Das öffentliche Wohl sollte das oberste Gesetz sein. Marcus Tullius Cicero

Schluss mit der Negativitätsphantasie? Einfach weniger davon

Ratgeberbücher sind heute oft Push-Up-Literatur. Sie wollen einem Zweifel ausreden und Machbarkeitsphantasien einreden. Das funktioniert so nicht. Gleichgewicht im Kopfkino ist entscheidend.

Die Einbildung ist immer auch eine Vergegenwärtigung von etwas Möglichen. Das Mögliche muss nicht das Wahrscheinliche sein. Das Mögliche ist das, was prinzipiell möglich ist, was passieren könnte, selbst wenn es höchstwahrscheinlich nicht eintreten wird. Das Wahrscheinliche ist nicht das Denkbare, sondern das Mutmaßliche, das Voraussichtliche, das Vermeintliche, das Scheinbare, das wohl Gewisse, das kaum Zweifellose.

Pathologische Zweifelsmanie wird zum Problem

Zweifeln kann man aber immer, egal wie wahrscheinlich etwas sein mag. Jede Sicherheit kann man sich selbst innerlich zerreden. Jeder äußerer Halt kann durch ein inneres turbulentes Kopfkino hinweg gefegt werden.

Und eben dieser Zweifel – oftmals pathologische Zweifelmanie – wird für das souveräne Individuum – was es gemäß des Zeitgeistes zu sein hat – zum Problem. Der postmoderne Mensch zieht vielmehr in Zweifel als dies je ein Gesellschaftswesen getan hat. Der postmoderne Mensch zweifelt, er vergegenwärtigt sich sehr viele Möglichkeiten, seien sie auch irrational oder noch irrational. Er transzendiert in die Zukunft eine Wirklichkeit, die nur möglich ist, nur denkbar und oft wenig wahrscheinlich. Sein Souveränitätsglauben ist sein Fundament aufgrund dessen er so gut wie alles für möglich und machbar hält – im Positiven wie im Negativen. In positiver Hinsicht wird das Mögliche zum Machbaren. Der Konjunktiv zum Futur. Das Denkbare wird zum Machbaren. In negativer Hinsicht steigert sich die Angst vor dem Scheitern, vor zufälligen Ereignissen. Unwahrscheinliches wird doch als nicht so unwahrscheinlich interpretiert. Mögliches auch als Bedrohung angesehen. Man kann das eine Schizophrenie in der Erwartungshaltung nennen.

Die Diffusität der Erwartungshaltung

Eine doppelte Diffusität prägt jedenfalls die Erwartungshaltung des postmodernen Menschen. Dabei ist die Negativitätsphantasie das, was das souveräne Individuum weit mehr unter Druck setzt als seine Positivitätsphantasie. Diese Negativitätsphantasie ist auch nicht völlig neu – sie hat sich nur radikalisiert. Schon Gotthold Ephraim Lessing lässt den Grafen Appiani in Emilia Galotti im siebten Auftritt im zweiten Aufzug sagen: „Aber, wenn die Einbildungskraft einmal zu traurigen Bildern gestimmt ist“. Das heißt; auch schon viel früher gab es ein Bewusstsein für die Tendenz der Einbildungskraft sich eher das Negative als das Positive zu vergegenwärtigen. In der Postmoderne ist diese Negativitätsphantasie nur radikalisiert.

Das Problem der Negativitätsphantasie liegt darin, dass man geneigt sein kann, sich immer mehr das Schlechte zu vergegenwärtigen als die Chancen, die man ergreifen kann. Das heißt sich eher vorzustellen, dass zukünftige Möglichkeiten einem eher schaden können, als dass sie positiv für einen sein können. Man stellt sich also vor, was einem als Schlechtes widerfahren könnte, was einem als an Unglück passieren könnte, was einem andere Menschen alles Schlechtes antun können, anstatt sich vorzustellen, dass sie einem helfen können oder generell, dass man auch Glück haben kann.

Hier hilft ein Blick in den Kanon der Philosophiegeschichte. Dort kann man lernen von der Negativitätsphantasie Abstand zu nehmen. Schon die antiken Philosophieschulen der Stoa und die Epikureer haben eine Lebenskunstphilosophie vertreten, die einen von selbstzerstörerischen Gedanken befreien wollte und sollte. Diese Lebenskunstphilosophie ist eine Ratgeberphilosophie wie man mit Erlebnissen und Erfahrungen – vor allem Schlechten – umgehen sollte, wie man das Erlebte und Erfahrende bewerten solle, wie man das Erwartete hinterfragen und reflektieren sollte. So eine Ratgeberphilosophie ist heute sehr verbreitet, eben um diese Negativitätsphantasie dem Leser ein Stück weit zu nehmen. Darin liegt ihr Verdienst.

Die Fehler der Push-Up-Literatur

Aber die Ratgeberphilosophie hat auch ein grundlegendes Problem: Denn die Ratgeberphilosophie oder die postmoderne Life-Science-Esoterik rät überwiegend zur Positivitätsphantasie. Sie stachelt die Menschen an, an die Möglichkeit und Machbarkeit an sich zu glauben und darauf ihre Begierden auszurichten. Sie will die Negativitätsphantasie durch stetige Positivitätsphantasie ersetzen. „Chaka du schaffst es“-Rufe sind im Wesentlichen der Kern der heutigen Ratgeberideologie. Man könnte den Großteil der Bücher in der Ratgeberecke der Buchhandlung auch als Push-Up-Literatur bezeichnen. Denn sie sollen helfen, den eigenen Fokus zu richten und mehr aus sich herauszuholen. Durch eine Positivitätsphantasie – die das Ziel der Beratung durch ein Push-Up-Buch ist – soll man alles erreichen können, was man nur will. Aufgrund einer fast manischen Positivitätsphantasie wird der neoliberale postmoderne Mensch aber tendenziell zu jemandem, der alles auf dem Weg zu seinen selbstgewählten und hochgesteckten Zielen kontrollieren will.

Und durch eine gesteigerte Negativitätsphantasie wird ihm dann bewusst, dass er nie alles kontrollieren kann. Diese Furcht steigert sein Kontrollbedürfnis aber noch und macht ihn letztlich oft depressiv oder lässt ihn ausbrennen.

Das Kopfkino ins Gleichgewicht bringen

Der Negativitätsphantasie kann man also so leicht nicht entgehen. Sie ist die Kehrseite der Positivitätsphantasie. Steigt die Positivitätsphantasie ist die Steigerung der Negativitätsphantasie nicht weit weg. Es ist zwar ein richtiger Hinweis – den man zuhauf in der Push-Up-Literatur lesen kann – dass man selbst die Negativitätsphantasie nicht stärker werden lassen darf als die Positivitätsphantasie. Aber zu glauben, dass man der Negativitätsphantasie komplett entgehen kann, ist illusorisch und naiv. Zweifel kann man dem Menschen nicht ausreden. Zeitweise Melancholie kann ein Push-Up-Buch ihm auch nicht völlig nehmen. Es gibt kein Leben ohne Zweifel.

Es geht vielmehr darum sein komplettes Kopfkino so in den Griff zu bekommen, dass in ihm keine Vorstellungsmanie gespielt wird. Eine manische Positivitätsphantasie ist ebenso ungesund wie eine manische Negativitätsphantasie. Es geht also darum nicht nur extreme Filme im Kopf abspielen zu lassen. Horrorfilme auf der einen Seite und blumige, alles-ist-möglich Sat1-Film-Filme auf der anderen Seite sollte man aus seinem Kopfkino verbannen. Man braucht Filme, die alles haben. Ausgleich und Gleichgewicht sind anzustreben und nicht die Extreme.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Nils Heisterhagen: Die Linke ist gespalten – ein Neuanfang muss her!

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