Prostitution in Deutschland | The European

Deutschland, ein Freiermärchen

Nils Pickert18.07.2013Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Wirtschaft

Einige gehen zum Lachen in den Keller, andere reisen für Sex gegen Bezahlung in die Bundesrepublik. Wenn dieser Staat sich weiterhin als Zuhälter betätigt und Frauen wie Automaten besteuert, wird das sicher auch eine stehende Redewendung.

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RAYMOND ROIG/AFP/Getty Images

Lieber bundesrepublikanischer Rechtsstaatslude,

du bist bekanntermaßen schön, deine Landschaften typisch, deine liberalen Prostitutionsgesetze weltberühmt. Du legst Wert auf gepflegte Engstirnigkeit und Bigotterie. Das geht so weit, dass deine gewählten Volksvertreter und Volksvertreterinnen, die zu Teilen 2002 in Regierungsverantwortung standen und heute opponieren, sich einfach nicht eingestehen wollen, dass sie es vor nunmehr über zehn Jahren vollkommen verbockt haben. Dem hehren Anspruch, das Recht von Prostituierten auf Selbstbestimmung, berufliche Planbarkeit und Legalität zu befördern, stehen ganze Busladungen von inländischen wie ausländischen Freiern gegenüber, die sich zu Flatrate-Tarifen an Frauen verlustieren, von denen sie lediglich verlangen, dass sie sich ihnen aus „Naturgeilheit“ und permanenter sexueller Bereitschaft “für ein paar Euro so hingeben wie keinem Mann zuvor”:http://www.sueddeutsche.de/medien/ard-dokumentation-sex-made-in-germany-die-grosse-puff-luege-1.1692379.

Na, wenn es weiter nichts ist. Für ein paar Scheine wird schon eine (vielleicht) knapp volljährige Osteuropäerin, die man unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ins Land gelockt oder eben gedroht beziehungsweise geprügelt hat, zu finden sein, die diesen Ansprüchen gefälligst zu genügen hat.

Fleischware für den Massenkonsum

Und weil die Pferdchen gerade nicht nur prima auf St. Pauli, sondern inzwischen selbst in deinen entlegensten Provinzen laufen, da hast du dir gedacht, du hältst einfach auch wie jeder gewöhnliche Zuhälter die Hand auf und kassierst Menschen ab, die innerhalb deiner Grenzen zu Fleischware für Massenkonsum degradiert werden. Wo Förderung von Prostitution zur Beförderung von Steuergeldern in deine Taschen umgedeutet werden kann, “darf man sich in Zeiten klammer Kassen offensichtlich für nichts zu schade sein”:http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/sexsteuerautomat-auf-bonner-strassenstrich-bringt-stadt-35-000-euro-ein-a-851841.html. Schon gar nicht für Sekundärausbeutung. Oder “wie es die Stadt Stuttgart formuliert”:http://www.stuttgart.de/item/show/17453:

bq. „Im Regelfall unterliegen Spieleinrichtungen, Musikautomaten, Wettbüros, Bordelle und das Vorführen von Sex- und Pornofilmen sowie Sex-Lifeauftritte _(sic!)_ der Vergnügungssteuer. Steuerschuldner ist der Veranstalter, der Halter / Aufsteller der Spiel- und Unterhaltungsapparate, der Betreiber von Wettbüros oder der Besitzer von Räumlichkeiten. Meldungen sind innerhalb eines Monats zu erstatten (zum Beispiel nach Aufstellung eines Gerätes). Bei verspäteter Meldung, wird pro Monat ein Verspätungszuschlag von 10 Prozent des Vergnügungssteuerbetrages festgesetzt.“

Welches Vergnügen denn?! Dass du nur traurig den Kopf schüttelst, wenn es darum geht, denjenigen zu Leibe zu rücken, die Nachfrage und Bedarf generieren, ist die eine Sache. Aber dir als Gewerbekollege muss doch klar sein, dass die jeweiligen „Nuttenhalter“ und Aufsteller von „Prostitutionsapparaten“ deine sogenannte Vergnügungsteuer auf diejenigen umlegen, die die ganze Arbeit zu machen haben. “Das ist doch in anderen fleischverarbeitenden Industrien genauso”:http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/schlachtbetriebe-dumpingstandort-deutschland/7960802.html. Da kann der Grüne Volker Beck noch so oft erzählen, “dass der Gesetzgeber kein Moralunternehmen sei”:http://www.cicero.de/berliner-republik/volker-beck-prostitutionsgesetz-der-gesetzgeber-ist-kein-moralunternehmen/53754. Erstens müssten Leute, die sich berechtigterweise für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben einsetzen, doch wissen, dass ein Staat mehr leisten sollte als das Austragen der Post und Bürgschaften für Bankenspielgeld zu verteilen. Und zweitens mag es durchaus angehen, dass man es für eine gute Idee hält, Prostitution zu legalisieren und gesellschaftlich zu enttabuisieren. Dabei jedoch so blauäugig zu sein, dass einem nicht auffällt, wie damit zugleich Freiertum legalisiert und normalisiert wird, ist der Gipfel der politischen Naivität.

Riesiger Puff für Touristen

Nur damit wir uns nicht missverstehen, werter Bundesstenz: Ich habe durchaus Verständnis dafür, dass du das so nicht geplant hast und dir mittlerweile ziemlich alles aus dem Ruder gelaufen ist. Auch bin ich mir sicher, dass es Frauen gibt, die genau zu der Gruppe Menschen gehören, auf die deine Intention abgezielt hat. Frauen also, “die sich im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte aus freien Stücken dazu entschieden haben, der Prostitution nachzugehen”:http://www.vice.com/de/read/ich-bin-lieber-prostituierte-als-im-call-center-leute-manipulieren und diese tatsächlich als die von dir als Sub-Zuhälter in diesem Zusammenhang so inflationär bezeichnete Sexarbeit verstehen. Aber du kannst doch nicht weiterhin ernsthaft das Märchen von durchgängiger Selbstbestimmung und Aufgeklärtheit erzählen, wenn im Grenzgebiet vom Saarland zu Frankreich ein riesiger Puff für Touristen hochgezogen wird und Freier weltweit preiswerte Erlebnisreisen buchen, auf denen sie sich dann einmal quer durch Deutschland huren.

Das entsprechende Gesetz der feinen deutschen Fick-AG ist bei genauerer Betrachtung kaum das Papier wert, auf dem es steht. Im Einzelfall nützlich – im Regelfall lediglich Mittel zum Zweck der Ausbeutung. Zu Triebabfuhr und Steuereinahmen für die billigend oder einwilligend in Kauf genommene Frauenverachtung, den Menschenhandel und die moderne Sklaverei. So laut kannst du in Europas größtem Bordell doch gar nicht pfeifen, lieber Bundeszuhälter, dass du das nicht merkst. Irgendwann muss auch mal Schluss sein.

_Disclaimer: Unter wissenschaftlichen Arbeiten folgt an dieser Stelle zumeist ein solcher Zusatz: „Aus Gründen der Textökonomie werden in der vorliegenden Arbeit weibliche Formen nicht explizit angeführt.“ Wer wollte sich heutzutage schon noch des Vorwurfs schuldig machen, unökonomisch zu handeln?! In diesem Sinne bezieht sich obiger Text auch auf männliche Prostituierte, ohne sie ein einziges Mal erwähnt zu haben._

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