Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt. Mahatma Gandhi

Die Eschatologie der Neuzeit gestern und heute

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Diese Einheit ist durcheinander geraten. Nachverfolgung einer Zeitverirrung. Augustinus – Heidegger und die Postmoderne.

Das antike Denken – insbesondere die klassische griechische Philosophie – prägte ein Ganzheitsdenken. Das Subjekt wurde dort sehr stark als Teil eines Ganzen gedacht. In der Neuzeit rückte nun das Subjekt ins Zentrum des Nachdenkens. Die Philosophie der Neuzeit war vor allem eins; die Beschäftigung mit dem Subjekt. Doch wo dieses neue Denken zuallererst auftrat, ist umstritten. Meist nennt man René Descartes als ersten echten Neuzeitdenker und ersten Subjektphilosophen.

Eine neue Zeit mit Augustinus

Der Philosoph Johann Mader taxiert den Beginn des neuen Denkens etwa schon auf Augustinus – also weit vor den üblichen Deutungen. Mader spricht in einem Buch zur „Einführung in die Philosophie“ – im UTB-Verlag erschienen – von einer neuen Art das Verhältnis von Sein und Denken zu verstehen, die bei Augustinus auftauchte; der Metaphysik des Subjekts:
„Durch die Wende zum Menschen, die Augustinus methodisch in der Forderung formuliert: ‚Geh nicht nach außen, kehr zu dir selbst zurück. Im innern Menschen wohnt die Wahrheit‘, ist der Mensch zum Subjekt geworden. Er versteht sich und will sich als ein Wesen, dem es um sich selbst geht und zu gehen hat. Dadurch wird alles, was ist, vom Subjekt auf sich selbst bezogen und gemäß seiner selbst als sein Objekt vorgestellt. Das philosophische Selbstbewußtsein ist entdeckt“. Damit war eine völlig neue Stellung zur Wirklichkeit vollzogen:

„Augustinus hat entdeckt, daß das Wirkliche für den Menschen nicht so erscheint, wie es an sich ist, und daß es daher auch nicht so erkannt werden kann, wie es an sich ist, sondern daß es den Menschen so im Bewußtsein erscheint und von ihnen vorgestellt wird, wie es ‚für sie‘ als Menschen zum Bewußtsein kommen, ‚für das Bewußtsein‘ erscheinen und ‚durch es‘ vorgestellt und vermittels seiner auch angestrebt werden kann. Deshalb ist die Frage des Menschen nach sich selbst als Subjekt des Welthabens und die Frage nach der Subjektivität des Subjekts die fundamentale Frage“.

Damit veränderte sich somit auch die Einstellung des nun Individuum genannten Welt verstehen wollenden Wesens Mensch:

„Dem Individuum geht es, wenn es ihm um sein Sein geht, um das, was ihm bevorsteht, was aus der Zukunft auf es zukommt. Seine Sorge um sich selbst ist eine Sorge um das zukünftige Sein. […]. Die Metaphysik des Subjekts ist eschatologisch; und nicht archaiologisch: sie zielt auf das ab, was die Menschen in der Zukunft zu erwarten haben, auf die ‚Letzten Dinge‘ (ta eschata), sie wendet sich nicht zu den ersten Gründen (archai) zurück“.

Dieser Hinweis auf den eschatologischen Einschlag der Subjektphilosophie ist sehr interessant. Gewissermaßen ist damit gesagt: Sobald das Individuum auf sich selbst zurückgeworfen ist und nicht mehr wie selbstverständlich Teil von etwas ist, sondern seinen Bezug zur Welt erst konstruiert, dann geht es ihm nur noch um die Zukunft. Neuzeitdenken ist dann zugleich Zukunftsdenken.

Martin Heidegger und „Sein und Zeit“

Nun wurde mit der Subjektphilosophie Anfang des 20. Jahrhunderts aber auch gebrochen. Martin Heidegger hat in „Sein und Zeit“ zum Beispiel eben diesen Bruch vollzogen. Nach Heidegger ist der Mensch schon immer in der Welt. Das In-der-Welt-sein bezeichnet die Seinsweise des Daseins. Die Welt steht dem Subjekt nicht gegenüber, wie in der Subjektphilosophie, sondern Dasein ist immer schon in der Welt.

Die Welt ist nichts Fremdes mehr, wie in der Subjektphilosophie. Diese Welt, von der Heidegger in „Sein und Zeit“ spricht, hat aber auch keinen Bezug zum Kosmos. Die Welt, die der Mensch hat, ist seine Welt; seine soziale Welt, in der er schon aktiv ist. Der Mensch ist ein handelndes Subjekt, welches pragmatisch schon zu den Dingen in der Welt in Bezug steht.

Heidegger unterläuft die Subjekt-Objekt-Spaltung der klassischen Subjektphilosophie, weil er meint, dass wir immer schon in der Welt sind, die uns in der Alltäglichkeit über den Umgang mit den Gebrauchsdingen erschlosssen ist. Wir vollziehen den Umgang mit innerweltlichem Seienden in der Weise des Besorgens. Damit ist der Umgang mit dem Alltäglichen gemeint. Womit wir umgehen, ist uns nicht als Ding, also als Vorhandenes, sondern als Zeug gegeben. Zeug sind die Gebrauchsdinge, also Dinge, die mir nützen, beziehungsweise die ich in einer Situation nutzen kann. Das Zeug ist Seiendes, das dem Dasein im Besorgen begegnet (Schreibzeug, Nähzeug, Werkzeug). Die Dinge sind Vorhandenes, das heißt Dinge, die da sind, ohne Bezug zum Menschen. Vorhandenes ist das, was da ist. Die Dinge, die wir im Erkennen bewusst haben, haben die Seinsart der Vorhandenheit. Die Vorhandenheit ist die Seinsart der Dinge. Das Zeug hingegen wird pragmatisch bewusst. Der Hammer eignet sich zum Hämmern, das Schreibzeug dient zum Schreiben. Zeug ist zu sehen in den verschiedenen Weisen des Um-zu (Dienlichkeit, Beiträglichkeit, Verwendbarkeit, Handlichkeit). Und gerade für das Zeug kann man kein Wesen ausmachen. Es geht Heidegger um den pragmatischen Bezug zu innerweltlich Seiendem.

Bei Heidegger ist der Mensch zwar auch ein Konstrukteur, aber er ist auch schon eingelassen in eine Welt voller Bezüge. Und denkt man weiter an Heideggers auch sozialphilosophisch interpretierbare These von der Diktatur des Man, in die der Mensch zunächst und zumeist eingelassen sei – und von der man sich individuell befreien müsse –, dann kann man sagen: Bei Heidegger wird der Mensch als jemand gedacht, der eine Herkunft hat, eine Einbindung. Bei Heidegger darf man sagen, hat der Mensch immer auch eine Vergangenheit, eine Gegenwart aber auch eine Zukunft – welche Zukunft, das wird von ihm selbst bestimmt.

Die Zeit in der postmodernen Philosophie

In der postmodernen Philosophie nun, da hat sich das Zeitdenken nochmal verschoben. Die Postmoderne-Philosophie ist eher eine Philosophie des Hier und Jetzt. Generell gilt eine „No-future-Lebenshaltung“, wie der Philosoph Karlheinz Barck in seinem Artikel „Richtungs-Wechsel. Postmoderne Motive einer Kritik politischer Vernunft: Jean-Francois Lyotard“ – in einem Sammelband zu „Postmoderne – globale Differenz“ schrieb.

Verlust der Neuzeit?

Ist mit der postmodernen Philosophie damit die Eschatologie der Neuzeit, das Zukunftsdenken der Neuzeit aufgehoben worden? Hat die Postmoderne das Zeitdenken durcheinander gebracht? Was bedeutet der Verlust – zumindest die Erosion – der Neuzeit? Ist das ein Problem? Wenn ja, warum?

Ich glaube, es ist ein Problem. Wer die Zukunft verliert, verliert sich selbst – zumindest aber seine Orientierung. Ich würde nicht so weit gehen, dass das Zukunftsdenken total verloren gegangen ist. Auf irgendeine technische Weise ist es noch da, vielleicht stärker als je zuvor. Der Digitalkapitalismus und das technokratische Denken des Silicon Valley sind von einer Ekstase des Zukünftigen, vom einer Obsession des Möglichen beseelt. Heute soll ja alles möglich und machbar sein. Anything goes – das ist auch heute vorherrschendes Denken. Zudem will das Silicon Valley die Menschheit durch Technologie von allen Übeln befreien – das ist ein Ideal, was auf die Zukunft ausgerichtet ist. Das Silicon Valley strebt nach dem Paradies – mittels Technik. Technokratischer Glaube herrscht dort vor. Man darf von einer Eschatologie der Technik sprechen – und von einer Befreiungseschatologie.

Die Postmoderne ist sehr widersprüchlich. Ihr Zeitverständnis ist unklar und undurchsichtig geworden. Alles geht nebeneinander her. Alles ist erlaubt. Alles geht eben. Und das kann natürlich Orientierungslosigkeit erzeugen. Und das tut es meines Erachtens auch. Wer nicht mehr weiß, ob es ihm um Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft zu gehen hat, der entscheidet sich blind für eine Perspektive. So wollen die einen hartnäckig die alten Zeiten zurück, die anderen wollen nur den Moment auskosten und leben fast zeitlos vor sich hin und die anderen, die streben nach einem Fortschritt in der Zukunft. Letztere Zukunftsdenker stehen in Tradition der Neuzeit, der Eschatologie der Neuzeit. Die Gegenwartsdenker, die sind die postmodernen Avantgardisten – glauben sie zumindest. Und die Vergangenheitsfetischisten, die wollen zu etwas zurück, wo sie aufgehoben sind, wo sie gefühlt keine Konstrukteure mehr sein müssen, wo alles selbstverständlich und für sie schon geordnet ist.

Aber sollte man sich jetzt eine Perspektive wählen und gut ist? Ist das sinnvoll? Entweder Zukunftsdenker, Gegenwartsdenker oder Vergangenheitsdenker sein? Ich glaube, diese Trennung der Zeiten und des Zeitdenkens ist nicht gut.

Es ist doch eher angebracht, sich zum Beispiel an Heidegger – und anderen – zu orientieren, für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht getrennt sind. Eine Einheit der Zeit ist meines Erachtens wichtig für den Menschen und die Gesellschaft.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Nils Heisterhagen: Die Linke ist gespalten – ein Neuanfang muss her!

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