Trockenzeit

Nils Pickert28.02.2013Gesellschaft & Kultur

Die Diskussion über gesellschaftlichen Alkoholkonsum ist auch deswegen so schwierig, weil es um persönlichen Geschmack geht. Unser Autor hat beschlossen: Ihm schmeckt es nicht mehr.

Den letzten Alkohol habe ich vor über zehn Jahren getrunken. Ach was, getrunken, das war Klischeesaufen. Nach einer ausgesprochen dumpfen – stellenweise absurden – Zeit bei der Bundeswehr rührten meine russischstämmigen Kameraden am letzten Abend ein fieses Zeug aus Milch, Wodka und Zucker an, das man in großen Mengen runterkippen konnte. Quasi die Mutter aller Alkopops. „Macht lustig!“, kommentierten sie anschließend kurz und prägnant.

Alkohol nur dann, wenn man ihn möglichst nicht schmeckt

Das, was ich davon noch erinnere, war tatsächlich ziemlich lustig. Einige Tage später habe ich mich entschieden, nie wieder in meinem Leben Alkohol zu trinken und mich bisher daran gehalten. Warum eigentlich? Weder war mein Alkoholkonsum zuvor – mit wenigen Ausnahmen – exzessiv noch verfügte ich über beschämende Hangover-Erfahrungen oder eine irgendwie begründete moralische Aversion gegen berauschende Getränke.

Nein, es war schlicht und einfach, und dies ist auch der Grund, warum über gesellschaftlichen Alkoholkonsum so erbittert gestritten wird, eine Frage des persönlichen Geschmacks. Ich fand Alkohol in jedweder Form immer schon mehr oder weniger widerlich. Und mein Abschiedsbesäufnis bei der Bundeswehr hat mir daher nicht etwa die Gefahren von übermäßigem Alkoholkonsum vor Augen geführt, sondern lediglich die Tatsache, dass ich das Zeug nur dann trinke, wenn ich es möglichst überhaupt nicht schmecke.

Weder sind also der Anlass noch der Grad an Selbstbeherrschung, den ich mir mit dieser Entscheidung selbst auferlegt habe, besonders hoch einzuschätzen. Es war ein einfacher Schritt, der mir erlaubt hat, in einer Sache eine Entscheidung zu treffen, die sonst weiter jahrelang vor sich hin gedümpelt wäre. Er erlaubt mir allerdings auch einen Blick auf eine sich in festen Ritualen alkoholisierende Gesellschaft, ohne ihn von den üblichen antialkoholischen Ressentiments trüben zu lassen. Denn es bedarf schon einiger Ressentiments, einen “Kampfbegriff wie Passivtrinken”:http://en.wikipedia.org/wiki/Passive_drinking zu entwickeln und ihn nicht ausschließlich auf ungeborene Kinder anzuwenden, die sich gegen den möglichen Alkoholkonsum ihrer Mutter nicht wehren können. Ich bin genauso wenig ein Passivtrinker, wenn mich ein Besoffener mit seinem Wagen rammt, wie ich ein Passivcholeriker bin, wenn sich jemand mit mir prügeln will, oder ein Passivpopstar, weil ich mal ganz hinten in einem Coldplay-Konzert stand. Und als Mieter einer Wohnung bin ich auch kein Passivhauseigentümer.

Auf der anderen Seite lasse ich mir Lebensqualität nicht dafür absprechen, dass ich kein Alkohol trinke, “ebensowenig wie Toni Roiderer”:http://www.theeuropean.de/toni-roiderer/4023-ein-appell-fuer-mehr-lebensqualitaet es nicht für nötig erachten wird, sich dafür zu rechtfertigen, dass er keine Technomusik hören will, um gut drauf zu sein. Man kann höchst unterschiedlicher Meinung darüber sein, was genau Lebensqualität ausmacht. Ebenso wie man Wein entweder “als Kulturgut glorifizieren”:http://www.theeuropean.de/captain-cork/4025-kulturgut-alkohol oder ihn als Traubensaft für Erwachsene bezeichnen kann. Beides hat seine Berechtigung, aber beides ist leider nicht geeignet, die Alkoholproblematik unter Jugendlichen zu lösen.

Deutschland braucht keine Prohibition, sondern Vorbilder

Jugendliche initiieren sich, indem sie sich das Recht der Erwachsenen auf Rausch zu eigen machen. Was sollten sie auch sonst tun? Was zeichnet das Erwachsenenleben für Jugendliche aus? Etwa einen Job haben und Verantwortung zu übernehmen? Das interessiert doch niemanden. Was also transportieren wir Erwachsenen als erstrebenswert? Wir bleiben länger auf, haben Sex, fahren Auto und berauschen uns gelegentlich. Um genau zu sein, berauschen wir uns sogar ziemlich häufig. Aber wie unglaubwürdig macht man sich eigentlich, wenn Alkohol für Unter-Achtzehnjährige überhaupt nicht infrage kommt, Erwachsene aber wie selbstverständlich bei diversen Gelegenheiten auch in Anwesenheit von Kindern und Jugendlichen zur Flasche greifen?

Deutschland braucht keine Prohibition – aber Vorbilder wären nicht schlecht. Und wenn Sie auch Leute kennen, die Sätze sagen wie: „Kein Bier vor vier!“, können Sie sich vielleicht vorstellen, was ich meine. Sicher sind das keine Alkoholiker. Trotzdem macht dieser Satz eines sehr deutlich: Nämlich dass die Betreffenden gerne schon vor vier Bier trinken würden und sich selbst daran erinnern müssen, es nicht zu tun.

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