sich ein ehemaliger Arbeitsminister()”:http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-01/norbert-bluem-kritik-homo-ehe, der sich schon 1997 dadurch disqualifiziert hat, dass er gegen die Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe stimmte, lesbische und schwule Pärchen mit Straßenverkehrsanalogien darüber zu belehren, dass sie keine Familie seien.

Und im gleichen Deutschland fantasiert “eine Autorin()”:http://www.theeuropean.de/kuby/7611-homo-rechtet-versus-traditionelle-werte im selben Magazin, für das ich gelegentlich schreibe, darüber, wie falsch es sei, dass homosexuelle Paare in den Schulen Hilfe beim Coming-out anbieten, „obwohl die meisten Jungen nach einer Phase der Unsicherheit bald stabil heterosexuell sind“.

Eine Autorin übrigens, die sich auch andere „wichtige“ Gedanken macht, zum Beispiel darüber, inwieweit die Buchreihe Harry Potter “„das Unterscheidungsvermögen zwischen Gut und Böse zerstört“()”:http://www.gabriele-kuby.de/buecher/harry-potter/.

Immer diese schrillen Minderheiten

All diesen Haltungen ist gemein, dass sie durch das Recht auf freie Meinungsäußerung geschützt sind und dass sie Homosexuelle an den Katzentisch der Gesellschaft verbannen. Mit der einen verbietet man sich das Nähertreten „dieser Leute“ mit dem Hinweis darauf, dass man ihnen ja wohl schon genug vom Essen zukommen lassen würde. Sie möchten doch bitte schön nicht immer so quengeln, nachher käme schon jemand vorbei, der ihnen auch was brächte. Mit den anderen macht man den dort Sitzenden klar, dass sie auf jeden Fall bleiben sollen, wo sie sind, weil sie andernfalls mit ihrem Gehabe die Tischgesellschaft stören.

Und in jedem Fall beschweren sich alle schon prophylaktisch über mögliche Proteste: “immer diese „schrillen Minderheiten“.()”:http://www.welt.de/politik/deutschland/article114290201/Union-muss-Stimme-gegen-schrille-Minderheit-sein.html

Dabei ist es nicht etwa so, dass die homosexuelle Minderheit, wie gegenwärtig gerne suggeriert wird, sich ohne Notwendigkeit zu ihren sexuellen Präferenzen äußern, obwohl eigentlich niemand mehr groß Aufhebens darum macht. Stattdessen ist es die heterosexuelle Mehrheit, die nicht aufhören kann, über Homosexualität zu reden, zu spekulieren und den Kopf zu schütteln, weil sie Menschen, die ein gleichberechtigter Teil dieser Gesellschaft sein sollten, immer noch dazu benutzt, sich ihrer selbst zu vergewissern.

Weil es nach wie vor und in zunehmendem Maße darum geht, dass die Mehrheit ihre moralische Selbstverortung durch das Ausgrenzen von Minderheiten stabilisiert. Wenn die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft wegen der sozioökonomischen Veränderungen, die sie selber initiiert hat, schon nicht mehr weiß, was genau ihre Identität ausmacht, so weiß sie doch zumindest, dass „die“ nicht so sind wie sie.

Und wo wir gerade bei Identität sind: Wer sind wir eigentlich, dass wir uns anmaßen, Menschen mit ach so nobler Geste Rechte häppchenweise zukommen zu lassen, die ihnen als freie Bürgerinnen und Bürger dieses Staates sowieso zustehen? Was sagt es über uns aus, wenn wir in der Verunsicherung unseres persönlichen religiösen Empfindens andere dazu instrumentalisieren müssen, uns durch ihre Ausgrenzung und Verächtlichmachung im Glauben halten können?

Und wenn man zur Legitimation solcher Vorgehensweisen schon ein Beispiel aus dem Straßenverkehr heranziehen muss, lohnt es sich vielleicht, über dieses länger nachzudenken. Dann kommt möglicherweise auch ein gescheites heraus: Wenn man seine Kinder ausdrücklich und besonders davor warnt, im Straßenverkehr auf Autos zu achten, damit sie von diesen nicht überfahren werden, dann meint man damit wohl nicht, dass sie sich gerne von Motorrädern, Traktoren und Quads überrollen lassen dürfen. Man hat lediglich auf die Autos hingewiesen, weil es von denen so viele gibt. “Dass durch die spezielle Erwähnung des einen die Nichtachtung der anderen erfolgen sollte, ist nicht sinnvoll()”:http://de.wikipedia.org/wiki/Abstandsgebot_%28Ehe%29.

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