Die Berühmtheit mancher Zeitgenossen hängt mit der Blödheit der Bewunderer zusammen. Heiner Geißler

Balanceakt auf der Gürtellinie

Das Spiel der Geschlechter ist überholt – höchste Zeit, die Spielregeln zu ändern.

Die einen fühlen sich schlecht behandelt, während die anderen sich pauschalen Verdächtigungen ausgesetzt sehen. Immer wieder hieß und heißt es, die Männer würden für Sexismus in ­Sippenhaft genommen.

Tatsächlich. Jedoch nicht von denjenigen, die ein Interesse daran haben, Sexismen offenzulegen und die Gesellschaft zu verändern. Sondern von der Gegenseite. Diesen Menschen zufolge verhalten­ sich Männer nach wie vor wie Höhlenbewohner, die ihren sexuellen Trieben hilflos ausgeliefert sind. Sie wissen sich nicht anders zu helfen­ als in ein Dekolleté zu starren und auf einen Hintern zu glotzen.

Männer sind schwach und gierig. Sie stolpern orientierungslos durch eine Welt aus Fleisch und Körperöffnungen, immer in hoffender Erwartung, sich irgendwo fallen lassen zu können. Als Gegenstück werden Frauen herbeigeredet, die machtvoll auf die Ressource zurückgreifen, sich begaffen oder begatten zu lassen, um ihren Willen dem anderen Geschlecht aufzuzwingen. Wenn dem nicht so wäre, könnte Frau ja die Bluse zumachen, heißt es.

„Wie hiess die Frau an den Brüsten doch gleich?“

In dieser Debatte – die leider nie das gewesen ist, was sie hätte sein können – werden Männer und Frauen mit aller verfügbaren Kraft in noch vorhandene Klischees gepresst. Da die herkömmlichen Rollenmodelle seit Jahrzehnten an Einfluss verlieren und ständig Modifikationen erfahren, (be)greifen viele die Auseinandersetzung wohl als letzten Strohhalm. Und wollen endlich sagen können, was ihnen schon länger stinkt.

Genau deshalb reden die Debatten-Teilnehmer und -Teilnehmerinnen aneinander vorbei. So erklärte der bekannter Soziologe und Männerrechtler Gerhard Amendt das Reden und Streiten über Sexismus kurzerhand zum „Feldzug gegen die Erotik“. Seiner Auffassung nach wird dadurch der Flirt abgeschafft.

Dabei muss es doch möglich sein, ein Gegenüber als Mitmenschen wahrzunehmen, ohne zuvor Interesse an dessen primären und sekundären Geschlechtsorganen bekunden zu müssen. Dass Frauen mit schönen Brüsten für viele Menschen sexuell reizvoll erscheinen, steht außer Frage und ist gar nicht Gegenstand der Kritik. Erst die umgekehrte Wahrnehmung ist Ausdruck der tatsächlichen Problematik: „Schöne Brüste mit… wie hieß die doch gleich noch mal?“

Menschen, die über Sexismen nicht lachen können, sind weder humorlos noch unerotisch. Sie sind es nur leid, anderen auch noch dafür applaudieren zu müssen, dass sie ein strukturelles Machtgefälle benutzen, um sexuell auf den Geschmack zu kommen: „Du bist neu hier? Dreh dich doch mal kurz auf der Stelle. Heb das zerknüllte Papier auf! Alles klar, willkommen im Team.“

„Frau ärgere dich nicht“

Menschen, die nicht länger ­gewillt sind, gegen so ein Verhalten lediglich anzulächeln, nehmen sich das Recht heraus, differenziert wahrgenommen zu werden – auch und gerade weil das Gegenüber es als Zumutung empfindet und meint, bisher doch immer gut mit seinem Verhalten gefahren zu sein. Diese Differenzierungsarbeit mag mühselig und schwierig­ erscheinen, aber in jedem Fall lohnt sie sich. ­Differenzieren, das bedeutet beispielsweise:

  1. Jemand steht am Straßenrand und winkt einem Taxi. Er tut dies in der Überzeugung, dass ein LKW nicht ob dieser Geste abrupt ­abbremst, sich querstellt und einen Massenunfall verursacht. Falls dies doch geschieht, ist er sich sicher, dass man ihn dafür nicht verantwortlich machen wird.
  2. Jemand lädt in einem Restaurant einen Freund oder eine Freundin zum Essen ein. Vor dem Begleichen der Rechnung muss er nicht extra aufstehen und die übrigen fremden Gäste darüber informieren, dass sie ausdrücklich nicht eingeladen sind. Stattdessen geht er davon aus, dass die anderen in der Lage sind, einen Unterschied zwischen sich und der oder dem Eingeladenen zu machen.
  3. Eine Frau wartet in erotischer Kleidung in einer Hotelbar auf ihre Verabredung, also eine ganz spezielle Person. Sie kann davon ausgehen, dass alle anderen Anwesenden sich nicht dazu aufgefordert fühlen, sie auf ihre Geschlechtsorgane zu reduzieren oder in ihr eine Prostituierte zu sehen. Nachdem sie höflich eine Einladung zu einem Drink abgelehnt hat, fühlt kein Mann sich genötigt, ihr „Ach komm schon!“ ins Ohr zu flüstern. Die Kellner wetten nicht, ob sie es sich auch von hinten besorgen lässt. Keiner der Anwesenden nennt sie halblaut eine Schlampe, weil sie ihn hat abblitzen lassen.

Kann sie davon ausgehen? Ist es unerotisch, sich nicht zum Objekt der Begierde aller machen zu wollen, wenn man sich gerade darin sonnt, das Subjekt der­ Lust eines oder einer einzelnen zu sein?
Wer das unerotisch nennt, spricht Frauen die Lust ab, weil er nicht damit zurechtkommt, mit seiner Lust allein zu sein: „Wenn du mich nicht willst, bist du frigide. Spiel gefälligst mit!“ In diesem Spiel gab und gibt es bisher allerdings zu viele Verliererinnen und Verlierer. Daher ist es sowohl für Männer als auch für Frauen an der Zeit, endlich die Regeln zu ändern, um zu einem neuen Spiel zu finden. Statt „Frau ärgere dich nicht“ einfach mal ein Kooperationsspiel. Wie wäre das?

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Birgit Kelle, Merle Stöver.

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Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 3/2013 des „The European“ enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Endlich Arbeitslos – Wenn Roboter unsere Jobs übernehmen, geht die Arbeit erst so richtig los. Über Chancen und Risiken einer Welt ohne Mühsal debattieren u.a. dm-Gründer Götz Werner und Nobelpreisträger Robert Solow. Weitere Debatten: Die Ressource Big Data, die neuen Geschlechterrollen sowie die Aufarbeitung der deutschen Teilungsgeschichte. Dazu Gespräche mit Jean-Claude Juncker, Jürgen Trittin und Anne-Marie Slaughter.

Sie können es hier direkt bestellen.

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Mehr zum Thema: Rollenbild, Machtgefaelle, Geschlechterdialog

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