Was von der Sexismus-Debatte übrig blieb

Nils Pickert17.02.2013Gesellschaft & Kultur, Medien

Wie unsere Kultur des Dazwischenbrüllens verhindert, dass wir Aufschreie hören.

Gehören Sie auch zu denen, die die Sexismusdebatte der vergangenen Wochen ganz furchtbar fanden? Dann geht es Ihnen wie mir. Es ist allerdings nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich, dass wir aus unterschiedlichen Gründen genervt die Augen verdrehen, wenn uns Freunde und Bekannte auf das Thema ansprechen. Ich störe mich vor allem an zwei Dingen: An der Vorhersehbarkeit des Backlashs und an dem Umstand, dass die Debatte über Sexismus mit einer Debatte darüber, ob und wie überhaupt über Sexismus debattiert werden darf, überbrüllt worden ist. Die Schlüsselmechanismen hierfür lauten Relativieren und Desavouieren.

Unterscheidung zwischen angebracht und unangemessen

Reden wir zunächst einmal über das Relativieren. Seit wann gilt ein Vorwurf als entkräftet, wenn man sich darauf versteift, zu behaupten, die anderen würden es ja genauso machen? Unseren Kindern jedenfalls würden wir das nicht durchgehen lassen. Von denen erwarten wir so viel moralische Einsicht, dass sie Fehlverhalten nicht durch Beispiele legitimiert sehen, die ihnen diesbezüglich von anderen Kindern vorgelebt werden. Sie sollen in der Lage sein, zwischen angebracht und unangemessen zu unterscheiden – unabhängig davon, dass ihnen unangemessenes Verhalten immer wieder wie selbstverständlich vorgelebt wird.
Von so manchem Debattenteilnehmer, “allen voran dem deutschen Entwicklungshilfeminister”:http://www.welt.de/politik/deutschland/article113349127/Meine-Soehne-haben-in-der-Schule-den-Promi-Malus.html, kann das offensichtlich nicht erwartet werden.

Zweifellos sind Männer auch Opfer von sexistischen Übergriffen. Mit welcher Berechtigung diese Tatsache allerdings dazu benutzt wird, Frauen in ihren Beiträgen über Alltagssexismus über den Mund zu fahren, ist mir schleierhaft. Wegen der Infantilität dieser Argumentation muss es an dieser Stelle wohl so formuliert werden: Wenn die Petra von der Brücke springt, lieber Peter, was sollst du dann trotzdem nicht tun?

Kronzeuginnen einer systematischen Abrechnung

Bliebe noch das Desavouieren.

Wie viele Synonyme haben Sie noch im Kopf für “die vorgebliche Lächerlichkeit und Unwichtigkeit des Twitter-#Aufschreis”:http://www.theeuropean.de/julia-korbik/5812-aufschrei-gegen-sexismus? Peinlich, überzogen, fehlgeleitet, verklemmt, selbstzerstörerisch und dergleichen mehr. Und was durfte im Zuge dieser Desavouierung alles behauptet werden? Endlich einmal gesagt werden. “Gerne auch von eloquenten Frauen”:http://www.theeuropean.de/birgit-kelle/5805-bruederle-debatte-und-sexismus, weil sich Kronzeuginnen in einer systematischen Abrechnung wie dieser immer besonders gut machen. Männer seien die wahren Opfer, weil Frauen längst erkannt hätten, wie sie die angeborene sexuelle Begehrlichkeit für sich ausnutzen können, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Sie seien auch deshalb Opfer, weil Frauen die Existenz längst beseitigter patriarchaler Strukturen gegen sie verwenden würden, um nicht etwa eine Gleichberechtigung der Geschlechter zu erreichen, sondern sich über die Männer hinwegzusetzen und sie zu unterjochen. Feminismus als Weltverschwörung.

Darüber ließe sich, wie über viele andere Dinge, durchaus streiten. Im Zusammenhang dieser Debatte werden solche Behauptungen allerdings dazu benutzt, sich mit den Inhalten von #Aufschreien gar nicht näher beschäftigen zu müssen. Stattdessen postet man öffentlich auf Twitter, für wie falsch und überflüssig man die Auseinandersetzung hält, während die Initiatorin mit E-Mails eingedeckt wird, in denen man ihr empfiehlt, sie solle doch gefälligst den Mund halten “und sich lieber mal wieder anständig ficken lassen”:https://twitter.com/marthadear/status/296235088138625026. Das ist in seiner Scheinheiligkeit so vorhersehbar wie unsäglich. Und daher möchte ich die Gelegenheit nutzen, mich an dieser Stelle in aller gebotenen Scheinheiligkeit zu bedanken.

Lasst uns nicht darüber reden

Also danke, liebe Nicht-Sexismusdebatte! Danke dafür, dass wir keine Gelegenheit dazu hatten, uns darüber zu verständigen, inwieweit und warum unsere Gesellschaft dergestalt in sexistischen Strukturen wurzelt, dass wir in unserer gesamten Flirtkultur auf sie angewiesen sind. Danke dafür, dass wir nicht darüber reden konnten, worin eigentlich der Unterschied zwischen sexy und sexistisch besteht. Danke auch dafür, dass Frauen sich in Zukunft mit dem Kommentar an den Arsch langen lassen müssen, sie mögen jetzt bloß nicht wieder mit ihrem lächerlichen Sexismusvorwurf kommen.

Und danke vor allem dafür, dass wirklich niemandem aufgefallen ist, in welchem Ausmaß dem Bedürfnis der katholischen Religion, mit dem Feminismus in aller Öffentlichkeit ein Hühnchen zu rupfen, in den Beiträgen von Journalisten wie Birgit Kelle und “Alexander Kissler”:http://www.cicero.de/nach-der-sexismus-debatte-gender-ist-geschichte/53385?seite=2 Rechnung getragen wurde.

Wie könnte man sich bei dem ganzen Gebrüll auch noch darauf konzentrieren? Oder auf berechtigte Aufschreie? Das wäre ja noch schöner.

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