Chance und Terror der Möglichkeiten

von Nils Heisterhagen5.05.2016Gesellschaft & Kultur

Viele Gedanken bieten Chancen. Aber auch ein Schreckensregime im Kopf ist möglich. Möglichkeiten sind immer das, was wir aus ihnen machen. Ein Plädoyer für weniger Horror im Kopf und dennoch für mehr Kontingenzbewusstsein

In dem Vergegenwärtigen von Möglichkeiten liegt eine Chance. Ein sehr eindringliches Beispiel des Schriftstellers David Foster Wallace in „Das hier ist Wasser“ – eine Rede vor Absolventen des Kenyon College – verdeutlicht dies:

„An den meisten Tagen, an denen Sie aufmerksam genug sind und die Wahl haben, können Sie sich aber entscheiden, die fette, bräsige, aufgebrezelte Frau, die in der Supermarktschlange gerade ihr Kind angeschnauzt hat, mit anderen Augen zu sehen – vielleicht ist sie sonst nicht so; vielleicht hat sie gerade drei Nächte lang nicht geschlafen, weil sie ihrem an Knochenkrebs sterbenden Mann die Hand gehalten hat; vielleicht hat genau diese Frau auch den unterbezahlten Job im Straßenverkehrsamt und hat gestern erst Ihrem Mann geholfen, durch einen kleinen Akt bürokratischer Güte einen albtraumhaften Papierkrieg zu beenden.“

Wallace zeichnet diese Überlegungen, warum die Frau nun so unfreundlich war, als zwar ziemlich unwahrscheinlich aus, aber immerhin doch nicht unmöglich, wie er in seiner Rede weiter ausführt. Er will verdeutlichen, dass man aus einem Modus der Gedankenlosigkeit und Ichbezogenheit ausscheren kann, weil man die Wahl hat, wie man Dinge und Personen betrachtet. Er behauptet in seinem Appell an die Studenten, dass es immer die eigene Entscheidung sei, wie man Dinge sehen will und dass dies gerade die Freiheit wahrer Bildung ausmache.

In den Möglichkeiten liegt eine Freiheit verborgen

Seine Botschaft ist somit: Kontingenzbewusstsein befreit. Ähnlich sieht das der us-amerikanische Philosoph Richard Rorty. Das Wesen des Kontingenzbewusstseins ist es gerade, Möglichkeiten in Erwägung zu ziehen, die sein können, auch wenn sie vielleicht nicht sehr wahrscheinlich sind. Verschiedene Möglichkeiten bewusst zu halten, ist das Motto.

Dass Freiheit im Kontingenzbewusstsein liegt, heißt nichts anderes, als dass jemand fähig ist, von der eigenen Ichbezogenheit zu abstrahieren. Ich kann mich natürlich daran stören, dass ich an der Supermarktkasse mal wieder warten muss. Ich kann das darauf zurückführen, dass die Kassiererin faul und ineffizient arbeitet. Ich kann aber auch annehmen, dass sie gerade mit den Gedanken bei ihrem Ex-Freund ist, der sie vor ein paar Tagen verlassen hat. Ich kann aber auch annehmen, dass ihre Nichte vielleicht gerade im Krankenhaus liegt und operiert wird und sie sich daher um sie große Sorgen macht und daher nicht ganz bei der Sache ist.

Wenn mir jemand etwas Unfreundliches sagt, kann ich es so annehmen wie es mir zunächst erscheint, und kann mit ebenso gewollter Patzigkeit antworten, aber ich habe die Wahl, ob ich nicht vielleicht doch annehme, dass die Aussage, die mich vielleicht stört und mich trifft, vielleicht aus anderen Zufällen herrührt, wie, dass das Kind die ganze Nacht durchgeschrien hat, die Arbeitsbelastung und das wettbewerbliche Klima am Arbeitsplatz an den Nerven zehren, oder derjenige von einer langen Grippe oder anderen Krankheit völlig entkräftet ist. Vielleicht war seine Aussage auch gar nicht unfreundlich gemeint, sondern sein Charakter ist nun mal direkt, was derjenige aber nicht aus böser Absicht tut, sondern weil es für ihn normal ist, vielleicht hat er gar nicht beabsichtigt mich zu verletzen.

Das alles ist möglich, auch wenn es nicht zwingend zutreffen muss. Kontingenzbewusstsein zu haben, heißt auch diese Möglichkeiten einmal durchzuspielen und nicht nur im Modus der Ichbezogenheit zu verharren und zu denken: Das passt mir nicht! Es kann einem auch durchaus nicht passen, die Frage, die aber gestellt werden kann, ist: Vielleicht war die Aussage kein bewusster Akt gegen mich, sondern vielleicht ist die Aussage Umständen geschuldet, die ich nur erahnen kann. Kontingenzbewusstsein zu haben, heißt Zufälle in der Entstehung von Aussagen und Sachverhalten der sozialen Welt anzunehmen und diese in seinem Urteil über einen Sachverhalt oder eine Person zu berücksichtigen. Es heißt auch Möglichkeiten so unwahrscheinlich sie auch sein mögen, in Erwägung zu ziehen.

Was die Zukunft bringen mag, ist daher von der Überzeugung geprägt, dass im Grunde sehr viel passieren kann. Möglichkeiten sind in vielfacher Anzahl vorhanden. Zufälle können mir schaden, sie können mir aber auch helfen. Ich kann bestimmte Möglichkeiten in Angriff nehmen, ich kann etwa jenen Job im Ausland annehmen und auf den anderen sicheren Job zu Hause verzichten. Ob mein neuer Arbeitgeber nach 5 Monaten pleite geht, weil ein Tsunami das Werk in Indonesien zerstört hat, oder ein Konkurrent ein neues Produkt auf den Markt bringen wird, dass meine Firma vom Markt verdrängt, kann ich nicht wissen, möglich ist es aber. Ich kann meine Ersparnisse für ein Auto ausgeben und meine Frau drei Monate später unerwartet schwanger werden, wodurch ich das schöne neue, schnelle Auto verkaufen muss, um ein familientaugliches Auto und eine Eigentumswohnung zu kaufen.

Der kontingenzbewusste Mensch ist sich bewusst, dass das zumindest passieren könnte, auch wenn er nicht täglich jede noch so unwahrscheinliche Möglichkeit durchgeht. Das kognitive Vermögen, welches mich in die Lage versetzt überhaupt all diese Möglichkeiten in Erwägung zu ziehen, ist die Einbildungskraft. Im ersten Beispiel der Supermarktkassiererin war es mehr Empathie, im zweiten Beispiel der Überlegung, was die Zukunft bringen mag, war es die kognitive Einbildungskraft. Beide Vermögen rekurrieren aber auf das kognitive Vermögen der „erweiterten Denkungsart“ – welche von Immanuel Kant postuliert und bekannt gemacht wurde.

Empathie stärkt sich durch die Einbildungskraft

Empathie ist ebenso wie die kognitive Einbildungskraft ein Vermögen, welches ich nutzen kann oder es lassen kann. Sapere aude, gilt auch hier. Ich kann es unterlassen, mich in jemanden hinein zu fühlen oder ich kann es tun. Das liegt bei mir.

Darin liegt also die Chance der Vergegenwärtigung von Möglichkeiten. Und dieses Kontingenzbewusstsein sei dann auch die halbe Miete zur Toleranz, so in etwa könnte man eine wichtige Botschaft der Philosophie Richard Rortys auf den Punkt bringen. David Foster Wallace würde zustimmen. Gelebte Empathie macht Menschen weniger ichbezogen. Sie macht sie auch offener.

Die Tyrannei der Möglichkeiten

Aber es gibt auch einen Terror der Möglichkeiten.

Denn man kann sich viele Möglichkeiten – vor allem mögliche Ereignisse und mögliche Handlungen anderer – denken, die aber keineswegs wahrscheinlich sein müssen. Hysterie im Kopf kann so entstehen, wenn man zu viel für möglich hält.

Man kann etwa hunderte von Karriereoptionen durchdenken. Man kann bei Tinder verzweifeln, weil viele Frauen so hübsch sind und man nicht weiß, ob es nicht immer noch eine bessere Frau für einen gibt. Man kann sich mehrere schlimmere Szenarien vorstellen, warum der Freund oder die gute Freundin heute so komisch zu einem waren. Man kann sich mehrere schlimme Szenarien ausdenken, was die Kollegen alles Schlimmes tun könnten, um einem selbst zu schaden. Man kann sich generell viel Schlimmes vorstellen. Und man kann eine große Auswahl – etwa von möglichen Liebespartnern oder von Karrierewegen – nicht mehr ertragen. Das ist der Terror der Möglichkeiten. Oder eher: Eine Tyrannei der Möglichkeiten. Denn dieser Terror der Möglichkeiten ist ja dann quasi permanent, wenn man sich immer zu viele Gedanken darum macht, was einem alles Schlechtes widerfahren oder was man alles Tolles verpassen könnte. Und ein permanenter Terror ist Merkmal einer Tyrannei. Eine Tyrannei der Möglichkeiten erzeugt somit ein Schreckensregime im Kopf. Und das belastet. Horror im Kopf belastet – fast immer.

Manchmal sind also viele Gedanken eine Chance und manchmal geraten sie zur Tyrannei. Möglichkeiten sind immer das, was wir aus ihnen machen. Darin liegt die Chance der Möglichkeiten. Man sollte einfach aufpassen, dass man sich mit den vielen Möglichkeiten nicht selbst terrorisiert. Das ist nicht einfach. Aber machbar. Es ist eine Möglichkeit.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Dann mach doch die B...

Frauen bestehen auf ihrem Recht, sexy zu sein – ganz für sich selbst, natürlich. Darauf reagieren darf Mann nämlich nicht, sonst folgt gleich der nächste #Aufschrei.

Diktatur des Feminis...

Die Frage nach einer Frauenquote ist eine Phantom-Debatte. Junge Frauen wollen ihre Karriere planen und nicht mit den alten Feministinnen mühsam über etwas diskutieren, das für sie keine Relevanz hat.

Rette sich, wer kann...

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte für Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

Männer, die auf Bus...

Wer Sexismus noch nie erlebt hat, kann ihn auch nicht verstehen. Weiße Hetero-Kerle haben leicht reden.

Der Jude war’s...

In Berlin wird ein Rabbiner brutal verprügelt, weil er Jude ist. Indes werfen Experten schon die Frage nach dem Warum? auf, die zielsicher zum Juden anstatt zum Antisemiten führt.

Amerika und die deut...

Deutschland kämpft gerne für Toleranz und gegen Hass. Es sei denn, es geht um Amerika. Da macht jeder zweite Deutsche eine Ausnahme und suhlt sich in Amiphobie.

Mobile Sliding Menu