„Generation Beziehungsunfähig“ – echt jetzt?

von Nils Heisterhagen10.04.2016Gesellschaft & Kultur

Der Autor Michael Nast hat ein Buch über die beziehungsunfähige Generation geschrieben. Eine Rezension und eine Kritik. Nast versteht die Liebe einfach nicht

Der Autor Michael Nast hat es geschafft ein Wort in die Welt zu setzen, was mit seinem Namen verbunden wird und zugleich Ausdruck eines Status Quo und der Kritik an diesem Status Quo sein soll.

Auf einer zugegeben etwas putzigen und liebevoll arrangierten Online-Dating- und Blogseite “Im Gegenteil”:http://imgegenteil.de/ für das eher alternative großstädtische Hipster- und „Wir-machen-was-mit-Medien“-Milieu hat er vor einiger Zeit einen Artikel mit dem Titel “Generation Beziehungsunfähig”:http://imgegenteil.de/blog/generation-beziehungsunfaehig/ veröffentlicht. Der Artikel ging durch die Decke – sehr steil. Über eine Million Zeitgenossen haben diesen Artikel gelesen. Der Erfolg des Artikels nötigte Michael Nast nun auch noch ein ganzes Buch über diesen Zustand der Beziehungsunfähigkeit der Zeitgenossen zu schreiben.

Lassen wir die ökonomischen Motive zum Schreiben dieses Buches bei Seite und fragen, was der Autor in dem Buch schreibt und sagt. Was ist es für ein Buch geworden, dass vor Kurzem im Edel-Verlag erschienen ist?

Bibel für Singles

Ob gewollt oder nicht: Es ist eine Art Bibel für Singles geworden. So wirkt das Buch zumindest. Das Manifestartige, das Lebensweisheitsgetränkte, das Merksatzartige des Buches drückt sich etwa darin aus, dass auf fast jeder Seite mindestens ein Satz fett gedruckt ist. Diese kleinen Sentenzen sollen sowas wie Merksätze und Weisheiten sein, mit denen man schlau rüber kommt, wenn man abends in der Bar mit der guten Freundin mal wieder nach dem dritten Glas Wein Meta-Theorie über das Singledasein macht. Da stehen dann Sätze fett gedruckt wie „Wir müssen permanent unzufrieden mit uns selbst sein, damit das System funktioniert“.

Selbst für das Berliner Lebensgefühl, wo solche Meta-Theorie über Liebe, Sex und Dating in den Bars in Friedrichshain und Kreuzberg ziemlich oft zum Gesprächsthema wird, gibt es eigene Sentenzen: „Berlin hat mit Abstand die meisten Tinder-Nutzer. So gesehen ist sie die Hauptstadt der Notgeilheit.“ Für jeden und für jede denkbare Diskussion über die Leiden des Single-, Mingle- und Beziehungs-Daseins ist ein Satz dabei.

Da kennt ein Autor seinen Lesermarkt. Er gibt seinen Lesern, wonach sie dürsten: Nämlich die Bestätigung ihrer eigenen Vorurteile und Ressentiments. Liebe wird hier als System gedacht – was es natürlich nicht ist. Es wird so getan, als sei Liebe abhängig vom neoliberalen Zeitgeist. Der Zeitgeist ist neoliberal, stimmt – beim Autor Michael Nast heißt das „Religion Selbstoptimierung“. Stimmt.

Aber Liebe, die sprengt alles. Liebe hat keinen Zeitgeist. Indem man aber so tut, als hätte sie einen, gibt man dem Einzelnen das Gefühl, dass nicht er schuld daran ist, dass es mit einer glücklichen Beziehung nichts wird, sondern dass eigentlich die Anderen schuld sind beziehungsweise das System. Das entlastet den Einzelnen natürlich. Und er oder sie muss sich nicht an die eigene Nase fassen. Denn wenn die ganze Generation „beziehungsunfähig“ ist, für die nach Nast gilt „Die Dinge haben sich verschoben. Beruflich und privat“, dann ist ja entschieden, dass die Dinge so sind wie sie sind und alles daher so schlimm ist wie es schlimm ist.

Die „Generation Beziehungsunfähig“ wird zum geflügelten Wort. Das Wort wird gleichsam zum Ausdruck des ganzen Problems. Die Generationisierung bestätigt die ohnehin schon vorhandene eigene Resignations- und Pessimismus-Einstellung: Die Anderen sind alle doof und man selbst der Einzige, der noch richtig tickt: Halleluja, man selbst ist in Ordnung, der Rest ist halt irgendwie kaputt.

Das System ist halt schuld. Und das geflügelte Wort der „Generation Beziehungsunfähig“ schafft es so gleichsam Analyse und Kritik zu sein. Es beschreibt und ist doch eine Anklage. Nast wird zum Analyst und Prediger – zugleich. Seine Jünger – vor allem Jüngerinnen – laufen ihm so zahlreich zu Lesungen und hängen an seinen Lippen. Der Mann füllt mittlerweile ganze Hallen. Ein Phänomen – ohne Frage. Der Mann ist sowas geworden wie der Dr. Sommer des großstädtischen Beziehungschaos.

Liebe ist keine Frage der Generation

Nur geht das Ganze, was er betreibt, vollkommen an der Sache vorbei. Denn: Liebe entzieht sich einer Generationisierung. Selbst wenn man beziehungsunfähig ist, die Liebe betrifft das nicht. Denn die Liebe zwischen Menschen, die ist etwas, was jenseits der Frage steht „Wie lange schaffen wir es, es miteinander auszuhalten“. Liebe beginnt weder mit dem Tag an dem beide beschließen „zusammen zu sein“, noch muss sie in der Ehe münden, um Liebe zu sein. Lieben können sich Menschen, die weder zusammenwohnen, noch sich oft sehen. Zeit und Raum als Definition für die partnerschaftliche Liebe ist Unsinn. Liebe geht darüber hinaus.

Liebe ist noch nicht mal allein auf eine einzelne Person bezogen. Von Polyamorie mal abgesehen: Selbst der monogamste Mensch liebt dann meist doch sehr bewusst seine Eltern, Kinder oder Geschwister.

Es stimmt schon, dass viele – junge – Menschen heute andere – zumindest aber verschiedenere – Kategorien und Einstellungen bezogen auf Partnerschaft und Sexualität im Kopf haben. Das macht dauerhafte Partnerschaft gewiss schwieriger. Die äußeren – vor allem in jungen Jahren oft wechselnden – zeitlichen und räumlichen Arbeitsverhältnisse machen es auch schwerer. Aber es macht nicht die Liebe schwieriger oder unwahrscheinlicher. So ein Blödsinn! Die Liebe kann gar nicht schwieriger werden. Sie wird definitiv nicht von Normen, Konventionen und Wertemustern einer Zeit beeinflusst. Entweder man liebt jemanden oder nicht.
Wenn man sich über die „Generation Beziehungsunfähig“ beklagt, hat man vielleicht einfach noch nicht den oder die gefunden, den oder die man – außer den Eltern und Geschwistern – liebt.

All sein eigenes Klagen über Zeit und Zeitgenossen läuft beim Thema „Liebe“ ins Leere. Denn steht da der oder die – vermeintlich – Richtige vor einem, dann ist alle Klage schnell vergessen. Dann ist man verliebt bis die Wolken nicht mehr lila sind. Nach einer Trennung geht das Klagen vielleicht von vorne los. Vielleicht wird das Klagen sogar heftiger. Aber die Liebe war nun mal da – auch wenn sie nun wieder weg ist.

Liebe hat vielleicht seine Zeit. Aber sie ist nie abhängig vom Zeitgeist. Das System macht die Liebe nicht kaputt. Liebe lässt sich vielmehr zu jeder Zeit finden.

Und jetzt geht raus und verliebt euch, anstatt daheim rumzujammern!

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Wie weiter mit der AfD?

Sachsens Demokratie ist gerettet – und zwar schon vor der heißen Phase des Wahlkampfs. Aufrichtig sei dem Landeswahlausschuss gedankt. Der nämlich entschied heute: Es gab keinen zusammenhängenden AfD-Parteitag zur Listenaufstellung, sondern gleich deren zwei, und zwar mit unterschiedlichen Vera

Wie ein Präsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und ausländischen Freunde der Ukraine ist entsetzt über den Ausgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und Geschäftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in Brüssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erläutert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und Parlamentspräsident, sowie den Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grünen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der über dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu