(K)ein Nachruf

Nils Pickert19.09.2013Gesellschaft & Kultur

Marcel Reich-Ranicki ist tot. Von welchen Verrissen sollen sich Schriftsteller und Schriftstellerinnen jetzt noch geehrt fühlen und von welcher Polemik gewürdigt?

Jetzt bist du wirklich tot, alter Mann, und ich kaue auf meinen Frühlingsworten herum, die ich in irgendwen hineingeredet habe, als die Sprache auf dich kam: „Der schafft es nicht mehr bis zum Winter.“

Denn die Sprache musste immer auf dich kommen, weil du immer auf die Sprache kamst. Als du 1988 zunächst im Rahmen der Kultursendung „Aspekte“ und später dann im „Literarischen Quartett“ die Fernsehbühne betreten hast, wussten das alle, weil du dir mit deiner Arbeit für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und „Die Zeit“ den Ruf eines herausragenden Literaturkritikers erworben hattest. Was dann allerdings passierte, damit hatten die wenigsten gerechnet. Wer dich plötzlich alles kannte und was man dir alles vorgeworfen hat. Als „Pausenclown“, der zusammen mit anderen „mit Halbwissen fuchtelt“ wurdest du “noch 2001 bezeichnet”:http://www.zeit.de/2001/35/Futter_fuer_die_Trottel_mit_Abitur/komplettansicht.

Literaturkritik spitzt sich mit jedem Medium zu

Und du warst auch noch zumindest teilgeständig. Du hast zugegeben, dass das Quartett oberflächlich, provokant und plakativ ist und wusstest doch deine Inszenierung von Literaturkritik durch Zuschauerzahlen, feuilletonistische Aufmerksamkeit und nicht zuletzt durch den Einfluss auf die Verkaufszahlen von Büchern gerechtfertigt.

Was hätte es auch sonst sein sollen in diesem Medium? Literaturkritik spitzt sich, seit sie bei Gottsched und Lessing noch in Buchform erschienen ist, mit jedem Sprung in ein neues Medium zu. Zeitschrift – Zeitung – Radio – Fernsehen – Internet. Jedes dieser Medien bedarf eines eigenen Tonfalls, eines speziellen Ringens um Aufmerksamkeit. Und gerungen hast du immer.

Dabei warst du allerdings nie polemisch, weil du nicht anders konntest, sondern weil du in der gewählten Präsentationsform nicht anders wolltest. Das ist übrigens nicht nur in der Literaturkritik der Unterschied zwischen Kunst und Stümperei. Wenn Picasso nur noch vier rote Striche auf eine Leinwand geworfen hätte, hätten sich alle zu Recht fragen müssen, was das angesichts seiner malerischen Fähigkeiten zu bedeuten hat. Jede andere ihm mögliche Ausdrucksform hätte er damit bewusst abgelehnt. Wenn ich vier Striche auf eine Leinwand kleckse, sind sie nur Ausdruck meines malerischen Unvermögens. Das Ergebnis mag gleich aussehen, aber es ist doch etwas völlig anderes.

In deinem Fall war es eine polemisierende Charakteristik – Schärfegrad je nach Medium. Für das fade Fernsehen muss eben anders gewürzt werden. Damals wusste das noch kaum jemand, heute ahnen es die meisten, denn inzwischen schaut man ja ständig mit Kameras in Kochtöpfe. Hinzu kommt, dass du dich nicht nur über Literatur echauffiert hast, sondern auch für Literatur. Polemik hast du regelrecht zelebriert. Bücher konnten unsinnig sein, großartig, grauenvoll, wunderbar und immer wieder das Schlimmste, was du je gelesen hast. Wie herrlich für die einen, wie furchtbar für die anderen. Wie hilfreich gegen die allgemein um sich greifende Ignoranz und Leseunlust.

Alle Polemik diente nur einem Zweck

Selbst der von Martin Walser so treffend herausgearbeiteten Illusion, dass Kritiker keine Schriftsteller seien, bist du schlussendlich in „Mein Leben“ entronnen. Denn dort hast du die ewig ungestellte Gegenfrage aller Schreibenden beantwortet: „Und wie ist das bei Ihnen, Frau X, Herr Y, wo ist in dieser Kritik oder Besprechung der autobiografische Anteil?“

Alle Polemik diente nur einem Zweck. Aus dem unverbindlichen „Wer will, soll lesen“ den deutlichen Appell „Wer kann, muss lesen!“ zu schmieden und ihn so spitz wie möglich zu schleifen, damit er alles und jeden durchdringt. Das tat oft weh und hat häufig einfach tierisch genervt. Aber meistens war es gut.

Apropos gut: Gibt es auch irgendetwas Gutes daran zu finden, dass du jetzt tot bist? Nun, zumindest kann ich dir jetzt posthum ein Du nachwerfen, das ich andernfalls nie von dir angeboten bekommen hätte. Warum auch?

Und was bleibt zu wünschen?

Ich kann nur hoffen, dass du nicht wie im “„satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch“”:http://de.wikipedia.org/wiki/Der_satanarch%C3%A4ol%C3%BCgenialkoh%C3%B6llische_Wunschpunsch als Büchernörgele, im Volksmund auch Klugscheißerchen oder Korinthenkackerli genannt, in einem Einmachglas versauerst, sondern da hinkommst, wo du hingehörst: in Jorge Luis Borges’ Bibliothek von Babel. Meine Güte, was du da alles zu lesen haben wirst. Aber das erzählst du mir dann ja sicher, falls wir uns dort sehen.

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