Wortgewaltig

Nils Pickert21.06.2013Gesellschaft & Kultur

Die Deutschen wollen sich nicht den Mund verbieten lassen. Dabei haben sie klare Vorstellungen und Grenzen. Zeit, sich an diese heranzutasten. Ein Verbalausfall.

Die “aktuelle Debatte(Link)”:http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fleischhauer-wie-ich-auf-einem-taz-podium-fast-fuer-einen-eklat-sorgte-a-896469.html darüber, ob man rassistische oder generell problematische Begriffe aus der bestehenden Kinderliteratur und den Mündern der Leute entfernen sollte, ist notwendig, vermischt aber verschiedene Dinge, die man besser getrennt ins Auge fasst.

Aber worum geht es eigentlich? Oberflächlich betrachtet ist es ziemlich einfach:

Die einen finden, “dass der Neger in Büchern für Kinder nichts zu suchen hat(Link)”:http://maedchenmannschaft.net/rassismus-raus-aus-kinderbuechern/ und die anderen Fotzen sind bis zur Vergasung dagegen, weil sie diesen politisch korrekten, schwulen Judenmist für überzogene Zensur halten. Mag sein, dass das ein wenig drastisch formuliert ist, aber nehmen Sie sich ruhig ein Beispiel an all den Kritikern, die Kristina Schröders „Kinderbuchzensur“ mit dem Hinweis nicht folgen wollten, dass man seinen Kindern anhand solcher Begriffe ja bestimmte Sachverhalte auch erklären könnte. Das wird sicher lustig.

Die Jüngeren werden nach der Ermahnung, doch bitte niemanden so zu nennen, aller Wahrscheinlichkeit die nächsten Tage und Wochen mit Vorliebe diese Wörter in den Mund nehmen. Einfach weil sie so machtvoll sind und so offensichtliche Effekte hervorrufen. Aber was sind schon Wörter?

Reden wir lieber über Korrektheit

Wörter können in unseren politisch korrekten Zeiten immer noch Waffen sein, vielleicht sogar mehr denn je. Denn eines muss man den Gegnern der überarbeiteten Fassungen von Kinder- und Jugendliteratur zugutehalten: Es sollte bitte schön nicht nur um politische Korrektheit gehen. Tut es auch gar nicht. Es geht um Korrektheit. Der Unterschied besteht darin, dass politische Korrektheit lediglich dazu dient, die vorhandenen, anerzogenen Unkorrektheiten zu maskieren. Das Problem ist allerdings, dass sich versteckte Ressentiments so länger halten. Politische Korrektheit konserviert all die Dinge, über die wir uns längst hätten Gedanken machen sollen. “Unter der Oberfläche wuchern sie jedoch ungestört weiter(Link)”:http://www.taz.de/!114947/.

Reden wir also lieber über Korrektheit: Es ist nicht korrekt, dunkelhäutige Menschen mit dem Begriff „Neger“ zu benennen, weil es eben nicht nur eine Benennung ist, sondern immer auch eine Bezichtigung.

Der Begriff bezeichnet eine künstliche, kolonialistische Differenz, die zwischen Individuen mit unveräußerlich gleicher Menschenwürde nicht besteht. Darüber hinaus impliziert er einen Besitzanspruch. Es ist demnach auch nicht korrekt, Menschen so zu beschreiben, nicht nur wenn man es selbst rassistisch meint, sondern auch wenn es mehrheitlich historisch rassistisch gemeint gewesen ist.

Gerade weil beispielsweise Astrid Lindgren in ihrer „Pippi Langstrumpf“ den Begriff „Negerkönig“ gar nicht mit einem eigenen rassistischen Gedankengut besetzt, sondern den zeitgenössischen allgemeinen Rassismus unkritisch wiedergibt, ist dieser so fragwürdig. Und selbstverständlich ist „Pippi Langstrumpf“ große Literatur und sollte nicht zensiert werden – “das meint nicht nur Ulrich Greiner, der Herausgeber der „ZEITLiteratur“(Link)”:http://www.zeit.de/2013/04/Kinderbuch-Sprache-Politisch-Korrekt.

Aber wenn man schon so akademisch bräsig darüber räsoniert, dass „die mörderischen Ideen rechter Schläger nicht durch fehlgeleitete Lektüre der ,Kleinen Hexe‘ entstehen“ und man sich erst von neunjährigen Mädchen darüber belehren lassen muss, “dass Rassismus auch ohne rechte Schläger verletzen kann(Link)”:http://derstandard.at/1358304356344/Ein-Brief-sagt-mehr-als-1000-Worte, dann sollte man schon wissen, worüber man spricht. Auch deshalb sei Herrn Greiner an dieser Stelle ein “Lektürenachmittag mit der Ur-Pippi(Link)”:http://www.rp-online.de/kultur/buch/ur-pippi-war-grob-und-respektlos-1.2030110 empfohlen.

Die war deutlich fieser und gewaltbereiter als die sorgfältig redigierte Fassung. Doch wenn es Zensur statt Lektorat oder Überarbeitung genannt wird, kann man den „Neger“ auch schon mal stehen lassen.

Fallstricke und Absurditäten

Tatsächlich ist der aber für Pippi nicht notwendig, er ist nur rassistisches (halten Sie sich fest) Kolorit. Es wird ein kolonialistisches Südseebild als Flucht und Sehnsuchtspunkt festgesetzt, auf das man unter vollen Segeln drauf zu halten kann. Es geht also gar nicht wirklich um Neger, sondern um Fremde in der Ferne. Kapitän Langstrumpf könnte auch problemlos Schwuchtelkönig auf der Itziginsel sein – wenn es denn da stünde. Oder nicht?

So beliebig ist das beileibe nicht bei allen literarischen Werken. Aus „Vom Winde verweht“ alle rassistischen Begrifflichkeiten zu streichen, hat keinen Sinn, weil es darin um die Beschreibung einer rassistischen, auf Sklaventum basierenden Gesellschaft geht. Mammy und Pork sind keine Randerscheinungen der Geschichte – sie werden vielmehr sehr differenziert in ihr Zentrum gerückt. Interessanterweise verfügt das Buch in der Originalsprache über zwei Begriffe: „Darkies“ und „Nigger“. Letzterer wurde auch schon damals von den Betreffenden als beleidigend empfunden.

In der deutschen Sprache existieren diese feinen Unterschiede nicht, dafür aber ausgesprochen unfeine. Und gerade wir, die wir der deutschen Sprache mächtig sind, sollten uns verpflichtet fühlen, ihre Fallstricke und Absurditäten aufzuzeigen, um sie richtig würdigen zu können. Nicht nur dass mir das Schreiben solcher Texte andernfalls weiterhin ein „innerer Reichsparteitag“ bleiben kann. Nein, wir regen uns andernfalls auch weiterhin über Feldversuche wie “„Herr Professorin“(Link)”:http://www.theeuropean.de/birgit-kelle/6976-geschlechtergerechte-ansprache-an-der-uni-leipzig auf, merken aber überhaupt nicht, was genau wir da eigentlich sagen, wenn wir Begriffe wie „FrauenMannschaft“ in den Mund nehmen.

Das Deutsche ist wortgewaltig und sprachmächtig. Und deshalb sollten wir, die wir diese Sprache beherrschen, alles daran setzen, dass in ihr bessere Geschichten und eine barmherzigere Moral erzählt werden. Sonst wiederholen wir immer wieder Dinge, die wir hinter uns lassen sollten. “Wo soll das anfangen und wo aufhören, werden Sie und andere sich fragen(Link)”:http://www.theeuropean.de/birgit-kelle/6000-gendergerechte-sprache-und-der-bundespraesident. Nun, es fängt damit an, sich ernsthaft mit der Problematik auseinanderzusetzen und es wird vielleicht nicht bei Kinder- und Jugendbüchern aufhören.

Dabei besteht zwangsläufig die Gefahr der Zensur oder der Verharmlosung. Wir werden uns sehr genau von Fall zu Fall überlegen müssen, was schwerer wiegt – nicht nur bei Büchern, sondern auch im ganz alltäglichen Umgang miteinander. Denn was für die einen lächerliche Gutmenschenbefindlichkeiten sind, erniedrigt andere in einem Maße, das sie nicht länger ertragen können oder wollen. Denjenigen, die sich darüber einig sind, dass man das N-Wort und anderes ja wohl noch wird sagen dürfen, weil es hierfür eine nichtrassistische Tradition gäbe und es ein neutraler Begriff sei, der schlicht und einfach einen schwarzen Menschen bezeichne, sei noch mit auf den Weg gegeben, dass ihnen in ihrer Eure-Befindlichkeit-kotzt-mich-an-Haltung vielleicht nur das Vorstellungsvermögen fehlt, sich in die entsprechende Lage zu versetzen. Dem kann unter Umständen abgeholfen werden.

Verständigen wir uns doch darauf, diese Menschen ab heute „Fickprodukte“ zu nennen. Das wird man ja erstens wohl noch sagen dürfen und entspricht zweitens der Realität – sofern die Betreffenden nicht durch In-vitro-Fertilisation entstanden sind. Alles halb so wild.

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