Von wegen alleinerziehend!

Nils Pickert23.08.2013Gesellschaft & Kultur

Maike von Wegens Debüt Mutterseelenalleinerziehend ist ein Schlag ins Gesicht aller, die sich die Situation der Betreffenden fürs eigene Seelenheil schönreden. Und es ist eine knallharte persönliche Abrechnung. Vielleicht hätte sich die Autorin eines von beiden sparen sollen. Wenn man nur wüsste, welches.

“„Mistakes were made. Hearts were broken, harsh lessons learned. My family goes on without me, while I drown in a sea of pointless pussy.“”:http://www.youtube.com/watch?v=72kDHPUfoUg

Die Worte des fiktiven Schriftstellers Hank Moody aus der US-amerikanischen Serie „Californication“ passen mit einer kleinen Änderung auch auf Maike von Wegen: Fehler wurden gemacht. Herzen wurden gebrochen und bittere Lektionen gelernt. Meine Familie macht ohne mich weiter, während ich in einem Meer aus nutzlosen Beziehungen, Einsamkeit und Schuldgefühlen ertrinke.

Mit 20 irgendwie schwanger

bq. Aus dem „Lexikon der erklärungsbedürftigen Vergleiche, abwegigen Metaphern und sinnlosen Shitstormpräventionen“ von Nils Pickert – Maike-von-Wegen-Hank-Moody-Vergleich, der: Bei diesem berühmten, erstmals schriftlich für den 23.08.2013 belegten Vergleich handelt es sich um eine sogenannte nichtpersonelle partielle Situationskongruenz. Diese zeichnet sich durch die subjektive Wahrnehmung einer inhaltlichen Parallele zwischen realen und/oder fiktiven Individuen aus, deren ansonsten augenscheinliche Differenz davon unberührt bleibt. Die NPSK beschränkt sich zumeist auf Zitate oder Momentaufnahmen, die außerhalb des umrissenen Kontextes wenig bis gar nicht sinnvoll erscheinen.*

Aber was genau ist eigentlich passiert? Meike Büttner, so der bürgerliche Name Maike von Wegens, ist zwanzig Jahre alt, als sie „irgendwie“ schwanger wird. Sie setzt damit eine Familientradition fort, mit der sie um jeden Preis brechen wollte, und sieht sich von einem Tag auf den anderen an der Front. Überall brechen Konflikte aus, Zeit für Atempausen gibt es nicht. Mit der Schwangerschaft und der anschließenden Mutterrolle scheint sich beinahe jeder in ihrer näheren Umgebung dazu eingeladen zu fühlen, sie für die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse verantwortlich zu machen. Wo sie jetzt doch sowieso Mutti ist.

Der Kindsvater möchte Freiraum und Rock’n’Roll und die Schwiegereltern die totale Kontrolle. Die Mutter erhebt Anspruch auf das Leben ihrer Tochter und das Schicksal ihrer Enkelin – einschließlich Kindesentzug, Gerichtsprozessen und allem, was dazugehört. Die Schwester nimmt sich den Partner. Eine unfassbare Abfolge von Schicksalsschlägen und Zerwürfnissen, für die man jeder Autorin und jedem Autor von fiktiven Texten das Buch aus der Hand schlagen müsste, nimmt ihren Lauf, die die junge Frau ihre Mutterschaft immer mehr als Isolationshaft empfinden lässt und über den Rand des Wahnsinns hinaus trägt. Bis sie schließlich die Kraft findet, sich zu Wut aufzuraffen.

Eigentlich schreiben hier zwei Persönlichkeiten

Also klagt Meike Büttner jeden an, der die Sache mit verbockt hat. Und weil sie sich dabei selbst nicht ausnimmt, lässt sich die Lektüre aushalten. Dem Fehlverhalten der anderen stellt sie ihr eigenes Versagen, ihre Passivität gegenüber und verleiht somit ihrer Forderung, sich auf diesen Teil ihrer Vergangenheit nicht reduzieren zu lassen, mehr Authentizität. Aber nicht nur das: Meike Büttner macht und tut. Sie denkt um, schreit rum, legt sich mit Behörden und Leuten an. Eine Frau, die es nie unbedingt leicht haben wollte, aber zugleich nicht verstehen kann, warum es ihr so schwer gemacht wird.

Irgendwann ist sie schließlich Maike von Wegen, “bloggt über ihr Leben als Alleinerziehende”:http://mutterseelenalleinerziehend.de/ und fängt sich einen üblen Shitstorm ein, als sie den Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky “öffentlich kritisiert.”:http://www.tagesspiegel.de/berlin/gastbeitrag-buschkowsky-debatte-wir-sprechen-immernoch-ueber-rassismus/7270880.html Als Maike von Wegen stellt sie auch die Systemfragen, prangert soziale Missstände und die gesellschaftliche Abseitsstellung von Alleinerziehenden an.

Genau diese Dichotomie ist es, die sich dem Buch vorwerfen lässt. Eigentlich schreiben hier zwei Persönlichkeiten an unterschiedlichen Texten: Während Meike Büttner emotionale Reparationszahlungen aus ihrem persönlichen Umfeld zustehen, kann Maike von Wegen von der Gesellschaft nur das einfordern, was allen Alleinerziehenden zustehen sollte. Stellenweise weiß man jedoch nicht, wem da gerade etwas zugesprochen werden soll. Das schwächt die Position von Wegens, weil sie sich angreifbar für die Unterstellung macht, ihre allgemeinen Forderungen für Alleinerziehende wären tatsächlich nichts weiter als der durchaus nachvollziehbare Wunsch nach persönlicher Vorteilnahme.

Das Buch ist eine Chimäre

Gleichzeitig scheint das Buch nur so zu funktionieren. Immer wenn man den Wunsch verspürt, den einen Strang zugunsten des anderen zu opfern, merkt man nach wenigen Sätzen, dass Maike auf Meike (und vice versa) auf ähnliche Weise angewiesen bleibt wie man selbst auf beide zum Verständnis des Buches.

Die Lektüre von „Mutterseelenalleinerziehend“ gestaltet sich wie das Treffen mit einem guten Freund, den man nur einmal im Jahr sieht und der direkt danach sofort wieder weg muss: Alles kommt auf den Tisch, jedes Thema wird angerissen und man quatscht sich die Köpfe heiß, bis es raucht. Danach ist man ziemlich verwirrt und voller widersprüchlicher Eindrücke, aber trotzdem froh, dass man sich mal wieder gesehen hat.

Denn Maike von Wegens Buch ist eine Chimäre. Vorn brüllt es einen an, hinten spuckt es Gift und irgendwo in der Mitte, so ist man sich fast sicher, möchte es vielleicht gestreichelt werden. Es ist ein anstrengender, tieftrauriger, bitterböser, stellenweise absurd komischer Streifzug durch die Seelenlandschaft einer jungen Frau und die öden Weiten dessen, was Deutschland als sein Gemeinwesen verstanden wissen will.

Keine Wahrheit, sondern Erinnerung

Für jeden chronologischen Schritt vorwärts zwingt die Autorin die Leserinnen und Leser zu zwei inhaltlichen Schritten seitwärts. Und es scheint, als könne man sich dabei genau wie eine Alleinerziehende auf überhaupt nichts mehr verlassen: „Alles Weitere, was ich erzähle, ist das, was mein Gehirn aus der Geschichte gemacht hat, damit ich dabei am besten wegkomme.“ Wenn das so ist, will man lieber nicht wissen, wie es wirklich gewesen ist. Wobei die Autorin auch noch klarstellt: „Das hier ist keine Wahrheit, sondern meine Erinnerung. Wahrheit gibt es nicht. (…) Meine Erinnerung ist wie alle menschlichen Erinnerungen: wertlos.“

Doch auch hierin bleibt der Text Chimäre. Zu oft spricht die Autorin an anderer Stelle von Wahrheit, bis sie schlussendlich auch noch den Rat gibt, man möge sie doch bitte schön in sich selbst suchen. Also ist doch noch etwas wahr?! Dann kann man das Buch ja getrost beiseitelegen und abschalten, oder? Von wegen!

_”Maike von Wegen: Mutterseelenalleinerziehend. Ein Kind und weg vom Fenster? Knaur Verlag, 240 Seiten, 8,99 €”:http://www.droemer-knaur.de/buch/7780997/mutterseelenalleinerziehend_

_*Anmerkung: Für die Vorlage zur fiktiven lexikalischen Abschweifung danke ich dem inspirierenden Walter Moers und möchte allen, die zu dieser rhetorischen Figur Grundlagenforschung betreiben wollen, sein 1999 erschienenes Standardwerk „Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär“ ans Herz legen._

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