Zwischen Aufstiegsresignation und Abstiegsangst

von Nils Heisterhagen25.04.2016Gesellschaft & Kultur

Der Fahrstuhl bringt immer weniger Menschen nach oben. Weder individuell noch kollektiv. Das lässt einen neuen Konservatismus entstehen. Nur eine progressive Wende kann hier wieder Bewegung schaffen

Der Zeitgeist sagt mir: Ich bin es, der es in der Hand habe, mein Glück zu finden, erfolgreich zu werden und wohlhabend zu sein. Ich kann, wenn ich nur will. Man muss einfach mehr wollen als andere, dann setze man sich schon durch. Wo ein Wille ist, da ist ein Weg, wo ein Wille ist, da ist eine Karriere, die man selbst in der Hand hat. Individuelle Zuversicht, Glaube an einen selbst, Glaube an das Erreichen der eigenen Ziele, ist die neoliberale Tugend.

Sozio-ökonomische Immobilität sorgt für Pessimismus

Aber diese Tugend hat es heute mit einer harten Realität zu tun. Der Aufstieg von unten nach oben und selbst aus der Mitte nach oben ist schwierig. Soziale Durchlässigkeit ist gering in Deutschland – wie Studien des “Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung”:http://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.414563.de/13-4.pdf und der “OECD”:http://www.oecd.org/berlin/publikationen/bildung-auf-einen-blick-2014-deutschland.pdf zeigen. Individuell geht es mit dem Fahrstuhl nur noch selten vom Erdgeschoss in das Penthouse. Wer oben im Penthouse wohnt, bleibt da meist auch wohnen. Es gibt auch keinen weit fahrenden kollektiven Fahrstuhl mehr, der das Leben aller in der Summe weit hoch treibt. Denn: Das Wirtschaftswachstum ist nicht mehr so stark wie in der Zeit des deutschen Wirtschaftswunders. Und wo geringeres Wachstum ist, da wächst auch die Kaufkraft im Durchschnitt weniger.

Vor allem aber: Die Wohnungen im Erdgeschoss bleiben heute klein. Das Haus sieht auch eher aus wie ein Tannenbaum. Oben eine kleine Spitze und unten ein sehr breites Erdgeschoss. Oder anders gesagt: Ein großer Niedriglohnbereich, in dem die Menschen mit prekären und unsicheren Lebensumständen zu kämpfen haben und oben eine reiche Elite.

Diese fehlenden Fahrstuhlfahrten erzeugen bei vielen einen Pessimismus im Kopf. Sie glauben nicht mehr daran, dass ihnen alle Türen offenstehen, wenn sie nur fleißig sind. Leistung und Anstrengung garantieren keinen Aufstieg mehr. Und Tarifbindung ist längst nicht mehr so stark wie früher. Und das bedeutet: Weniger Reallohnsteigerungen.

So erodiert das erhardtsche deutsche Wohlstandsversprechen – Wohlstand für alle – auf doppelte Weise:

Erstens: Der lange in Deutschland berechtigte Glaube, dass wenn man sich nur anstrengt, es einmal besser haben wird, wird eher zur Chimäre. Und so übt die Norm, dass man sein Schicksal am eigenen Schopf packen kann und es auch weit schafft, wenn man nur fleißig ist, auf viele Menschen immer mehr einen psychischen Druck aus – weil die meisten gleichzeitig realistisch genug sind, zu erkennen, dass dieses Versprechen „Besseres Leben durch Leistung“ oft nicht mehr haltbar oder realisierbar ist. Diese Norm wird also zur psychischen Last. Angesichts der realen Verhältnisse erzeugt sie Pessimismus. Pessimismus im Kopf.

Zweitens: Wer neben der Aufstiegsresignation dann noch befürchten muss, dass sein Gehalt mit den Preissteigerungen nicht mehr mitkommt und er sogar in schlechter bezahlte Leiharbeit, Werkverträge und prekäre Beschäftigung aus vormals unbefristeter und tarifgebundener Beschäftigung abrutscht, er aber zeitgleich steigendem Leistungsdruck und Erwartungsdruck ausgesetzt ist, dessen Pessimismus kann sich nochmals steigern.

Die Verlustaversion wird zum Zentrum des Gefühlshaushaltes

Dieser Pessimismus kann nun den Arbeitswillen schmälern und erzeugt Unlust sich anzustrengen. Ein psychologischer Kreislauf entsteht, der den Glauben daran unterminiert, dass man durch Leistung seinen Lebensstandard verbessern kann. Besonders spitzt der Pessimismus die Abstiegsangst zu. Wenn man davor resigniert, es durch Leistung nach oben schaffen zu können, und sich demnach damit arrangiert seinen Status zu halten, dann kann – muss aber nicht – eine Verteidigungshaltung des Status Quo entstehen.

Besonders dann entsteht diese Verteidigungshaltung, wenn man beobachtet, dass viele Beschäftigte – oder man sogar selbst – real einen Abstieg erleben, indem sie aus vormals unbefristeter und tarifgebundener Beschäftigung abrutschen. Ein kollektives Bewusstsein der Gefahr des sozialen Abstiegs entsteht so. Gerade aufgrund dieses kollektiven Bewusstseins kann eine Haltung entstehen, durch die jede Art von Wandel – insbesondere Reform – als bedrohlich interpretiert wird. Die Verlustaversion bekommt somit großes psychologisches Gewicht im Gefühlshaushalt des Individuums und kann zum Zentrum des Gefühlshaushaltes des Individuums werden.

Die Verteidigungshaltung, die Ausdruck der Verlustaversion ist, kann sich nun auch in Ausgrenzung und Behinderung der – gefühlt oder real – unter einem stehenden Menschen ausdrücken. Politischer Konservatismus bis Rechtspopulismus sind deren politische Entäußerungen. So eine konservative politische Melange erlebt Deutschland zurzeit. Es begann mit Merkel und die AfD ist eine Fortsetzung.

Mehr Chancengleichheit im Bildungssystem sowie eine befähigende Arbeitsmarktpolitik werden dann von vielen gar nicht begrüßt, weil es die als ohnehin schon schwierig und wettbewerblich hart empfundene Situation auf dem Arbeitsmarkt noch gefühlt verstärken würde. So entsteht ein psychologischer Kreislauf, der auf gesunkene soziale Mobilität – insbesondere Bildungsmobilität – nicht mit einer Sehnsucht nach einem politischen Wandel dieses Status Quo reagiert, sondern mit der Sehnsucht nach noch stärkerer Selektion und Absicherung. Der eigene Status Quo soll für sich und die eigenen Kinder gesichert werden.

Eine progressive Wende könnte neue Zuversicht schaffen

Doch dabei gäbe es auch eine Alternative, um diesen Kreislauf zu durchbrechen. Die Erneuerung von Aufstiegschancen und von kollektiven Fahrstuhlerlebnissen. Ersteres könnte mit mehr Bildungsgerechtigkeit – im Sinne der Verbesserung von Startchancengleichheit – geschaffen werden. Zweiteres könnte dadurch gelingen, dass die Tarifbindung gestärkt, bessere Entgeltabschlüsse verhandelt oder Unternehmen einfach mehr bezahlen – große Unternehmensgewinne gibt es trotz geringerem Wirtschaftswachstum schließlich immer noch in Deutschland. Zudem könnte die Steuerpolitik rejustiert werden, um geringe und mittlere Einkommensbezieher steuerlich zu entlasten und dafür Reiche stärker zu belasten.

Oder kurz: Eine progressive Wende in der Politik und in der Lohnaushandlung könnte den Pessimismus aus den Köpfen holen. Die Medizin, die in einem pessimistischen psychologischen Kreislauf als gerade schädlich angesehen werden kann, könnte also genau die Medizin sein, die hilft aus ihm auszubrechen. Eine Politik der Verbesserung der Verwirklichungschancen und eine Politik eines „Mehr Netto vom Brutto“ für geringe und mittlere Einkommensbezieher könnte ein psychologisches Signal sein: Es geht wieder aufwärts!

Das schafft Optimismus und der holt den Pessimismus aus den Köpfen.

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