Frauengold – dann klappt es mit dem Sexismus

Nils Pickert13.07.2013Gesellschaft & Kultur

Das Erkennen von sexistischen Strukturen gestaltet sich oft schwierig, weil der Begriff zu unscharf gefasst scheint. Da kann es helfen, erst mal ordentlich zu picheln. Bei Frauen sowieso. Immer!

Wenn an anderer Stelle “lebensfroh und jugendfrisch über Waschmaschinen als Sexismusmaschinen geschrieben wird”:http://www.theeuropean.de/birgit-kelle/7185-sexismusvorwurf-gegen-zdf-zur-frauenfussball-em, kann ich mich gelegentlich nicht des Eindrucks erwehren, dass die entsprechenden Texte unter dem Einfluss von Frauengold verfasst worden sind.

Was, Sie wissen nicht, was Frauengold ist? Ach, also ich kann Ihnen sagen: “Das war vielleicht ein Mittelchen”:http://de.wikipedia.org/wiki/Frauengold. Schade, dass es das heutzutage nicht mehr gibt. Wenn Frau sich das genehmigt hat, ist sie nicht mehr wegen jeder Lappalie an die Decke gegangen und konnte problemlos jeden Ärger und jede Kritik zusammen mit ihrem bisschen an Stolz herunterschlucken.

Und im privaten Bereich hat dieses Wundermittel gleich noch viel besser angeschlagen. Wenn der circa 20 Jahre ältere Ehemann mal ein bisschen nervös war und eine Vase umgeworfen hat, war Frau nicht gleich versucht, die Schweinerei wegzumachen und ihn ein bisschen zu schelten, sondern hat ihn so beruhigt, wie es sich gehört – also damit, sich aus dem Stand zusammenhangslos flachlegen lassen.

Außerdem war das Zeug herrlich, wenn ihre Periode den Männern wieder alles verhagelt hat. Einfach einen hinter die Binde kippen und dieses ganze Wischi-Waschi-Gerede von Unterleibsschmerzen und Migräne war gegessen.

Der Sexismusvorwurf speist sich aus dem Kontext

Nur falls bei Ihnen diesbezüglich Fragen auftauchen sollten: Glauben Sie bloß nicht, dass diese Darstellungen in irgendeiner Weise sexistisch sein könnten. Das ist wie beim “ZDF-Spot zur Frauenfußball-EM in Schweden”:http://www.youtube.com/watch?v=rx4jAEyVJHE&feature=player_embedded. Damals wie heute werden Frauen einfach bei ganz normalen Tätigkeiten gezeigt. Beim Kapernkaufen, beim im Büro Einknicken, beim Wäschewaschen oder auch bei der Erfüllung ehelicher Pflichten wegen akutem Bedarfsfall. Daran ist nichts Anrüchiges. Millionen von Frauen tun das jeden Tag, weil sie es wollen oder sich schlückchenweise daran erinnern, es wieder wollen zu müssen. Denn ein bisschen postvasaler Koitus ist nach wie vor grundsätzlich zu empfehlen.

So. Jetzt haben wir alle ein bisschen gelacht. Ihr so: „Hihi, die linken Gutmenschen und ihr dämlicher Sexismusvorwurf“, ich so: „Den Stress könnt ihr gerne haben – von wegen linker Gutmensch!“ Jetzt ist Schluss mit lustig. Selbstverständlich ist Wäschewaschen nicht an sich sexistisch. Es ist eine notwendige Verrichtung, die in zahllosen Haushalten wiederholend vorgenommen werden muss. Allerdings nicht zwingend von Frauen. Auf den Waschmaschinen sind keine Aufkleber angebracht, auf denen steht: Achtung, nur von Frauenhänden zu bedienen! Und die Benutzung einer Waschmaschine ist auch keine weibliche Geheimwissenschaft, die sich Männern nicht erschließt. Der Sexismusvorwurf speist sich, wie so vieles im Leben, aus dem Kontext. Wenn uns ein Foto vorgelegt wird, auf dem jemand zu sehen ist, der einen Stein wirft, ist das zunächst einmal nicht weiter aufregend. Wenn uns anschließend ein weiteres Foto vorgelegt wird, auf dem erkennbar ist, das auf dem ersten nur eine Teildarstellung zu sehen war, und man nun sieht, dass dieser jemand mit dem Stein einen anderen bewirft, dann ist das genau der Zusammenhang, der uns bei der ersten Betrachtung gefehlt hat.

Und immer noch ganz im Ernst: Es kann doch nicht angehen, dass der Kontext ständig und mit ermüdender Penetranz geleugnet und/oder in Abrede gestellt wird. Als ob der Stein nur weit vorausgeworfen wurde, damit der andere den Weg weiß. Vielleicht war es ja auch gar kein Stein, sondern eine Packung Taschentücher, weil der andere sich die Nase putzen musste. Schon möglich. Und selbstverständlich “kann man den ZDF-Spot”:http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1936016/Die-Frauenfussball-EM-2013-im-ZDF#/beitrag/video/1936016/Die-Frauenfussball-EM-2013-im-ZDF witzig finden.

Zu jedem Scherz ein Schnäpschen

Ist nicht mein Humor, aber die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Aber immer wieder gebetsmühlenartig zu wiederholen, man könne sich überhaupt nicht vorstellen, welcher Zusammenhang gemeint sein könnte, ist mindestens so ermüdend wie die Positionierung gegen Sexismus. So als hätte Mann sich nicht noch vor wenigen Jahrzehnten Frauen mit Hochprozentigem gefügig gemacht. So als wären Frauen nicht an den Haushalt und die Kindererziehung gekettet und auf die Einwilligung ihres Mannes bei der Ergreifung einer beruflichen Tätigkeit oder dem Unterzeichnen von Verträgen angewiesen gewesen.

Die spannende Frage ist deshalb nicht, ob das echt so krass sexistisch ist, wie die Aufschrei-Tanten und der Lila-Pudel-Typ vom European sagen, sondern ob das wirklich nötig war? Von den mannigfaltigen Möglichkeiten, diese Fußball-EM zu bewerben, musste wirklich gerade diese gewählt werden? Den Verantwortlichen ist nichts Witzigeres, Mitreißenderes, Zeitgemäßeres eingefallen? “Klar, anders wäre das nicht zu machen gewesen.”:http://www.youtube.com/watch?v=MMPdSEx4wSc

Oder wie das ZDF wissen lässt: „Diesen Humor müssen Frauen aushalten.“ Echt jetzt, ZDF? Vielleicht verteilst du nächstens mit jedem GEZ-Brief ein Schnäpschen für die Damen. Hat ja früher auch geklappt.

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