Das Bubka-Prinzip

von Nils Pickert16.08.2013Innenpolitik

Vor der anstehenden Bundestagswahl muss man sich mit aller Deutlichkeit vor Augen führen: Es geht ums Prinzip! Aber um welches genau und muss das wirklich sein?

Prinzipienbücher stehen nach wie vor hoch im Kurs. Alles und jeder kann zum Prinzip erhoben werden und damit eine differenzierte Weltanschauung zumindest teilweise ersetzen. Denn auf Prinzipien, die andere beschreiben, ans Ziel reiten zu wollen, lohnt sich für Menschen immer dann, wenn sie ihre eigene Existenz als defizitär erleben und etwaige Auswege zu ausgetreten und mühselig erscheinen.

Hier eine Auswahl von Lebewesen und Dingen, denen man sich, sofern man zuvor die entsprechenden Pamphlete käuflich erworben oder ausgeliehen hat, als Prinzip verschreiben kann: Münchhausen, Bumerang, Uschi, Günter, Pinguin, Arche Noah, Balu, Uli Hoeneß, Pyramide, Shaolin, Paulus.

Durchregieren mit Gemütsruhe

Falls Ihnen das zu konkret sein sollte, können Sie sich auch mit schwammigeren Prinzipien behelfen: Schatten, Arroganz, Verantwortung – um nur einige zu nennen. Und den Dalai Lama gibt es auch als Prinzip für Paare. Muss man da eigentlich doppelt prinzipientreu sein, oder reicht es, wenn sich beide halbherzig bemühen?

Unwichtig! Wichtig ist allein, dass Sie all diese Prinzipien vergessen können, weil ich natürlich das einzige Prinzip entdeckt habe, nach dem die Welt wirklich funktioniert und das Ihnen tatsächlich Erfolg in jeder Hinsicht garantiert. Es ist das Bubka-Prinzip. Sergej Bubka ist ein ehemaliger Weltklasse-Stabhochspringer aus der Ukraine, der in den 1980er- und 1990er-Jahren seine Sportart nach Belieben dominierte, “weil er einfach mal einen halben Meter höher springen konnte als die Konkurrenz”:http://de.wikipedia.org/wiki/Serhij_Bubka.

Für einen Athleten der damaligen UdSSR in einer Randsportart (wie Bubka) stellte sich die Frage, ob, und wenn ja, wie er mit seinem sportlichen Talent Geld verdienen kann. Bubka entschied sich dafür, serienmäßig Weltrekorde zu brechen und damit auf jedem Meeting, jeder Welt- und Europameisterschaft, die entsprechenden Prämien für eine neue Bestmarke einzustreichen. Das bedeutet, dass er das Maximum seiner Leistungsfähigkeit nicht bei irgendeiner nächstbesten Gelegenheit abgerufen hat, sondern sich bei jeder sich bietenden Möglichkeit die paar Zentimeter, die er auf den von ihm zuletzt aufgestellten Weltrekord immer noch drauflegen konnte, mehr oder weniger fürstlich bezahlen ließ.

Ein geniales Prinzip. Es kombiniert Nachhaltigkeit mit vorausschauendem Denken und dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Und das Beste daran ist, dass es bereits vielfach Anwendung findet und problemlos in alle anderen Bereiche des Lebens implementiert werden kann. Die aktuelle Bundesregierung praktiziert das Bubka-Prinzip beispielsweise schon seit Jahren. In Unkenntnis der zutreffenden Begrifflichkeit “nennt sich das bei ihr allerdings Durchregieren”:http://www.tagesspiegel.de/politik/-das-wort-durchregieren-erklaert-wird/622094.html.

Das bedeutet, dass die Dinge, die unbedingt auf den Weg gebracht werden müssten, in aller Gemütsruhe auf die lange Bank geschoben und allenfalls dann umgesetzt werden, wenn man sich durch äußere Umstände dazu genötigt fühlt. Warum sollte man sich auch davon beunruhigen lassen, dass selbst bei der eigenen Wählerschaft zwei Drittel der Meinung sind, man sollte sich in “gewissen Dingen doch endlich mal bewegen”:http://www.zeit.de/politik/deutschland/2013-02/homo-ehe-befuerworter-umfrage?

Mit solchen Mehrheitsverhältnissen können Sie im Parlament vielleicht die Verfassung ändern, aber wenn die Gesellschaft außerhalb des Bundestags schneller politische Realitäten erkennt und benennt als die illustre, die drinnen sitzt, ficht das doch keine Bundeskanzlerin an.

Sie haben im Prinzip die Wahl

Darüber hinaus folgt auch und gerade die Wirtschaft dem Bubka-Prinzip. Die Automobilindustrie beispielsweise. Deren erklärtes Ziel ist es nicht, Ihnen das bestmögliche Auto zu verkaufen, sondern eines, dass Sie gut genug finden, um es zu erwerben, welches aber noch in so vielen Punkten verbessert werden kann, dass Sie möglichst bald wieder Geld für das Nachfolgemodell ausgeben.

Oder denken sie an das erste iPad von Apple – Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass deren Fachleute nicht in der Lage gewesen wären, dieses Gerät mit zwei Kameras für Fotos, Filme und Videotelefonie auszustatten. Nein, die haben das gemacht wie Sergej. Die wussten, dass ihre Marktkonkurrenten für geraume Zeit nicht einmal in die Nähe der Sechs-Meter-Marke springen würden und haben sich überlegt, wie sie aus diesem Umstand möglichst viel Profit schlagen können. Und als die beiden Kameras dann mal drangebastelt werden mussten, hatte man immer noch genügend Spielraum im Auflösungsgrad.

Das Bubka-Prinzip generiert folglich kein Alleinstellungsmerkmal. Es stellt stattdessen fest, dass es irgendwie zu einem gekommen ist und beginnt unverzüglich damit, es umsichtig zu verwalten.

Was aber bedeutet das im Hinblick auf die anstehende Bundestagswahl? Werden noch andere Prinzipien vertreten und wenn ja, müssen wir uns für eins entscheiden? Dass die Bundesregierung sich voll und ganz dem Bubka-Prinzip verschrieben hat, ist, wie bereits erwähnt, offenkundig. Die CDU „verfügte ja schon 2009 über die Kraft“ und die Herrlichkeit, da gilt es 2013 das Reich zu verteidigen. Mit „mehr Familie“ und „stark bleiben“. “Die FDP hat sowieso alles gut gemacht”:http://www.flickr.com/photos/liberale/sets/72157633332176835/.

Oder, um Günther Jauchs Ausspruch zum Torfall von Madrid zu zitieren: „Zeigt uns noch einmal diesen Daumen. Was für ein Daumen, ein würdiger Daumen für dieses Ereignis.“

Die Nichtregierungsparteien folgen natürlich auch einem Prinzip, zumindest möchten sie bei den Wählerinnen und Wählern den Anschein erwecken: dem Gattaca-Prinzip. Der Name spielt auf eine cineastischen Zukunftsvision von 1997 an, in der ein genetisch selektierter jüngerer Bruder von dem älteren, der aufgrund seiner natürlichen Empfängnis als invalid gilt, wissen will, wie es möglich sein kann, dass er trotz seiner besseren Anlagen bei dem Zweikampf, wer von beiden sich weiter aufs Meer hinaus zu schwimmen traut, unterliegt.

Der Ältere antwortet, dass er deshalb gewinnt, weil er sich niemals noch Kraft für den Rückweg aufgespart hat. Weil er seine Ausdauer nicht verwaltet, sondern alles gibt, was er hat. Im Vertrauen darauf, dass er noch mehr davon finden wird, wenn es darauf ankommt. Erfahrungswerte zeigen jedoch, dass sich mit der Positionsverschiebung von Opposition in Regierung und umgekehrt auch das jeweilige Prinzip verschiebt. Bubka lümmelt demzufolge auf der Regierungsbank herum, während die anderen versprechen müssen, gegen den Strom zu schwimmen. “Da mag die Alternative, überhaupt nicht wählen zu gehen, verlockend erscheinen”:http://www.theeuropean.de/christoph-giesa/7272-die-unwaehlbarkeit-der-parteien. Wenn den Kopf in den Sand stecken schon keine Lösung ist, dann doch zumindest ein Prinzip.

Egal, wofür Sie sich also letztlich entscheiden werden – ist es nicht schön, zu wissen, dass Sie im Prinzip die Wahl haben?

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