Der freie Markt funktioniert nicht. Andrew Keen

Diese dämlichen Gutmenschen!

Gutmenschen zu verspotten, macht immer Spaß. Die sind so angestrengt politisch korrekt und nerven ständig. Was aber passiert, wenn sie mal recht haben?

Die meisten journalistischen Texte und Berichte sind, sofern es sich bei ihnen nicht um Detailbetrachtungen über einen längeren Zeitraum hinweg handelt, spätestens nach einer Woche kalt. So war es vor einigen Tagen noch total interessant zu erfahren, ob die angehenden Großkoalitionäre in Berlin zum Abendessen Würstchen verspeisen oder wer neben wem spätnachts auf irgendwelchen Stühlen rumhängt. Heute könnten sich selbst hartgesottene Live-Schalte-JournalistInnen nicht mehr dafür begeistern, vor dem öffentlich-rechtlichen Publikum darüber zu fachsimpeln, ob der fehlende Alkohol bei den Koalitionsverhandlungen irgendwelche Auswirkungen auf dieselben hätte. Die Geschichte ist durch, die Wurst ist gegessen. In vino unerheblich.

Immer dieses Engagement für Abwegiges!

Manchmal ist es aber auch sinnvoll, ein paar Schritte zurückzutreten, um sich in Ruhe anzuschauen, wie sich die Sachen entwickeln. Zum Beispiel die Sache mit Frank Pöpsel, dem nass-forschen Chefredakteur von „Focus Money“. Der hat sich nämlich vor einem Monat in einem ausgefuchsten Editorial gefragt, wer eigentlich Anton Hofreiter, den neuen Fraktionsvorsitzenden der Grünen, kennt.

Eine durchaus interessante Frage, bei der es darum geht, die Leitlinien der Grünen Fraktion für die nächsten vier Jahre zu antizipieren. Wer ist der Mann und was ist seine Agenda. Allerdings ging es Pöpsel weniger darum, zu umreißen, wer Hofreiter ist und wofür er stehen könnte, sondern sich anhand eines Vorstellungstextes, der in leichter Sprache auf Hofreiters Webseite zu lesen ist, über den Politiker lustig zu machen. Pöpsel ging sogar so weit, Hofreiter zu unterstellen, er wolle die Menschen für dumm verkaufen. Dabei war er es, der es zwar noch geschafft hat, auf den Webseitenreiter „Einfache Sprache“ zu klicken, aber nicht verstanden hat, worum es ging.

Selbst der einleitende Link mit näheren Informationen zum Netzwerk leichte Sprache und zur Sinnhaftigkeit einer solchen sprachlichen Inklusion von Menschen, die nicht mal eben das Desideratum der letzten Woche approximieren können, weil sie nicht verstehen, was mit dieser Formulierung gemeint sein könnte, konnte bei Pöpsel nur für ein Haha-Erlebnis sorgen. So verstieg er sich darauf, zu behaupten, Hofreiter wolle „auch den deutschen Genitiv teilweise abschaffen“.

Ist aber auch zu lustig, was?! Hihi, diese bescheuerten Gutmenschen mit ihrer nervigen politischen Korrektheit. Immer wollen die sich für irgendwas Abwegiges engagieren oder einem vorschreiben, wie man was zu sagen hat. Meine Güte, sind die enervierend (kleine Fremdwortverwendung, damit mich die Pöpsels dieser Welt auch ja ernst nehmen).

Planlos über Barrierefreiheit gelästert

Stimmt ja auch manchmal. Gutmenschen wie ich übersehen gelegentlich, dass der Schutz von oder die Solidarität mit Minderheiten paternalistisch (zack! schon wieder gepöpselt) und diskriminierend wirken kann. Dafür übersehen Leute wie Pöpsel gerne, welchen Eigenwert die Abwehr der gesellschaftlichen Durchdringung von heteronormativen Machtdispositiven (Gibt es eigentlich eine Maßeinheit für den Gebrauch von Fremdwörtern?) haben kann. Und so kann es dann eben passieren, dass man sich nicht nur planlos über Barrierefreiheit lustig macht, sondern auch aus Versehen als Chefredakteur eines Wirtschaftsmagazins seine ganz persönlichen Aversionen gegen einen Bundespolitiker und Grüne Politik offenlegt, weil nur allzu deutlich erkennbar wird, wie unbedingt man sie bloßstellen möchte.

Wenn man die Augen immer schön auf dem politischen Feindbild hat, dann übersieht man eben gesellschaftliche Entwicklungen, die bereits parteiübergreifend im Bundestag angekommen sind.

Daher mein Tipp: Vielleicht macht „Focus Money“ nächstens ja mal ein Gewinnspiel. Leser und Leserinnen sollen Hofreiters Text mit möglichst vielen Fremdwörtern sinnvoll auffüllen. Je mehr Fremdwörter, desto besser. Als Preis werden ein paar Exemplare von Gerald Drews „Latein für fortgeschrittene Angeber“ ausgelobt, die somit gleich die kulturelle Grundlage dafür mit bilden können, dass solchen Genitivabschaffern wie Anton Hofreiter das Handwerk gelegt wird.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Nils Pickert: Diese bösen Feministinnen

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