Ich bin kein gewöhnlicher Politiker, ich habe Humor. Silvio Berlusconi

Sie hat es ja nicht anders gewollt

Opferabo reloaded! In Indien ist eine Schweizerin brutal vergewaltigt worden. Und wieder überlegt Mann, was sie falsch gemacht hat.

Mit der jüngsten brutalen Gruppenvergewaltigung einer Schweizer Touristin rücken die vergangenen Ausschreitungen gegen Frauen in Indien unmittelbar in unsere Nähe und zeigen überdeutlich, wie das Weibliche immer noch und immer wieder als minderwertiges Nutzobjekt des Männlichen missbraucht wird. In diesem Zusammenhang ist es nicht etwa genug, dass Mann die 39-jährige Frau eine Stunde lang peinigt und quält, während ihr Partner gefesselt und dazu gezwungen wird, sich das Grauen anzuschauen.

Nein, anschließend meldet Mann sich zu Wort, um die Öffentlichkeit wissen zu lassen, was diese Frau falsch gemacht hat und wie diese grauenhafte Tat zu verhindern gewesen wäre. Es liegt nicht etwa an der Selbstverständlichkeit, mit der die Täter sich das Recht herausnehmen, sich das Opfer gegen seinen Willen gefügig zu machen. Stattdessen liegt es am Opfer. So ließ der Innenminister der Provinz, in dem sich das Verbrechen ereignet hat, verlauten, dass Touristen die örtlichen Polizeikräfte über ihre Reisepläne informieren sollten, damit für ihre Sicherheit gesorgt werden könne.

Verharmlosung gibt es nicht nur in Indien

Und damit befindet sich der Minister in bester Gesellschaft. Die Massenvergewaltigung der 23-jährigen Studentin Jyoti Singh Pandey, die in den vergangenen Wochen und Monaten weltweite Bestürzung und Empörung ausgelöst hat, kommentierte ein 70-jähriger Guru mit den Worten:

„Das Opfer ist genauso schuldig wie ihre Vergewaltiger.“

Eine mehr als zynische Auslegung des Prinzips der Gleichberechtigung. Wenn man schon den oder die Täter für schuldig befinden muss, dann das Opfer gleich mit dazu. Gut auch, dass Touristen nachträglich um Geleitschutz hätten ersuchen können, während drei Schwestern sexuell zu Tode gefoltert und in einen Brunnen geworfen werden oder ein dreijähriges Mädchen im Kindergarten vom Ehemann der Einrichtungsleiterin missbraucht wird.

Sexuelle Gewalt wirft Fragen auf. Doch anstatt der dringlichen Frage nachzugehen, was getan werden kann, nein, was getan werden muss, um das Weibliche von dem stetigen Prozess der Verächtlichmachung zu befreien und es an die Seite des Männlichen zu stellen, damit Mann nicht länger darauf herumtrampelt, wird geschaut, was Mann Frau eigentlich noch zumuten kann. Mann ist ja gerade sowieso schon dabei gewesen. Also wird verharmlost, relativiert und in Abrede gestellt. Mann gibt sich kritisch und hinterfragt die Motive – selbstverständlich die des Opfers. Übrigens nicht nur vor Ort, sondern auch anderswo. Wir haben keinen Grund, uns mit kolonialem Wohlgefühl die Schultern zu tätscheln und einen derartigen nachtätlichen Verbalmissbrauch weit weg auf dem indischen Subkontinent zu wähnen. Das kann Mann hier auch. Die entsprechenden Artikel zum Tathergang werden unter anderem wie folgt kommentiert:

„Sich in einem Dritte-Welt-Land zu verhalten, als würde man durch die Schweizer Berge radeln, führt zu Konsequenzen wie diesen hier. Leider stellt sich die Mehrzahl der Urlauber auf den Standpunkt: Ich habe dafür bezahlt, also mache ich, was ich will, das ist schließlich mein gutes Recht.“

Vergewaltigung also als einzukalkulierende Folge von vorgeblich aufreizendem Benehmen. Das hat das Opfer eben davon, wenn es mit seinem Ehemann auf Fahrrädern zum Taj Mahal radeln möchte und aus Versehen eine falsche Abzweigung nimmt. Was fällt der Frau eigentlich ein? Wie kann sie es wagen, sich in Begleitung auf Drahteseln durch ein Land zu bewegen, das als Mekka für Individualreisende gilt (bis vor Kurzem haben sich unter anderem auch Rainer Langhans und sein „Harem“ dort aufgehalten) und für das Reiseunternehmen aufgrund wachsender Beliebtheit und steigender Nachfrage spezielle Radtouren anbieten?

Grenzdebile Scheinargumente

Das alles sind nur grenzdebile Scheinargumente, die von der Problematik ablenken sollen, dass Mädchen nach wie vor zu Tausenden in Gesellschaften hineingeboren werden, die ihrer schieren Existenz mit Verächtlichmachung begegnen und in denen es überall und zu jedem Zeitpunkt möglich ist, sich an ihren Leibern und ihren Seelen zu vergehen: Wenn sie reisen, wenn sie essen, wenn sie schlafen oder wenn sie im Kindergarten spielen. Und später leben sie als Frauen in diesen Gesellschaften – falls sie am Leben gelassen werden. Dann haben sie sich dafür zu rechtfertigen, wie sie sich kleiden, wo sie sich aufhalten, wen sie lieben, wie sie begehren, was sie sagen und wie sie auf andere wirken. Wir können natürlich weiterhin so tun, als wäre das alles meilenweit von uns weg und beträfe uns im Grunde gar nicht. Wir müssen nur ganz fest die Augen schließen und uns einreden, dass die freie westliche Welt und insbesondere unsere Gesellschaft so nicht funktioniert. Wenn wir allerdings Augen und Ohren weit aufsperren, dann hören wir die abgrundtiefe Frauenverachtung hinter den Worten von Männern wie dem republikanischen US-Politiker Todd Akin, der im vergangenen Jahr auf sich aufmerksam machte, indem er Überlegungen dazu anstellte, wann eine Vergewaltigung legitim sei. Dann lesen wir den übelkeitserregenden Vergleich, den die „taz“-Autorin Margarete Stokowski zieht, um deutlich zu machen, auf welch perfide und demütigende Art und Weise mit Vergewaltigungsopfern umgegangen wird.

„Man stelle sich vor, in einer Wohnung fängt der Weihnachtsbaum Feuer, bald steht das ganze Wohnzimmer in Flammen. Jemand ruft die Feuerwehr. Aber statt loszufahren, fragt diese erst mal nach: Sind Sie ganz sicher, dass es brennt? Gibt es Zeugen? Haben Sie sich fahrlässig verhalten oder das Feuer womöglich absichtlich gelegt? Ach, Sie haben schon Brandwunden? Die können Sie ja auch vom Plätzchenbacken haben. Kann es sein, dass Sie sich einfach wichtigmachen wollen? Und finden Sie es nicht vielleicht auch ein bisschen geil, die Flammen zu sehen und die Hitze zu fühlen?“

Und wenn wir lange genug zugehört und hingeschaut haben, erkennen wir vielleicht: Nicht was Frauen und Mädchen sind oder tun macht sie zu Opfern von sexueller Gewalt, sondern das, was Mann gelernt hat, in ihnen zu sehen, und entscheidet, ihnen anzutun. Egal in welcher Situation.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Lengsfeld, Boris Palmer, Boris Palmer.

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