Die Fußstapfen, in die ich hier trete, sind im wahrsten Sinne des Wortes groß. Ilse Aigner

Das liebe, nymphomane Mädchen

Bei Focus Online hat man mal wieder ganz tief in die weibliche Verhaltenskiste gegriffen und Erstaunliches zutage gefördert: die Unschuldige und die stets Willige. Geht’s eigentlich noch?!

Liebe „Focus Online“-Redaktion,

was ist in letzter Zeit nur los mit dir? Erst vor Kurzem hast du eine Nachwuchsjournalistin – deren Namen ich an dieser Stelle nicht noch einmal nennen werde, weil ich deinen Versuch, diese bescheuerte Idee so schnell wie möglich aus dem Netz zu nehmen, respektiere – halbnackt in eine Dusche steigen und sich komplett lächerlich machen lassen und jetzt das: Jetzt zwingst du mich ernsthaft dazu, eine Kolumne über dich und Sylvie van der Vaart zu schreiben. Wieso?!

Aber der Reihe nach. Nachdem du dich in der Vergangenheit also schon des Öfteren als Freundin ranziger Rollenklischeesoße erwiesen hast, überschreibst du eine deiner investigativen Society-Reportagen nun so: „Nymphomanin oder liebes Mädchen? Das denkt ihr Heimatort über Sylvie van der Vaart“.

Unabhängig davon, dass mich diese Eingangsfragestellung überhaupt nicht interessiert, finde ich sie wie auch den darauffolgenden Artikel eine absolute Zumutung und hätte dazu selbst ein paar Fragen:

1. Nymphomawas? Wo hast du das denn bitte schön her und was soll das überhaupt bedeuten? Du beziehst dich damit doch hoffentlich nicht auf jenen inzwischen als unwissenschaftlich diskreditierten Begriff, der nur noch als abwertende, oder in seiner kommerzialisierten Form als ausdrücklich geforderte Beschreibung für weibliches Sexualverhalten verwendet wird?

Falls doch, ist das an sich schon ein starkes Stück. Darüber hinaus interessiert mich die Ricola-Frage: Wer hat’s erfunden? Da in dem ganzen Text niemand direkt mit dieser seltsamen Bezichtigung zitiert wird, muss ich annehmen, dass der Begriff auf deinem und dem Mist der Kolleginnen und Kollegen von der „Schweizer Illustrierten“ gewachsen ist, die sich exakt 54 Minuten später als du zu ähnlichen Behauptungen und Begriffen verstiegen haben.

Glückwunsch übrigens dazu. Dass man sich auf der richtigen journalistischen Fährte befindet, merkt man immer daran, wenn Medien mit einem ähnlichen Anspruch wie dem eigenen ein Thema in gleicher Weise aufgreifen.

2. Was genau ist eigentlich ein liebes Mädchen? Und können Frauen das sein, was du unter nymphoman verstehst, und gleichzeitig ein liebes Mädchen oder schließt das eine das andere aus? Wenn ich den Text richtig verstehe, verwendest du den Begriff Nymphomanin synonym mit „sexbessene Betrügerin“ (ohne Anführungszeichen, anscheinend ganz alleine ausgedacht – abermalige Glückwünsche dazu) und gebrauchst ihn als das genaue Gegenstück zum lieben Mädchen.

Eigentlich wollte ich dich bitten, mir diese Zusammenhänge bei Gelegenheit noch einmal genauer zu erklären, aber dann bin ich glücklicherweise auf die Kommentarspalte zu dem „Artikel“ gestoßen. Nach eingehender Lektüre weiß ich jetzt Bescheid. Zitat: „Es gibt genug frigide Frauen, warum sollte Sylvie nicht Spaß an der Liebe haben dürfen“, oder auch „Es ist eine sexuelle Störung, die meistens in der Kindheit entsteht. Von den Eltern z.B. nicht geliebt oder beachtet“. Und dann natürlich noch: „Das debile Lächeln sagt eigentlich alles über diesen D-Promi.“

3. Gibt es eigentlich sonst nichts, was Sylvie van der Vaart sein könnte? Vielleicht so Fotomodell, Schauspielerin, Moderatorin, Barbiepuppenvorlage (ach Mensch, Sylvie!), Brustkrebsüberlebende, Mutter? Sicher, nicht jeder hat die Zeit, das in mühevoller Recherchearbeit herauszufinden, aber es wäre doch durchaus angebracht.

4. Teufel noch eins, liebe „Focus Online“-Redaktion, wie ist dir das gelungen? Da hast du tatsächlich alle knapp 180.000 Einwohner und Einwohnerinnen der niederländischen Stadt Breda befragt, um herauszufinden, was „der Heimatort von Sylvie van der Vaart denkt“. Eigentlich ja 200.000, wenn man die 20.000 Menschen mit einberechnet, die du in Hoogstraten vorher auch noch befragt haben musst, als du noch davon ausgegangen bist, dass dies Sylvie van der Vaarts Heimatort wäre.

Aber wer lang hat, kann lang hängen lassen (kleine Anzüglichkeit für mehr Leseraufmerksamkeit, merkste hmm?!). Oder seit wann sind ein Kollege und ein paar Bekannte und Verwandte, die du dir auch noch aus anderen Medien herbeizitieren musst, gleich ein ganzer Heimatort?

Fragen über Fragen. Bleibt zu hoffen, dass du in Zukunft nicht mehr so lieb-nymphomane Sachen veröffentlichst und dich wieder mehr fokussierst.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Nils Pickert: Diese bösen Feministinnen

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