Die Einigung Europas gleicht dem Versuch, ein Omlett zu machen, ohne die Eier kaputt zu schlagen. Paul Lacroix

Lebensmittel zum Zweck

Wasser sollte frei von marktwirtschaftlichen Erwägungen bleiben. Und wenn wir nicht alle weiterhin Dreck fressen wollen, bis nichts mehr da ist, sollten wir auch anfangen, über die Verstaatlichung der Lebensmittelindustrie zu reden.

Fürsprecher der Wasserprivatisierung versuchen immer wieder darauf hinzuweisen, dass es nicht um die Errichtung eines Monopols, sondern lediglich um die möglichst effiziente Distribution einer Ware geht. Was aber passiert, wenn man ein so wichtiges Allgemeingut wie Trinkwasser der freien Marktwirtschaft überantwortet, lässt sich anhand der jüngsten Exzesse in der Lebensmittelindustrie prognostizieren: Faule Eier, falsches Fleisch und antibiotikaresistente, genmanipulierte Futtermittel.

Wo es um die Verbesserung von Produkten und notwendige Innovationen geht, ist der Konkurrenzgedanke innerhalb eines freien Marktes notwendiges Prinzip. Wendet man dieses jedoch auf Lebensnotwendigkeiten an, erreicht man lediglich, dass aus finanziellen Erwägungen heraus plötzlich die Qualität und Quantität von etwas zur Debatte steht, das von niemandem entbehrt werden kann. Gute Trinkwasserqualität muss nicht gesteigert werden wie die Rechenleistung eines Computers. Sie muss erhalten und allen zugänglich bleiben. Wie aber soll das gewährleistet sein, wenn ein privatwirtschaftliches Wasserunternehmen sich mit dem Problem konfrontiert sieht, Kosten zu sparen und Preise zu unterbieten? Wenn Menschen vor die Wahl gestellt werden, entweder mehr Geld auszugeben oder schlechteres Wasser zu trinken. Sollte man die wirklich mit der Hoffnung allein lassen, dass sie das Wasser, welches ihnen bei dem Gedanken daran, dass Black Beauty und Fury neuerdings mit Käse überbacken werden, gefälligst im Munde zusammenzulaufen hat, trinken können?

Dreck fressen und Brackwasser saufen

Lieber nicht. Vielleicht wäre es bei den Dingen, über die sich die Gesellschaft mehrheitlich darauf verständigen kann, dass sie lebensnotwendig sind, sinnvoll, wenn sich die unsichtbare und die öffentliche Hand gegenseitig respektvoll schütteln und an einem Strang ziehen. Ohne das System der natürlichen Freiheit wie es von Adam Smith in der Überzeugung herausgearbeitet wurde, dass Freiheit und Prosperität sich von selbst einstellen, wenn man lediglich knappe Rahmenbedingungen setzt, wären Menschen nicht dazu herausgefordert, jeden Tag ihr Bestes zu geben und sich weiterzuentwickeln. Und ohne die Anerkennung der daran anknüpfenden Fundamentalkritik Rosa Luxemburgs, die darauf abzielt, dass die Akkumulation von Kapital in einem geschlossenen System nur auf Kosten anderer und unter Verknappung natürlicher Ressourcen möglich ist, werden wir in Zukunft so lange Dreck fressen und Brackwasser saufen müssen, bis wir daran ersticken.

Dass wir in einem geschlossenen System leben, daran kann kein Zweifel bestehen. Wir können unsere Bedürfnisse in die Eingeweide der Erde fracken, oder kleine interplanetare Anker in die kosmische Leere auswerfen. Aber das ändert nichts daran, dass die Menschheit nicht länger Trost in dem Gedanken finden kann und darf, immer weiter nach Westen zu ziehen, wenn die Quellen versiegt, alle Tiere geschlachtet und die Böden verbrannt sind. Hinter dem Horizont mag es weitergehen, aber der Weg führt nicht in eine neue Welt, sondern lediglich zu alten Lagerplätzen, wo wir oder unsere Artgenossen schon gehaust haben.

So frei, die Erde zu einer endlosen Scheibe erklären zu dürfen, sollte sich im 21. Jahrhundert niemand mehr fühlen dürfen. Trotzdem tun es viele. Sie ignorieren die Tatsache, dass wirtschaftliche Spekulation mit Lebensmitteln unweigerlich zur Vernichtung derselben führen muss – nicht etwa, weil die Konsumenten sie verbrauchen würden, sondern um Marktpreise zu modifizieren oder zu stabilisieren. Und das wissen wir auch nicht erst seit gestern: Darüber konnte man sich schon informieren, als Karol Wojtyła zum Papst gewählt wurde.

Erst die Kosten-Nutzen-Rechnung, dann das Fressen

Man schiebt das Problem einfach weiter und tut so, als gäbe es ein Ende der Welt, über dessen Rand die ganze Misere ins Nirgendwo gekippt werden kann. Der Emissionshandel funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip: Wenn wir die Abgase schon nicht selbst rausschleudern, können wir immerhin noch Profit damit erzielen, anderen das Recht einzuräumen, die Luft stellvertretend zu verpesten. Es mag Leute geben, die das für eine gute Idee halten. Aber wenn diese Leute in einem geschlossenen Raum ohne Belüftungsmöglichkeit furzen, werden sie und alle, die sich mit ihnen in dem Raum aufhalten, den Gestank wegatmen müssen, ob sie nun wollen oder nicht. Ob es sich da lohnt, dafür bezahlt zu werden, besonders tief Luft zu holen, darf bezweifelt werden.

Freiheit muss Grenzen haben, die sich an realen Beschränkungen orientieren. Wer glaubt, sich die Freiheit herausnehmen zu müssen, in das Boot, in dem wir alle sitzen, ein Loch schlagen zu dürfen, der hat noch nicht begriffen, dass er und seine Nachkommen als Folge davon über kurz oder lang überhaupt keine Freiheiten mehr genießen können werden. In diesem Sinne sollte die Debatte über Sinn und Unsinn der Wasserprivatisierung zu einer Debatte darüber, wie wir mit Lebensmitteln allgemein verfahren, erweitert werden. Nicht nur dass andernfalls Menschen überall auf unserem Planeten weiter verhungern und verdursten müssen. Das interessiert die meisten von uns allenfalls peripher. Aber der Umstand, dass man altersschwache Pferde inzwischen in unsere Münder entsorgt, um Kosten zu minimieren und Gewinne zu erzielen, könnte uns möglicherweise einmal anhaltend anwidern und dazu führen, dass wir aus dem Tal der vorgeblich Ahnungslosen ausziehen.

Außerhalb dieses Tals hat man einen wunderbaren Blick darauf, was mit Lebensmitteln und Lebewesen geschieht, wenn sie marktwirtschaftlichen Zwängen unterworfen werden. Erst kommt die Kosten-Nutzen-Rechnung, dann das Fressen und dann erst die Moral. Um moralisch einwandfreies Essen geht es daher zunächst einmal noch gar nicht. Nur darum, einmal über den eigenen Tellerrand und sehr tief ins Glas zu schauen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Asit Biswas, Asit Biswas, Germà Bel.

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