Vergewohltätigung

Nils Pickert29.10.2013Gesellschaft & Kultur

Im pakistanischen Lahore hat sich die Anzahl von Vergewaltigungen im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt. In den USA brennt „irgendwie“ das Haus eines Vergewaltigungsopfers nieder. Und in China fällt ein Sack Reis um.

Wenn Menschen nach der Rechtmäßigkeit und dem Wirkungsgrad von Strafen befragt werden, beginnt man gewöhnlich bei der Tat. Eine gern gestellte Frage in diesem Zusammenhang lautet beispielsweise, wie sinnvoll es sein mag, dass jemand für Sachbeschädigung oder Diebstahl eine längere Haftstrafe absitzen muss als für Körperverletzung. Ich möchte Ihnen heute diese Frage einmal andersherum stellen: Welche Tat wird wohl damit bestraft, die Betreffenden Rasen mähen zu lassen?

Ob des “widerlichen Euphemismus”:http://www.emma.de/ressorts/artikel/wissenschaftlerinnen/sextaeter/, den ich als Titel dieser Kolumne gewählt habe, ahnen Sie es vielleicht schon: Ein bisschen Gartenarbeit rund um die ortsansässige Polizeistation ist die Strafe dafür, ein sechzehnjähriges Mädchen zusammen mit fünf anderen zu vergewaltigen und anschließend in eine mehrere Meter tiefe Latrinengrube zu werfen. Danach wird Mann wieder auf freien Fuß gesetzt, während das Opfer in einem Krankenhaus mit den Folgen seiner physischen und psychischen Verletzungen ringt. “So geschehen vor kurzem in Kenia.”:http://www.nation.co.ke/news/Gender-agency-faults-police-in-gang-rape-case/-/1056/2045898/-/vm48gy/-/index.html.

In unserer Welt passiert so etwas

Ich wünschte, ich könnte sagen, für mich wäre jetzt nichts mehr, wie es vorher war. Ich wünschte, dieses unfassbar abscheuliche Verbrechen und die darauffolgende „Sanktionierung“ würden mein Weltbild vollkommen erschüttern und ich sähe mich gezwungen, fassungslos danach zu fragen, in was für einer Welt so etwas geschehen kann. Leider kenne ich die Antwort auf diese Frage: In unserer Welt passiert so etwas. An jedem einzelnen verdammten Tag. Denn wie schon eingangs erwähnt: In das Abebben der allgemeinen Aufregung um die Gruppenvergewaltigung der Inderin Jyoti Singh Pandey treten so viele ähnliche oder noch schlimmer gelagerte Fälle, dass Zeitungen wie die Süddeutsche dazu ganze Themenseiten dazu online stellen – “und dabei selektieren sie noch”:http://www.sueddeutsche.de/thema/Vergewaltigung_in_Indien.

Denn es passiert immer wieder: In der US-amerikanischen Stadt Steubenville wird eine Teenagerin von zwei Footballspielern vergewaltigt, während umstehende das Geschehen mit ihren Handykameras festhalten “und mit ihren Freunden „teilen“”:http://en.wikipedia.org/wiki/Steubenville_rape_case. In der anschließenden Berichterstattung darüber lässt die CNN-Reporterin Poppy Harlow ihre mitfühlenden Gedanken und ihre Anteilnahme für die Täter verlauten, deren Leben ja nun “„irgendwie beschädigt“ seien”:http://www.youtube.com/watch?v=MvUdyNko8LQ#t=104. Serena Williams, die berühmte Tennisspielerin, lässt, auf den Fall angesprochen, ein Statement verlauten, in dem ein Satz mit den Worten beginnt: “„Ich will jetzt nicht das Mädchen beschuldigen, aber…“”:http://www.sueddeutsche.de/leben/williams-aeusserungen-zu-vergewaltigung-in-der-opferrolle-1.1701339

Und in Maryville, Missouri, wird der vierzehnjährigen Daisy nach der Vergewaltigung durch Mitglieder des örtlichen Footballteams verschiedentlich klargemacht, dass sie schon noch “„kriegt, was sie verdient hat“”:http://thinkprogress.org/health/2013/10/14/2777431/maryville-missouri-rape/. Offensichtlich gibt es da immer noch mehr. Den scheinbar abgezählten Stufen der Eskalation, können augenscheinlich immer noch weitere hinzugefügt werden, wenn es darum geht, anderen Gewalt anzutun. Dem gegenüber steht ein erlahmendes Interesse derjenigen, die darüber berichten und derjenigen, die sich darüber informieren. Denn selbst wenn man sich vornimmt, nicht abstumpfen zu wollen, selbst wenn man sich aufregt, wundverabscheut und maßlos wütend wird – irgendwann schütteln Nichtbetroffene alles, was damit zu tun hat, ab. Zumindest für eine Weile. Wie könnten sie sonst so etwas wie einen „normalen“ Tag haben? Wie könnten sie ihren Kindern andernfalls abends vor dem Zubettgehen sagen: „Macht euch keine Sorgen. Alles ist gut.“

Wir schauen hin oder schalten um

Dass ein vierzigjähriger Mann ein sechsjähriges Kind vergewaltigt, wird zwangsläufig an die Peripherie der eigenen Wahrnehmung gedrängt, wenn man selbst ein Kind in dem Alter hat und gehalten ist, über die Berichterstattung des alltäglichen Schreckens nicht vollkommen wahnsinnig zu werden. Was aber macht man mit der Tatsache, dass dieses Kind anschließend gezwungen werden soll, den achtjährigen Sohn (der somit auch Zwang erfährt) des Vergewaltigers zu ehelichen, “um die Sache „zu bereinigen“?”:http://articles.timesofindia.indiatimes.com/2013-09-05/jaipur/41800644_1_panchayat-members-kailash-police-complaint

Überhaupt nichts, weil sich schließlich und endlich die eigene Vorstellungskraft in gnädige Ignoranz flüchtet. Leid erzeugen und es relativieren, um erneut Leid zu erzeugen und anschließend zu beschönigen, zu verniedlichen und zu verharmlosen. Das tun Menschen Tag für Tag. Wir werden davon unterrichtet. Wir schauen hin oder schalten um. Und so oszillieren wir zwischen angebrachtem Entsetzen und notwendigem Ausblenden. Immer Gefahr laufend, dass uns die Dauerpräsenz der Gewalt irgendwann übermannt oder ein Satz wie „In Indien ist schon wieder ein Kind vergewaltigt worden“ schließlich in unseren Ohren klingt wie „In China ist ein Sack Reis umgefallen“. Oder was glauben Sie, wie ein Sprachmonster “wie „vergewohltätigen“ entsteht?”:http://szenesprachenwiki.de/definition/vergewohlt%C3%A4tigen/

Was bleibt dazu zu sagen?! Nichts ist gut.

_PS: Eine Petition, welche den Generalinspektor der kenianischen Polizei dazu auffordert, Täter und involvierte Behörden zur Rechenschaft zu ziehen, “finden Sie hier”:http://www.avaaz.org/de/justice_for_liz_loc/?twi_.

_Auf Twitter können Sie den Fall “hier”:https://twitter.com/search?q=%23JusticeForLiz&src=hash weiterverfolgen._

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