(Alb)Traumquoten

Nils Pickert19.04.2013Wirtschaft

Allenthalben wird die Frauenquote zum Kampfbegriff. Dabei wollen doch alle dasselbe. Oder etwa nicht?

bq. „Jetzt werden wir also alle Wählerinnen. Toll. Herzlichen Dank “Frau Theresa Rohner und Ihren Mitstreiterinnen”:http://relevancy.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE-116-IA-359,
dass Sie so mutig vor das Bundesgericht gezogen sind. Ab 1990 dürfen wir Frauen aus Appenzell Innerrhoden uns jetzt alle den Stempel ‚Wählerinnen‘ auf die Stirn kleben, sollte sich ein Mann für uns interessieren, der auch in der Landsgemeinde dagegen gestimmt hat, und können anschließend dann den mühsamen Beweis antreten, dass wir uns eventuell auch nur von Männern vertreten fühlen.“

So oder so ähnlich hätte sich vielleicht “ein solcher Kommentar”:http://www.theeuropean.de/birgit-kelle/6772-der-bundestag-lehnt-die-frauenquote-ab zu der Entscheidung des Schweizer Bundesgerichts gelesen, in Appenzell Innerrhoden zu guter Letzt das Wahlrecht für Frauen auf kantonaler Ebene einzuführen. Das ist insofern relevant, als dass von den Gegnerinnen und Gegnern einer Quotierung von Frauen immer wieder angeführt wird, wie untauglich und überzogen ein solches Instrument in einer modernen Demokratie wäre.

Es geht doch um die gerechte Gesellschaft

Bemerkenswert daran ist, dass diese Personen auf Basis einer gesellschaftlichen Realität operieren, gegen die sie sich jahrelang mit Händen und Füßen gewehrt haben, und nun einen Status quo erreicht haben, den sie in den verschiedenen Phasen seiner Umsetzung scharf kritisieren oder abgelehnt haben. Auf einmal sind Frauen aus dem Nichts weit genug gekommen, sodass eine Quotenregelung bestenfalls unter ihrer Würde ist. Plötzlich fällt allen auf, dass sie willensstark, unabhängig und durchsetzungsfähig genug sind, den Weg nach oben ohne Steigbügel zu nehmen. Wann ist das denn passiert?

Frauen, das sind doch diejenigen, von denen es nicht einmal vier Prozent in die Vorstände von DAX-30-Unternehmen geschafft haben. Wie blöd müssen die eigentlich sein, wenn sie niemand daran hindert und keiner sie aufhält? Wenn niemand was dagegen sagt, dann müssen die doch zu dumm sein, den Mund aufzumachen. Wir sollten da aufpassen. Sonst dürfen Schwarze demnächst noch per Gesetz im Bus vorn sitzen, Universitäten besuchen und gemischtrassige Ehen schließen, obwohl wir Weißen das mehrheitlich ablehnen und auch viele von denen einfach nur unter sich bleiben wollen.

So oder so ähnlich sieht eine Debatte über ein gesellschaftsrelevantes Thema aus, wenn man beschließt, sie mit der groben Kelle zu führen. Dabei wäre es wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass es beiden Seiten in der Hauptsache um eine gerechte(re) Gesellschaft geht, zu deren Erreichen oder Erhalt man sich lediglich über das oder die adäquaten Mittel auseinandersetzt. Weder sind die Gegner und Gegnerinnen einer Quote mehrheitlich Misogynisten, die mit böswilliger Absicht darüber wachen, dass kein Weib ihre trockenen Schäfchen nass macht, noch rekrutieren sich die Befürworter und Befürworterinnen hauptsächlich aus minderbemittelten Furien, die sich Positionen erschleichen wollen, für welche ihnen grundsätzlich die Befähigung fehlt.

Es gibt Argumente gegen die Frauenquote

Gegen die Frauenquote sprechen einige Argumente, die es sich in jedem Fall und bei jeder Überzeugung zu erwägen lohnt: Die Quote ist ein widersprüchliches Instrument, weil sie mit den Mitteln der Ungleichbehandlung Gleichberechtigung erreichen will. Sie ist in der gegenwärtigen Auseinandersetzung ein Elitenproblem, das nur wenige Menschen direkt betrifft. Ihr Einsatz birgt die Gefahr einer Inflation von Quotierung und Überregulierung und kann beziehungsweise wird sich darüber hinaus als unwirtschaftlich erweisen. Zudem unterbindet die Quote sowohl in Bezug auf Frauen als auch gesamtgesellschaftlich einen Wettbewerb, der möglicherweise zu den gleichen Ergebnissen wie eine quotierte Gesellschaft führen könnte, ohne Menschen dabei zu bevormunden.

Allerdings lassen sich für die Frauenquote ebenfalls Argumente formulieren, die man in Erwägung ziehen sollte: Die momentane Situation ist nicht gerecht. Die Anzahl von Frauen in Führungspositionen bildet weder ihren Ausbildungsstand noch ihre Intelligenz oder ihre Führungsstärke ab. Gerade wegen der bestehenden Ungerechtigkeit, kann eine Quotenregelung nicht allen Beteiligten in gleichem Maße zugutekommen. Wenn man beispielsweise einen Menschen per Gesetz daran hindert, einen anderen Menschen zu besitzen, dann bringt man ihn somit, sofern er bis zum Zeitpunkt des Inkrafttretens über einen solchen Menschen verfügt, um sein Eigentum. Die scheinbare Ungerechtigkeit der Enteignung spiegelt dabei die bestehende Ungerechtigkeit der Verfügbarkeit über einen Mitmenschen wider. Wäre es in diesem Fall angebracht, zu warten, bis sich die Sache von selbst erledigt? Und wenn ja, wie lange sollte gewartet werden. Ein Jahr, zehn, vielleicht zwanzig Jahre?

Deutschland hat 1980 im Rahmen einer UN-Konvention zugesichert, “„mit allen geeigneten Mitteln unverzüglich eine Politik zur Beseitigung der Diskriminierung der Frau zu verfolgen“”:http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cbereinkommen_zur_Beseitigung_jeder_Form_von_Diskriminierung_der_Frau. Seit 1994 hat der deutsche Staat durch eine Ergänzung des Artikels 3 GG die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Männern und Frauen zu fördern sowie bestehende Nachteile zu beseitigen. Wie lang ist zu lang? Und wieso kann man gleichzeitig für die Begrenzung von Managergehältern sein (was nichts anderes als eine Quotierung ist), aber gegen die verbindliche Frauenquote? Auf die freiwillige Selbstkontrolle von Banken vertrauen in Zeiten der Krise nur noch die wenigsten, aber das mit den Frauen bekommt die Wirtschaft ganz zwanglos hin?

John Rawls kann helfen

Was bleibt zu tun? Wenn beide Seiten eine gerechte(re) Gesellschaft wollen, wie kann so eine Gesellschaft aussehen? Der Philosoph John Rawls entwickelte dazu ein berühmtes Gedankenspiel: Er stellte sich dabei eine Entscheidungssituation vor, in der Menschen zusammenkommen, um eine neue Gesellschaftsordnung festzusetzen. Die Voraussetzung hierfür ist, dass alle Menschen unmittelbar nach der Festlegung dieser Ordnung einen „Schleier des Nichtwissens“ durchschreiten und sich fortan in genau der Gesellschaft befinden, deren Regeln sie ersonnen haben. Dabei haben sie keinerlei Einfluss auf ihre dortige physische Erscheinung, Status, Rasse, Klasse oder sonstige Spezifikationen. Sie könnten buchstäblich jeder oder jede sein. Unter diesen hypothetischen Umständen, so meinte Rawls, würde sich der Eigennutz der Einzelnen zu einem umfassenden und gerechten Allgemeinwohl umformen lassen, weil niemandem daran gelegen wäre, einer unterprivilegierten Minderheit anzugehören.

Wäre das nicht schön? Die Sache hat nur einen Haken. Selbst wenn die Menschen in dieser Entscheidung so vernunftgeleitet und neidlos wären wie Rawls postuliert, steckt auch hinter dem Schleier des Nichtwissens in uns allen die Möglichkeit, vorsätzlich zu verachten und/oder unbeabsichtigt auszugrenzen. Selbst wenn für diese utopische Gesellschaft alle vorstellbaren Ungerechtigkeiten wegen möglicher persönlicher Betroffenheit beseitigt würden – wir würden neue erfinden. Neue Wege, anderes zu identifizieren und (un)wissentlich zu übervorteilen. Auch in dieser besten aller Gesellschaft wären wir schnell wieder auf Korrektive angewiesen.

Auf Quoten zum Beispiel.

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