Die meisten Amerikaner hören Arabisch nur, wenn im Fernsehen ein wütender Mann mit Gewehr herumzetert. Omar Offendum

Einfach Lecherlich!

Jugendhelden sind auch nicht mehr das was sie mal waren. In manchen Fällen sind sie gar homophob.

Ich war mal Fan von Lech Walesa. Zugegeben: Für einen geborenen Ostberliner mit systemkritischen Eltern ist das kein überraschendes Geständnis. In dem Jahr, als ich geboren wurde, nahm Walesa alle Kraft – die nicht zuletzt auch der Besuch von Papst Johannes Paul II. hervorgebracht hatte – für den Anlauf zusammen, eine freie Gewerkschaft zu gründen und die polnischen Machthaber in ihre Schranken zu weisen. Und den Walesa in seinem Lauf hielt weder der sozialistische Ochs noch der kommunistische Esel auf. Auch Einschüchterungen, Hausarrest und Internierung nicht.

Homophober Minderheitenfanatiker

Als er 1983 den Friedensnobelpreis zugesprochen bekam und seine Frau Danuta ihn abholte, weil zu befürchten stand, dass man ihn nicht mehr in sein Heimatland einreisen ließe, war das mehr als verdient. In der jüngeren Vergangenheit mussten einige dafür deutlich weniger leisten.
Und zu einem Zeitpunkt, wo der Kalte Krieg für viele Staaten hinter dem Eisernen Vorhang noch ziemlich heiß war, schaffte er es, noch vor dem Fall der Mauer durch geschicktes Taktieren und Verhandeln in bestenfalls semifreien Wahlen den liberalen Tadeusz Mazowiecki mitten im kommunistischen Polen als Ministerpräsidenten einsetzen zu lassen.

All diese Dinge beeindrucken mich nach wie vor. Sie werden nicht von dem Umstand berührt, dass sich dieser Mann kürzlich als homophober Minderheitenfanatiker disqualifiziert hat, der Schwule und Lesben gerne aus seinem Blick und aus dem Parlament verbannt hätte, weil diese Leute angeblich ihn und seine Angehörigen verwirren würden. Aber sie beschädigen den Menschen Walesa oder zeigen, wie beschädigt er ist. Sie machen deutlich, dass bedeutende Persönlichkeiten, die wichtige gesellschaftspolitische Beiträge leisten oder geleistet haben, nicht davor gefeit sind, sich im Ton zu vergreifen, aufzuschneiden oder sich einer abstoßenden Zurschaustellung von Hass und Verachtung zu befleißigen.

Das passiert immer wieder und so auch in diesem Fall. Ein alter Mann macht sich lächerlich. Vielleicht sollte ihm mal jemand sagen, dass schnauzbarttragende Ex-Gewerkschaftsvorsitzende auch nicht gerade die Mehrheit der Bevölkerung darstellen. Denn diese Attribute sind mindestens genauso (un-)wichtig wie sexuelle Präferenzen und sollten daher mindestens genauso dringend zum Anlass genommen werden, Minderheiten zu konstituieren und Menschen auszugrenzen.

Reaktionärer Vater, progressiver Sohn

Auf mich wird er ja kaum hören. Auch, wenn ich mal Fan war. Aber vielleicht sollte er sich gelegentlich für ein paar Stunden mit seinem Sohn, dem Europaparlamentsabgeordneten Jaroslaw Walesa, zusammensetzen. Denn obwohl der Vater wie so viele homophobe alte Männer vorgebliche Sorgen um die moralische Befindlichkeit und das Nervenkostüm der Kinder und Kindeskinder anführt, macht der Sohn sich seit Jahren für die Gleichstellung von homosexuellen Paaren stark. Doch nach allem, was man so liest, hat Lech Walesa nie besonders viel Interesse für seine Kinder aufbringen wollen oder können.

Nichts davon sollte dazu benutzt werden, um vergangene Taten ihrer Bedeutsamkeit zu entkleiden. Aber alles davon muss dazu herangezogen werden, den Menschen, der diese Taten vollbracht hat, neu zu bewerten. Demzufolge kann es im Falle Lech Walesas nicht mehr heißen „Ehre, wem Ehre gebührt“ sondern nur noch „Anerkennung, was Anerkennung verdient“ – menschenverachtende Starrsinnigkeit ist alles andere als ehrbar. Dabei würde ich gerne mit meinem persönlichen Gefühl der Ehrerbietung wieder in Lech Walesas Nähe rücken, aber das wird wohl nicht möglich sein. Auf seine alten Tage wird der Mann von seinem Standpunkt kaum abrücken. Oder besteht vielleicht die winzige Möglichkeit, dass er sich von gleichaltrigen oder älteren Geschlechtsgenossen eines Besseren belehren lässt? Falls ja, drücke ich die Daumen, dass sich Walesa und der britische Schauspieler Ian McKellen baldmöglichst kennenlernen. Dem steht auf seine noch älteren Tage die lakonische Handlungsanweisung, wie man mit Homosexualität umgehen sollte, sogar auf der Brust geschrieben: „Some people are gay. Get over it!“

Lass das Schwafeln!

Das kann doch nun wirklich nicht zu viel verlangt sein. Spricht sich wie ein alter Gewerkschaftsspruch. Walesa, lass das Schwafeln sein, komm heraus und reih dich ein! Wenn nicht, werde ich mir wohl einen anderen Helden suchen müssen. Vielleicht frag ich mal, ob Jaroslaw Zeit hat.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Klaus-Michael Kodalle, The European, Ramon Rodriguez .

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