Der tut nichts, der will nur spielen

Nils Pickert12.04.2013Gesellschaft & Kultur

Neue Runde im Geschlechterk( r )ampf. Wer bei Grenzüberschreitung nicht mitmachen will, ist prüde und betreibt Ganzkörperverschleierung. So werden die Männer den Frauen ihren Sexismus nie verzeihen können.

Jetzt wurde also die Erotik “als Waffe gegen den Sexismusvorwurf”:http://www.theeuropean.de/gerhard-amendt/6667-sexismus-als-hirngespinst entdeckt. Männliche Annäherungsversuche als übergriffig und sexistisch zu empfinden, ist demnach kontraproduktiv und unerotisch, weil es Beziehungsanbahnung unnötig erschwert oder gar unmöglich macht. Aber wenn man schon kultursoziologische Begriffe aus seiner gut gefüllten Antifeminismuskiste hervorkramt, dann sollte man dabei etwas umsichtiger zu Werke gehen. Zunächst einmal bezeichnet ἐρωτικός nichts anderes als etwas, das dem Bereich der Liebe zugehörig ist. Aha, darum ging es in der ganzen Debatte also: „Zeig doch mal die Möpse, die würden mich interessieren!“ war liebevoll gemeint und der Liebe sollte man sich nicht in den Weg stellen. Sonst: kein knisternder Flirt, keine Ehen, keine Kinder – eine Tragödie. Die eigentliche Tragödie besteht allerdings darin, dass Menschen immer wieder dazu aufgefordert werden, die mühselige Arbeit des Differenzierens zu unterlassen. Männer balzen, Frauen wollen genommen werden. Dass es dabei zu Unstimmigkeiten in den Befindlichkeiten kommt, muss in Kauf genommen werden. Wie soll denn sonst Erotik und Flirt möglich sein?

Menschen treten in Kontakt, Menschen flirten

Vor über 60 Jahren veröffentlichte die Ethnologin Margaret Mead einen Aufsatz darüber, was genau eine Verabredung ausmacht und wie man flirtet. Sie beobachtete u.a. den Umgang amerikanischer – während des 2. Weltkriegs in Großbritannien stationierter – Soldaten mit einheimischen jungen Frauen. Ergebnis: Die Britinnen empfanden die Männer als ausgesprochen zudringlich und anzüglich, während die Amerikaner glaubten, die Frauen seien flittchenhaft und leicht zu haben. Wie kann es sein, dass die beteiligten Akteure einer Kommunikationssituation das Verhalten des jeweils anderen als unangemessen empfinden?

Solche Fragen legen nachdrücklich den Finger in die Sexismuswunde und die allgemeine Unsicherheit darüber, wie und wann man(n) sich überhaupt noch dem anderen Geschlecht in begehrlicher Absicht nähern kann. Im Büro, in der Bahn, beim Bäcker, auf dem Sportplatz: Menschen begegnen sich, Menschen treten in Kontakt miteinander und Menschen flirten. Was aber ist der Unterschied zwischen einem guten Flirt und praktiziertem Sexismus?

Flirtverhalten wird erst dadurch zum Sexismus, dass es ein Gegenüber gibt, welches dieses als unangemessen empfindet. Und das lässt Männer auf Frauen wütend werden. Als Mann werde ich ja wohl in einen Ausschnitt schauen dürfen, wenn er getragen wird. Denn ich als Mann habe immer, in jedem Augenblick, die Macht, eine Frau zu sexualisieren.

Ich als Mann bin nicht darauf angewiesen, Frau auf ihre Sexualität zu reduzieren. Es steht mir nämlich darüber hinaus jederzeit frei, Frau auf meine Sexualität zu reduzieren, auf mein Bedürfnis, auf meine Lust. Mir als Mann gibt die Gesellschaft dazu ausreichend Möglichkeiten an die Hand. Solange Männer sich berechtigt und gezwungen glauben, auf diese und andere sexistische Muster zurückgreifen und sie immer wiederholen zu müssen, werden sie Frauen nie verzeihen. Sie werden vorgeben oder tatsächlich nicht verstehen, warum ihre Anzüglichkeiten ins Leere laufen.

Dies lediglich festzustellen, lässt jedoch die Frage, wie Flirten denn bitte schön ohne Sexismus gehen soll, offen. Worin genau besteht der Unterschied zwischen einem netten Lächeln und einem anzüglichen Grinsen? Es ist möglich, dass Mann freundlich in eine Frauenrunde lächelt und einige freundlich zurücklächeln, während andere sich vor dem scheinbaren Sexualisierungsgehabe abgestoßen zurückziehen. Demzufolge gibt es Sexismus, der gar nicht sexistisch gemeint, sondern „nur“ so aufgefasst wird.

In aller Eindeutigkeit zweideutig werden

Männer werden sich damit abfinden müssen. Frauen übrigens auch. Freiheit meint immer auch die Freiheit der anderen – in diesem Fall die Freiheit, sich nicht sexualisiert fühlen zu müssen. Das erschwert Flirten in einer Gesellschaft, in der wir darauf angewiesen sind. Einer Gesellschaft, in der nicht mehr unsere Eltern bestimmen, wen wir zu heiraten haben, und in der wir uns nicht mehr verpflichtet fühlen, unsere Ehen oder Beziehungen um jeden Preis aufrechtzuerhalten. Deshalb brauchen wir den Flirt als Kommunikationsmittel zur Übermittlung von romantischem und/oder sexuellem Interesse und stehen zugleich vor dem Problem, dass es beim Flirten inzwischen fast ausschließlich um die Signalisierung von sexuellem Interesse geht. Wer nicht mitmachen will oder kann, hat einfach keine Ahnung. Für diese Leute gibt es dann Flirtseminare, in denen Männern beigebracht wird, behutsam in aller Zweideutigkeit eindeutig zu werden, und Frauen, es doch als Kompliment zu verstehen. Man gibt ihnen polierte Versionen von Altbewährtem an die Hand, um sich in der ziemlich neuen, noch nicht ganz so schönen Welt zurechtzufinden.

Mann wird sich noch mehr anstrengen müssen. Alles, was ihm jetzt schon zu viel ist, der Spagat zwischen Tür aufhalten und Frau zahlen lassen, zwischen Kuschelbär und Sexprotz on Demand, reicht einfach nicht. Und weil Männer es jahrhundertelang versäumt haben, Frauen als gleichberechtigte Mitmenschen wahrzunehmen, werden unsere und auch noch kommende Generationen in der Flut aus Bedeutungsmöglichkeiten nahezu untergehen. Solange bis das, was normal war und immer noch ist, nicht nur unerträglich und unzumutbar ist, sondern auch uninteressant, altmodisch und absurd. Besser noch: Unmännlich! Sexismus als Zumutung. Denn nichts anderes ist er. Mann ist nicht so schwach, dass er sich sexueller Attraktivität gegenüber nicht zu helfen weiß. Er ist nicht so triebgesteuert, dass er keine Kontrolle über sich hätte. Das alles sind biologistische Mythen, von denen Männer wie Frauen sich endlich verabschieden müssen – auch wenn sie ihnen lieb und teuer sind.

Frau wird sich auch mehr anstrengen müssen. Sie nimmt sich ebenso das Recht heraus, sexualisiert werden zu wollen. Es ist jedoch nicht ihre Aufgabe, darüber nachdenken zu müssen, wie andere Männer reagieren könnten, wenn sie, um die sexuelle Aufmerksamkeit eines bestimmten Mannes zu bekommen, “ein besonders aufreizendes Kleidungsstück trägt”:http://www.theeuropean.de/birgit-kelle/5805-bruederle-debatte-und-sexismus. Aber sie sollte sich darüber im Klaren sein, dass eine konsequente Aufarbeitung und Bloßstellung von Sexismen auch dazu führen wird, dass sie selbst genau in dem Maße ihr Interesse formulieren und aktiv werden muss, in dem der Mann es unterlässt.

Es ist also durchaus möglich, wenn nicht sogar üblich, dass die gleichen Frauen, die sich an der einen Stelle völlig zutreffend über Sexismus beschweren, an anderer Stelle darüber klagen, “dass die heutigen Männer zu Softies geworden sind”:http://www.zeit.de/2012/02/Maenner, die sich nicht mehr zu nehmen wagen, was doch erobert werden will.

Jenseits von Höhlenmenschenmetaphern

Es liegt noch viel Arbeit vor uns. Aber jenseits von Höhlenmenschenmetaphern, gottgewollten Rollenverteilungen und dem Schleier eines Erotikdiktats besteht die reelle Möglichkeit, ehrlicher und unverkrampfter aufeinander zuzugehen. Die Situation ist nämlich mitnichten komplizierter geworden. Nur ist die eine Seite jetzt nicht mehr so gewillt oder gezwungen, ihren Unmut herunterzuschlucken, während es der anderen Seite schwer gemacht wird, sich für ihr Vorgehen weiterhin zu feiern. Auch wenn es total unerotisch klingt, gilt hier wie in vielen anderen Fällen: Kein Applaus für Scheiße!

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