Der Sexismus der Anderen

Nils Pickert2.03.2013Gesellschaft & Kultur, Medien

Über die US-amerikanische Gesellschaft weiß der Deutsche alles. Deswegen erzählt er über sie auch die besten Geschichten. Ein Märchen.

Wir Deutschen haben den Sexismus nicht erfunden, wir halten gerade nur einen günstigen Pachtvertrag. Wie die Konditionen bei den anderen aussehen, interessiert uns nicht weiter, weil wir sie längst durchschaut haben. Zumindest reden wir uns das gerne ein oder lassen dies von anderen übernehmen.

Sexismus in Amerika geht überhaupt nicht mehr

Auf dem Höhepunkt der abflauenden Sexismusdebatte ist immer wieder kolportiert worden, Deutschland solle sich bloß davor hüten, mit solch unsinnigen Themen amerikanische Verhältnisse heraufzubeschwören. Die „Bild“-Zeitung erzählte ihren Lesern, “warum sich DIE Amis über uns wundern”:http://www.bild.de/politik/inland/rainer-bruederle/amerika-wundert-sich-ueber-unsere-sexismus-debatte-28302938.bild.html und aus dem deutschen Talkshowsumpf blubberten tagelang immer wieder faulige Blasen, deren Inhalt darauf schließen ließ, dass wir uns mit überzogener politischer Korrektheit wie in Amerika keinen Gefallen täten. Da dürfe man ja als Mann im Beisein von Frauen oder Minderheiten überhaupt nichts mehr.

Na, wir müssen es ja wissen. Immerhin gehört es zu den gängigeren deutschen Gepflogenheiten, “genau darüber Bescheid zu wissen, wie es in Amerika aussieht”:http://www.theeuropean.de/jennifer-pyka/11396-anti-amerikanismus-in-deutschland-2 (an dieser Stelle verbietet es sich selbstredend, von den USA zu sprechen, das wäre zu qualifizierend) und was dort gesellschaftspolitisch relevant ist.

Sexismus in Amerika geht demnach überhaupt nicht mehr. Allerorten Zensur und gepeinigte Menschen, die zum Lachen, Fluchen und Die-Wahrheit-Sagen in den Keller gehen müssen, weil man ihnen politisch schon seit Jahren den Mund verbietet. N-Wort, F-Wort, C-Wort – wer soll da überhaupt noch mitkommen? Irgendwann werden alle auch nur ansatzweise anrüchigen Begriffe so weit entfernt sein, dass die Menschen entweder überhaupt keine gemeinsame Sprache mehr besitzen werden oder eine, die verhindert, in bestimmte Richtungen zu denken. Wie in „1984“. Wenn das mal nicht doppelplusungut wäre.

Bodensatz der Völkerverständigung

So weit die deutsche Dichtung. In Zeiten des Internets ist man allerdings nicht auf die „Bild“-Zeitung angewiesen, um den Bodensatz der Völkerverständigung zu inhalieren. Man kann sich selbst ein Bild machen und sich beispielsweise durch die “Hitliste der sexistischsten Super-Bowl-Commercials”:http://www.huffingtonpost.com/2013/01/29/sexist-super-bowl-ads-the-worst-commercials_n_2574109.html klicken, die sich Jahr für Jahr etwa 800 Millionen Zuschauer weltweit ansehen. Ist aber spät und auf Englisch. Vielleicht tut es die “Almased-Werbung vor der „Tagesschau“”:http://www.youtube.com/watch?v=az5ycoRKIP4 ja auch. „Hast du abgenommen“, fragt der Kerl sie eigentlich noch. Warum sie das wohl geschnitten haben?

Und weil das C-Wort schon erwähnt wurde, sollte es an dieser Stelle vielleicht erklärt werden, bevor es auch aus unserem Sprachschatz fällt. Stellen Sie sich einfach vor, ein neunjähriges Mädchen hat im letzten Tom-Tykwer-Film derartig alle an die Wand gespielt, dass sie für den Deutschen Filmpreis nominiert ist. Also kommt sie in einem schicken Kleid zur Preisverleihung und das Satiremagazin „Titanic“ kommentiert ihren Auftritt via Twitter mit den Worten:

bq. Alle anderen trauen sich das anscheinend nicht zu sagen, aber diese Kleine ist irgendwie eine ziemliche Fotze.

Satirischer Sexismus – oder sexistische Satire?

Das ist doch mal eine knackige Verwendung des C-Wortes. In Amerika würde so etwas wegen der allgegenwärtigen, übervorsichtigen politischen Korrektheit natürlich nicht passieren. Außer es ist gerade Oscar-Verleihung und eine neunjährige Schauspielerin namens Quvenzhané Wallis hat mit sechs Jahren im Film „Beasts of the Southern Wild“ derartig eindringlich gespielt, “dass sie dafür eine Nominierung erhalten hat”:http://www.sueddeutsche.de/kultur/oscar-nominierte-kinder-von-der-grundschule-auf-den-roten-teppich-1.1600969. Sie kommt in einem schicken Kleid zur Preisverleihung und das Satiremagazin “„The Onion“”:http://de.wikipedia.org/wiki/The_Onion kommentiert ihren Auftritt via Twitter “mit den Worten”:http://www.huffingtonpost.com/2013/02/25/the-onion-apologizes-for-quvenzhane-wallis-oscar-tweet_n_2759400.html … “Anschließende Entschuldigung inklusive”:https://www.facebook.com/TheOnion/posts/10151500974969497.

Gut, dass wir Deutschen noch nicht so politisch korrekt sind wie die Amerikaner. Oder etwa doch?

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