Wenn wir über den Berg sind, geht's bergab. Wolfgang Schäuble

„Generation Beziehungsunfähig“ – echt jetzt?

Der Autor Michael Nast hat ein Buch über die beziehungsunfähige Generation geschrieben. Eine Rezension und eine Kritik. Nast versteht die Liebe einfach nicht

liebe beziehung

Der Autor Michael Nast hat es geschafft ein Wort in die Welt zu setzen, was mit seinem Namen verbunden wird und zugleich Ausdruck eines Status Quo und der Kritik an diesem Status Quo sein soll.

Auf einer zugegeben etwas putzigen und liebevoll arrangierten Online-Dating- und Blogseite Im Gegenteil für das eher alternative großstädtische Hipster- und „Wir-machen-was-mit-Medien“-Milieu hat er vor einiger Zeit einen Artikel mit dem Titel Generation Beziehungsunfähig veröffentlicht. Der Artikel ging durch die Decke – sehr steil. Über eine Million Zeitgenossen haben diesen Artikel gelesen. Der Erfolg des Artikels nötigte Michael Nast nun auch noch ein ganzes Buch über diesen Zustand der Beziehungsunfähigkeit der Zeitgenossen zu schreiben.

Lassen wir die ökonomischen Motive zum Schreiben dieses Buches bei Seite und fragen, was der Autor in dem Buch schreibt und sagt. Was ist es für ein Buch geworden, dass vor Kurzem im Edel-Verlag erschienen ist?

Bibel für Singles

Ob gewollt oder nicht: Es ist eine Art Bibel für Singles geworden. So wirkt das Buch zumindest. Das Manifestartige, das Lebensweisheitsgetränkte, das Merksatzartige des Buches drückt sich etwa darin aus, dass auf fast jeder Seite mindestens ein Satz fett gedruckt ist. Diese kleinen Sentenzen sollen sowas wie Merksätze und Weisheiten sein, mit denen man schlau rüber kommt, wenn man abends in der Bar mit der guten Freundin mal wieder nach dem dritten Glas Wein Meta-Theorie über das Singledasein macht. Da stehen dann Sätze fett gedruckt wie „Wir müssen permanent unzufrieden mit uns selbst sein, damit das System funktioniert“.

Selbst für das Berliner Lebensgefühl, wo solche Meta-Theorie über Liebe, Sex und Dating in den Bars in Friedrichshain und Kreuzberg ziemlich oft zum Gesprächsthema wird, gibt es eigene Sentenzen: „Berlin hat mit Abstand die meisten Tinder-Nutzer. So gesehen ist sie die Hauptstadt der Notgeilheit.“ Für jeden und für jede denkbare Diskussion über die Leiden des Single-, Mingle- und Beziehungs-Daseins ist ein Satz dabei.

Da kennt ein Autor seinen Lesermarkt. Er gibt seinen Lesern, wonach sie dürsten: Nämlich die Bestätigung ihrer eigenen Vorurteile und Ressentiments. Liebe wird hier als System gedacht – was es natürlich nicht ist. Es wird so getan, als sei Liebe abhängig vom neoliberalen Zeitgeist. Der Zeitgeist ist neoliberal, stimmt – beim Autor Michael Nast heißt das „Religion Selbstoptimierung“. Stimmt.

Aber Liebe, die sprengt alles. Liebe hat keinen Zeitgeist. Indem man aber so tut, als hätte sie einen, gibt man dem Einzelnen das Gefühl, dass nicht er schuld daran ist, dass es mit einer glücklichen Beziehung nichts wird, sondern dass eigentlich die Anderen schuld sind beziehungsweise das System. Das entlastet den Einzelnen natürlich. Und er oder sie muss sich nicht an die eigene Nase fassen. Denn wenn die ganze Generation „beziehungsunfähig“ ist, für die nach Nast gilt „Die Dinge haben sich verschoben. Beruflich und privat“, dann ist ja entschieden, dass die Dinge so sind wie sie sind und alles daher so schlimm ist wie es schlimm ist.

Die „Generation Beziehungsunfähig“ wird zum geflügelten Wort. Das Wort wird gleichsam zum Ausdruck des ganzen Problems. Die Generationisierung bestätigt die ohnehin schon vorhandene eigene Resignations- und Pessimismus-Einstellung: Die Anderen sind alle doof und man selbst der Einzige, der noch richtig tickt: Halleluja, man selbst ist in Ordnung, der Rest ist halt irgendwie kaputt.

Das System ist halt schuld. Und das geflügelte Wort der „Generation Beziehungsunfähig“ schafft es so gleichsam Analyse und Kritik zu sein. Es beschreibt und ist doch eine Anklage. Nast wird zum Analyst und Prediger – zugleich. Seine Jünger – vor allem Jüngerinnen – laufen ihm so zahlreich zu Lesungen und hängen an seinen Lippen. Der Mann füllt mittlerweile ganze Hallen. Ein Phänomen – ohne Frage. Der Mann ist sowas geworden wie der Dr. Sommer des großstädtischen Beziehungschaos.

Liebe ist keine Frage der Generation

Nur geht das Ganze, was er betreibt, vollkommen an der Sache vorbei. Denn: Liebe entzieht sich einer Generationisierung. Selbst wenn man beziehungsunfähig ist, die Liebe betrifft das nicht. Denn die Liebe zwischen Menschen, die ist etwas, was jenseits der Frage steht „Wie lange schaffen wir es, es miteinander auszuhalten“. Liebe beginnt weder mit dem Tag an dem beide beschließen „zusammen zu sein“, noch muss sie in der Ehe münden, um Liebe zu sein. Lieben können sich Menschen, die weder zusammenwohnen, noch sich oft sehen. Zeit und Raum als Definition für die partnerschaftliche Liebe ist Unsinn. Liebe geht darüber hinaus.

Liebe ist noch nicht mal allein auf eine einzelne Person bezogen. Von Polyamorie mal abgesehen: Selbst der monogamste Mensch liebt dann meist doch sehr bewusst seine Eltern, Kinder oder Geschwister.

Es stimmt schon, dass viele – junge – Menschen heute andere – zumindest aber verschiedenere – Kategorien und Einstellungen bezogen auf Partnerschaft und Sexualität im Kopf haben. Das macht dauerhafte Partnerschaft gewiss schwieriger. Die äußeren – vor allem in jungen Jahren oft wechselnden – zeitlichen und räumlichen Arbeitsverhältnisse machen es auch schwerer. Aber es macht nicht die Liebe schwieriger oder unwahrscheinlicher. So ein Blödsinn! Die Liebe kann gar nicht schwieriger werden. Sie wird definitiv nicht von Normen, Konventionen und Wertemustern einer Zeit beeinflusst. Entweder man liebt jemanden oder nicht.
Wenn man sich über die „Generation Beziehungsunfähig“ beklagt, hat man vielleicht einfach noch nicht den oder die gefunden, den oder die man – außer den Eltern und Geschwistern – liebt.

All sein eigenes Klagen über Zeit und Zeitgenossen läuft beim Thema „Liebe“ ins Leere. Denn steht da der oder die – vermeintlich – Richtige vor einem, dann ist alle Klage schnell vergessen. Dann ist man verliebt bis die Wolken nicht mehr lila sind. Nach einer Trennung geht das Klagen vielleicht von vorne los. Vielleicht wird das Klagen sogar heftiger. Aber die Liebe war nun mal da – auch wenn sie nun wieder weg ist.

Liebe hat vielleicht seine Zeit. Aber sie ist nie abhängig vom Zeitgeist. Das System macht die Liebe nicht kaputt. Liebe lässt sich vielmehr zu jeder Zeit finden.

Und jetzt geht raus und verliebt euch, anstatt daheim rumzujammern!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Nils Heisterhagen: Die Linke ist gespalten – ein Neuanfang muss her!

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