Homosexualität und andere Krankheiten

von Nils Pickert6.06.2013Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Die Bild berichtet, dass die sächsische Linke Lebenswelten jenseits von heteronormativen Vorstellungen vermittelt. Dabei beschwört die Zeitung alte Ekelreflexe und Pathologisierungsmuster.

Eine freundlich lächelnde junge Lehrerin steht vor einer Tafel, an die ein Plakat geheftet ist, welches ein homosexuelles Pärchen zeigt, “das sich spärlich bekleidet leidenschaftlich küsst”:http://www.bild.de/regional/dresden/bildung/eine-irre-idee-aus-sachsen-30660354.bild.html.
Dazu ein kurzer Text, der den Vorschlag, Jugendliche darüber aufzuklären, dass es neben Heterosexualität noch andere Formen der sexuellen Identität gibt, als irre bezeichnet und einen unsachlichen Vergleich zu Berliner Sexualkundeunterricht an den Haaren herbeizieht.
Abschließend lässt „Bild“-Autor Andreas Harlass noch wissen, dass man keine Angst zu haben brauche. Der Vorstoß würde wegen der Mehrheitsverhältnisse im sächsischen Landtag nicht umgesetzt werden.

„Nüchtern cool, saufen schwul!“

Grund zur Sorge besteht allemal. Und zwar weil hier mit einer Dreistigkeit in die homophobe Schreckkiste gegriffen wird, von der man wünschte, dass sie beispiellos wäre. Ist sie aber nicht. Auch und gerade in der vorgeblich übertoleranten deutschen Gesellschaft gibt es in unschöner Regelmäßigkeit immer wieder Aussetzer, die zeigen, wie es um die Befindlichkeiten tatsächlich bestellt ist. So dachte sich die Stadt Zweibrücken nicht viel dabei, als sie einen Schülerkalender herausgab, in dem die Verantwortlichen das, was sie selbst als Jugendsprache auszumachen glaubten, dazu benutzen, um solche Perlen der Drogenaufklärung zu formulieren wie: “„Nüchtern cool, Saufen schwul!“”:http://www.spiegel.de/schulspiegel/kalender-der-stadt-zweibruecken-wird-als-schwulenfeindlich-kritisiert-a-881021.html

So hip, dass man genau weiß, wie die Jugendlichen miteinander sprechen, ist man nämlich als Erwachsener heutzutage. Oder eben so vorsätzlich politisch inkorrekt, dass man sich jede Aufregung über diesen „harmlosen Slangausdruck“ verbietet. “Denn der Begriff schwul ist ja „ein immer noch beliebtes, negativ konnotiertes Wort der Umgangssprache“.”:http://www.pi-news.net/2013/02/zweibrucken-saufen-ist-schwul/
Aber in solche Niederungen muss man sich gar nicht begeben. Wenn ein gestandener Journalist und vorgeblicher Ex-Linker wie Jan Fleischhauer einen Essay über „Die Erfindung des Opfers“ auf der Internetplattform des “Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft veröffentlicht,”:http://www.dijg.de/kritik-zeitgeist/fleischhauer-erfindung-opfers/
dann stellt sich einmal mehr die Frage nach der genauen Beschaffenheit gegenwärtiger homophober Tendenzen und dem Grad ihrer gesellschaftlichen Durchdringung. Nicht etwa wegen des Essays, der neben der durchaus interessanten Forderung nach einer Schärfung des Opferbegriffes mit den üblichen Tatrelativierungen und dem gängigen konservativen Gleichstellungsbashing glänzt. Solche Dinge kann man in besser portionierten Häppchen auch auf „Spiegel Online“ lesen. Stattdessen geht es um dieses sogenannte Institut, dessen Leiterin Christl Ruth Vonholdt mehr oder weniger offen in Deutschland den “pseudowissenschaftlichen Arm der US-amerikanischen Pray against Gay – Evangelikalenbewegung aufbaut.”:http://www.zeit.de/online/2009/33/homosexuelle-hetze
Auf dem der Internetseite zugehörigen Blog wiederholen die Betreiber dementsprechend gebetsmühlenartig ihre paraintellektuellen Ansichten darüber, wie gefährlich Homosexualität für die gesamte Menschheit ist und was diese durchtriebenen Schwulen und Lesben so alles für schlimme Sachen planen. So sei die Homo-Ehe nur ein Zwischenschritt zur Vielehe und destabilisiere Ehe und Familie. “Zudem sei homosexuelle Identität keine natürliche oder gegebene Identität, sondern ein Problem, das es zu überwinden gelte.”:http://www.dijg.de/blog/

Irgendetwas müssen sich ja notorische Homophobiker aus den Fingern saugen, wenn sie realisiert haben, dass sie mit dem Ausspruch „Schwule sind irgendwie eklig!“ nicht mehr so weit kommen. Früher hat man solche durchschaubaren Versuche, die eigene Gesinnung zu legitimieren, Rassenlehre genannt. Aber dieser Argumentation bedient sich der „Bild“-Artikel nicht, weil der Verfasser anscheinend davon ausgeht, dass er mit der Ekelmasche eben doch weit genug kommt. Also sexualisiert und trivialisiert er Homosexualität. Wohlgemerkt schwule Homosexualität. Wenn sich auf dem Plakat lesbische Frauen küssen würden, hätte der gemeine „Bild“-Leser ja gar nicht gewusst, worüber er sich aufregen und wovor er Angst haben soll. Deswegen ist Saufen ja auch nicht lesbisch.

„In die Homosexualität getrieben“

Garniert wird das Ganze noch mit der kruden These der christlichen Fundamentalistin Gabriele Kuby, dass Jugendliche durch den entsprechenden Unterricht möglicherweise „in die Homosexualität getrieben“ werden. Dazu bemerkt Tilman Loos, Jugendpolitischer Sprecher der Linken in Sachsen:

bq. „Frau Kubys Grüße aus dem Mittelalter machen deutlich, wie sinnvoll ein solcher Unterricht ist. Eventuell hätte sogar Frau Kuby frühzeitig mitbekommen, dass Homosexualität kein gefährlicher Umstand ist, in den man ‚hineingetrieben‘ wird, sondern eine von vielen und einander gleichwertig gegenüberstehenden Formen von Sexualität.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht ein kleiner Hinweis an die Redaktion der „Bild“-Zeitung, die in den vergangenen Monaten und Jahren auch schon “deutlich differenziertere Artikel zum Thema Homosexualität veröffentlicht hat”:http://www.bild.de/regional/hannover/christopher-street-day/stadtrat-bekennt-sich-zu-homosexualitaet-30472956.bild.html.

Liebe „Bild“-Redaktion. Dass der Textbeitrag eine Zumutung ist, müsste inzwischen klar sein. Aber auch bei deiner Artikelbebilderung musst du dringend nachbessern.

Beim Anbieter Fotolia hättest du von dem Fotografen Patrick Hermans doch wirklich ein anderes Bild erwerben und dann stümperhaft auf die Tafel photoshoppen können. Wie wäre es denn beim nächsten Mal “zum Beispiel mit dem hier?”:http://de.fotolia.com/id/28189564

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