Heidegger und die Linken

von Nils Heisterhagen13.04.2016Gesellschaft & Kultur

Der Philosoph Martin Heidegger sei ein Rechter gewesen. Ein dunkler Denker, ein gefährlicher Denker überdies. Vor allem würde sich heute eine neue Rechte auf ihn berufen. Aber es gibt auch Linke, die an Heidegger anschließen. Wie geht das?

Heidegger und die Linken. Sollte es nicht eher Heidegger und die Rechten heißen? Schließlich gilt der Philosoph Martin Heidegger, der die Nazis unterstützte, als Apologet und Förderer eines Denkens jenseits von Liberalismus und Kommunismus.

Heideggers „Schwarze Hefte“ ließen das Fass der Empörung überlaufen

Nach der jüngsten Veröffentlichung seiner bisher unveröffentlichten „Schwarzen Hefte“, in denen sich recht eindeutig antisemitische und verachtende Äußerungen finden lassen, war es dann auch der überwiegenden Anzahl der Philosophen genug geworden mit Heidegger. In den großen Medien wurde der Philosoph recht klar in die rechte Ecke gestellt – auch nicht zu Unrecht.

Obgleich der Philosoph dennoch an so gut wie jeder Universität noch zahlreich gelesen, gelehrt und besprochen wird – und Heidegger aus dem Lehrbetrieb auch kaum verschwinden wird –, ist sein medialer Ruhm als Denker momentan anscheinend fundamental zerstört. Hatte man lange in der breiten Öffentlichkeit noch über seine Avancen mit den Nationalsozialisten hinweg gesehen, waren die „Schwarzen Hefte“ nun der letzte Rest, der das Fass der Empörung zum Überlaufen brachte.

Gegner der offenen Gesellschaft?

Gerade diese Empörung aus liberal-emanzipatorischer Sicht macht den Philosophen Heidegger jedoch nicht erst seit den „Schwarzen Heften“ für jene rechten Denker des „Identitären“, „Völkischen“ „einer ethnisch-kulturalistisch definierten Raum-Lehre“, „eines neuen Eurasiens“ beliebt. Heidegger ist für diese Denker ein Vorbild und Helfer für die intellektuelle Substantiierung ihrer Ideen. Kürzlich wies der Philosoph Micha Brumlik auf die Berufung von rechten Vordenkern auf Heidegger hin. In den Blättern für deutsche und internationale Politik unterschrieb er seinen Text “Das alte Denken der neuen Rechten”:https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2016/maerz/das-alte-denken-der-neuen-rechten mit dem Untertitel „Mit Heidegger und Evola gegen die offene Gesellschaft“. Brumlik hat nicht Unrecht.

Heidegger kann nicht nur von rechts instrumentalisiert werden, sondern in seinem Denken kann man durchaus eine intellektuelle Brüderschaft für eine rechte Volksgemeinschaftsideologie ausmachen.

Linksheideggerianismus in der Diskussion

Nun wird seit Jahren aber auch der Terminus des „Linksheideggerianismus“ diskutiert. Darunter kann etwa die belgische Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe mit ihrer Hegemonietheorie subsumiert werden. Sie bezieht sich in ihrem Buch „Über das Politische“ auf die heideggerische ontologische Differenz zwischen Sein und Seiendem und behauptet in Analogie dazu eine Differenz zwischen dem Politischen und der Politik. Wie bei Heidegger das Sein, ist nach Mouffe das Politische die strukturierende Kategorie und zudem das, wonach zu fragen sei. In der politischen Theorie müsse es um die Identifikation des Wesens eben dieses Politischen gehen. Das Wesen und den Modus dieses Politischen sieht Mouffe durch Macht, Konflikt und Antagonismus charakterisiert. Mouffe basiert somit ihre theoretischen Überlegungen und praktischen Aufforderungen zu einer agonalen Demokratie auch auf Heidegger. Mit Heideggers Hilfe entwirft sie eine Art politische Ontologie. Es ist nicht eine Ontologie des Politischen, die das Wesen eines Volkes ausmachen will, sondern eine Ontologie des Politischen als einer strukturierenden Kategorie und der Suche nach dem Wesen dieser Struktur. Wir haben es bei Mouffe also mit einer Strukturontologie des Politischen zu tun, die bestimmen soll, was das Politische ausmacht.

Mouffe denkt sich trotz allem Bezug auf Martin Heidegger und den anderen Nazi-Philosophen Carl Schmitt selbst als Linke. Bei “TheEuropean”:http://www.theeuropean.de/chantal-mouffe/7651-einfluss-von-populismus-in-der-europaeischen-union
sagte sie vor zwei Jahren im Interview, dass die – bereits damals erstarkenden – Rechtspopulisten nur mit linkspopulistischen Mitteln zu schlagen seien. Sie forderte zu einem emotionsgeladenen und emotionsgetriebenen Linkspopulismus auf, dem sie sich allem Anschein selbst verpflichtet fühlt. Sie ist für eine Re-Politisierung im Sinne von mehr Streit zwischen den unterschiedlichen politischen Alternativen – überhaupt will sie, dass politische Alternativen öffentlich sichtbar werden und sich als Alternativen darbieten. Sie ist eben eine Konflikttheoretikerin.

Heideggers Schülerin Hannah Arendt könnte nun auch unter einen Linksheideggerianismus subsumiert werden. Auch sie denkt die Differenz zwischen dem Politischen und der Politik. Nur sieht sie das Wesen des Politischen nicht wie Mouffe in erster Linie durch Konflikt geprägt – “siehe dazu hier”:http://www.theeuropean.de/nils-heisterhagen–2/10844-welche-freiheit-die-demokratie-schafft .
Linksheideggerianismus, das darf man eine etablierte politiktheoretische Sichtweise nennen.

Was haben Rechts- und Linksheideggerianer gemeinsam?

Der gemeinsame Kern der neuen Rechten – man kann sie als Rechtsheideggerianer bezeichnen, sofern sie sich auf Heidegger beziehen – und des Linksheideggerianismus liegt nun da, dass beide eine politische Ontologie anstreben. Nur gibt es einen entscheidenden Unterschied: Die neuen Rechten suchen nach einer anderen Identität als die Linksheideggerianer wie Mouffe. Die neuen Rechten, die sich auf Heidegger berufen, die suchen beispielsweise nach dem Identitären eines Volkes. Sie interessiert eine konkrete politische Heimat, eine Heimat des gleichen Denkens – wobei dieses gleiche Denken nicht durch Entschluss, sondern durch Herkunft und Tradition entstehen und bestehen soll.

Die Linksheideggerianer, so wie Mouffe oder Arendt, die suchen hingegen nach einem Verständnis des Politischen als einer Struktur. Ihnen geht es vor allem um diese Struktur, weniger um Inhalt – was Mouffe etwa allerdings auch nicht davon abhält, auch immer wieder Vorschläge für die Realpolitik zu entwickeln. Der Job des politischen Theoretikers ist für die Strukturontologen des Politischen in erster Linie eben die Theorie des Politischen. Die politische Praxis wird dann im Einklang mit dem eigenen theoretischen Rahmen vollzogen.

Heidegger und die Liberalen

Heidegger und die Linken, das geht also. Und selbst “Heidegger und die Liberalen”:http://www.carta.info/79020/heidegger-der-liberalismus-und-die-sozialdemokratie/ , auch das geht. Wie das?

Heideggers frühe Philosophie in „Sein und Zeit“ war emanzipatorisch. Sie war eine Befreiungsphilosophie. Heidegger forderte auf, aus der Diktatur des Man – man tut dies, man tut jenes nicht – auszubrechen. Er forderte seine Studenten auf, das, was ihnen schon immer als selbstverständlich galt, zu hinterfragen. Er warf seine Studenten vor die Frage nach ihrem Weg. Jeder solle selbstreflektierend sein Leben entwerfen. Man solle nicht ein Produkt seines Umfeldes, sondern seiner selbst sein. Selbstbewusster eigener Entwurf sei das Ziel. So ein Motiv darf man aufklärerisch nennen, man darf es auch liberal nennen. Gewiss emanzipatorisch.

Und wendet sich der selbstbewusste Entwurf politisch, dann darf man auch von einem individuellen politischen Entwurf sprechen. Nun ist dieser politische Entwurf, den man vollzieht, prinzipiell offen. Er kann sowohl den Willen zu einer völkischen Bewegung, als auch zu einer linksliberalen Bewegung ausdrücken. Der Inhalt des Entwurfs ist hier nicht vorgegeben.

Warum das Engagement für eine Sozialdemokratisierung einer völkisch-identitären Bewegung vorzuziehen ist, muss mithin zwar noch für sich begründet werden – und zudem „Sozialdemokratisierung“ genauer spezifiziert werden. Aber dass man mit Heidegger prinzipiell ein Linker sein kann und gar ein Liberaler und zusammengedacht ein Linksliberaler sein kann, das ist möglich. Das liegt an einem selbst, an seinem eigenen Entwurf. Mit anderen Worten: Neben dem linksheideggerianischen Entwurf einer Strukturontologie des Politischen gibt es die Möglichkeit mit Heidegger zu einem Sozialdemokraten zu werden und zwar durch die Entschlossenheit seinen Weg politisch so zu gestalten. Links sein mit Heidegger, das ist eine individuelle Entscheidung. Heidegger muntert nämlich zu diesem eigenen Weg auf.

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