Endlich wieder Wahl-o-Mat

Nils Pickert29.08.2013Innenpolitik

Das politische Berlin ist für die Bundestagswahl dieses Jahr gar nicht erst aus dem Sommerloch herausgekommen und verbreitet gähnende Langeweile. Schön, dass ab jetzt wenigstens eine Software zur Sache kommt.

Seit heute steht Interessierten auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung endlich der aktuelle “Wahl-o-Mat für die Bundestagswahl 2013 zur Verfügung.”:http://www.bpb.de/politik/wahlen/wahl-o-mat/

Der kommt oberflächlich betrachtet nicht so cool daher wie die zwangshippe neue ARD-Sendung “„Überzeugt uns!“,”:http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/ueberzeugt-uns/index.html punktet aber im Gegensatz zur Initiative „Rentnerverein beguckt sich junge Leute“ nicht nur durch Inhalte, sondern auch durch die Vermittlung derselben. Während die Verantwortlichen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zwar mit Ingo Zamperoni und ganz besonders mit Katrin Bauerfeind auf die richtigen Personen gesetzt haben, um Politikerinnen und Politiker ordentlich anzugehen, begreifen sie zugleich nicht, dass sie mit pseudowitzigen Einspielern, in denen beispielsweise der 56-jährige bayerische Innenminister Joachim Herrmann mit Auszügen aus einem vorgeblichen Jugendslang konfrontiert wird, nicht einen Protagonisten des Politikbetriebs auf die Schippe nehmen, sondern genau die Jugendlichen verarschen, “für die die Sendung eigentlich gemacht sein wollte.”:http://www.youtube.com/watch?v=y0MgwcvRb3w&list=PLQrsocOZ_VCm2zGy_gzvmS2kCuZbJzW8O&index=1

Endlich auch mal einen persönlichen Referenten

Solche Possen hat der Wahl-o-Mat glücklicherweise gar nicht nötig. Während andere noch krampfhaft darüber nachdenken, wie man sich dem unbekannten Wesen Jugendlicher nähert, steht der Wahl-o-Mat für die kommende Bundestagswahl für alle gängigen Mobilfunkplattformen als “kostenlose App zur Verfügung.”:http://www.bpb.de/shop/multimedia/mobil/149163/wahl-o-mat-app

Die entsprechende App schwafelt dann eben nicht wie Ilse Aigner zum Themenkomplex NSA-Abhörskandal über ihre Bedenken gegenüber Facebook, sondern „konfrontiert den User mit 38 Thesen aus unterschiedlichen Politikfeldern, die im jeweiligen Wahlkampf eine Rolle spielen – etwa: Es soll ein flächendeckender Mindestlohn eingeführt werden.“ Und zu diesen Thesen kann man sich dann verhalten. Man muss sich also nicht von Politikerinnen und Politikern um den gesunden Menschenverstand quatschen lassen, die besonders in Wahlkämpfen unabhängig von der tatsächlichen Parteiprogrammatik immer versuchen, alle da abzuholen, wo sie stehen, sondern bekommt hübsch angerichtet und serviert genau die Dinge, für die sich die Parteien gerade so durchringen konnten, zu stehen.

Im Wahl-o-Mat haben die Wählerinnen und Wähler also quasi endlich auch mal einen persönlichen Referenten. Einen, der sich die Mühe gemacht hat, die ganzen schwammig-wohlfeilen Formulierungen auf Kernaussagen zu reduzieren und diese dann Punkt für Punkt mit ihnen durchgeht. Einen, der anschließend sogar eine Empfehlung abgibt. Und genau wie bei einem richtigen Referenten kann man diese Empfehlung, so man denn möchte, auch getrost ignorieren und sich auf sein Bauchgefühl verlassen oder das wählen, was man schon immer gewählt hat – aus Nostalgie, Gewohnheit oder einfach mangels Alternative.

Mehr kann man dieses Jahr nicht verlangen

Der Wahl-o-Mat ist im Gegensatz zu diesem Wahlkampf sogar für Überraschungen gut, wenn man beispielsweise Schnittmengen zu Parteien entdeckt, die man an Wahlabenden zwar auf dem Zettel, aber noch nie wirklich zu wählen in Erwägung gezogen hat. Oder wenn man darauf hingewiesen wird, dass die möglichen Übereinstimmungen mit den Absichtserklärungen radikaler Parteien nicht unbedingt mit den eigenen Überzeugungen, sondern vielmehr mit den “Bauernfängertaktiken der politischen Randgebiete zu tun hat.”:http://www.bpb.de/politik/wahlen/wahl-o-mat/45314/mein-ergebnis-und-jetzt

Selbstverständlich kann ich dem Wahl-o-Mat nicht erklären, dass ich die Linke aufgrund meiner DDR-Sozialisation einfach nicht wählen kann, auch wenn er mir einmal mehr vor Augen führt, dass mir die Zimperlichkeit der anderen Parteien in Bezug auf die Bankenkrise viel zu kurz greift. Und dass ich es eine Frechheit finde, wie sehr er mir die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands ans Herz legt, nur weil ich ihm gegenüber mal spaßeshalber radikalere Positionen habe durchblicken lassen, ist ihm komplett egal. Das ist ja das Schöne am Wahl-o-Mat. Der erwartet von mir keine Zustimmung und ist schon gar nicht darauf aus, von mir gewählt zu werden. Der will mich nur informieren und interessieren. Vielleicht auch noch zur politischen Partizipation auffordern.

Mehr kann man in diesem Bundestagswahlkampf offensichtlich nicht verlangen. Denn den Deutschen geht es in diesem Jahr mehrheitlich wie dem Kameramann beziehungsweise der Kamerafrau des “Wahlwerbespots der CDU.”:http://www.youtube.com/watch?v=Mk06yfbXQYg

Während ein Politprofi, in dem Fall die Bundeskanzlerin, irgendwelche Phrasen drischt, trübt sich gelegentlich der ermüdete Blick, schweift aufs Sofa ab und sucht nach Anhaltspunkten zum Festmachen. Zwischendurch droht man immer mal wieder einzuschlafen. Dann lieber doch eine Runde Wahl-o-Mat.

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