Einheit in der Vielfalt

von Nils Heisterhagen3.04.2016Gesellschaft & Kultur

Bei aller Unterschiedlichkeit der Menschen ist es der gemeinsame Raum der Debatte, der ein Band zwischen ihnen schafft. Dieser Raum muss geehrt und geschützt werden

Von den großen Philosophen sollte man gelegentlich lernen. Von der Philosophin Hannah Arendt kann man lernen, dass Unterschiedlichkeit doch immer noch Einheit braucht. Oder anders gesagt: Es braucht immer zumindest einen gemeinsamen Raum der Pluralität. Es geht um einen freien Raum der Debatte. Dieser Raum der Debatte schafft Einheit für die Vielfalt. Vielmehr: Er ist das, was verbindet. Er ist ein gemeinsames Zwischen, was Menschen, so unterschiedlich sie auch sind und so verschiedene Überzeugungen sie auch haben mögen, verbindet – verbinden muss, wenn sie in einem Raum der Freiheit leben wollen.
In diesen Tagen daran zu erinnern, wo diese Verbindung zwischen den Menschen leidet, ist ein Gebot demokratischer Tugend. Demokratie sollte man schätzen. Das kann man von Hannah Arendt lernen.

Pluralität ist Merkmal der Verfasstheit des Öffentlichen

Menschen sind verschieden. Sie gleichen nicht einander. Das hat die große Philosophin Hannah Arendt einmal gesagt. Stimmt!
Dass Menschen verschieden sind, ist offensichtlich, daher müssen sie sich verständigen – und daher ist die freie öffentliche Bühne zur Verständigung so wichtig. Aber dass sie unterschiedliche Meinungen haben, ist kein Wesensmerkmal des Seins, sondern vielmehr eine historische Tatsache. Dass Menschen unterschiedlich aussehen, unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben, das kann und sollte man nicht verleugnen. In dieser Hinsicht kann man davon sprechen, dass es ein offensichtliches Faktum der Pluralität gibt. Aber das Bürger heute unterschiedliche Meinungen haben, ist kontingent und muss nicht immer so sein. Eine Ontologie der Pluralität, eine Wissenschaft von der Verschiedenheit, findet ihre Grenze bei der politischen Meinung. Denn Einigung ist stets möglich. Es ist eine ontologische Illusion zu glauben, dass Menschen, eben weil sie so verschieden erscheinen, in jeglicher Hinsicht unterschiedlich sind und bleiben müssen.

Es gibt nach Arendt so etwas wie eine Verfasstheit des Öffentlichen, wobei die Pluralität ein Merkmal dieser Verfassung des Öffentlichen ausmacht. Aber ein festgezurrtes und immer bleibendes Wesensmerkmal des Seins ist die Pluralität nicht in jeder Hinsicht.

Der Begriff des Politischen hat bei Arendt keinen Inhalt. Sie folgt der Idee nach der Unterscheidung in das Ontische und Ontologische – beziehungsweise der Unterscheidung von Seiendes und Sein – von dem Philosophen Martin Heidegger und setzt der Idee nach eine ähnliche Differenzierung. Die Begriffe, die bei Arendt mit den Begriffen Heideggers korrelieren, sind; „Politik“ und das „Politische“. In der Politik (der ontischen Ebene) geht es um praktische Fragen, etwa ob die Steuern gesenkt oder erhöht werden sollen. Das Politische (die ontologische Ebene) betrifft hingegen den Rahmen, in dem Politik stattfindet. Das Politische gibt der Politik die Struktur innerhalb dessen sie verläuft. Das Politische ist der Rahmen, wo Debatten stattfinden. Das Politische ist der Raum der Öffentlichkeit, in dem man streitet – verstritten bleibt oder sich einigt. Und die Politik ist das, worüber man sich streitet oder einigt. Politik geht um Inhalt – brauchen wir eine Obergrenze für Flüchtlinge ja oder nein – und das Politische ist der Raum, wo darüber debattiert wird. Nur in der Demokratie ist das Politische eigentlich so richtig da, denn nur da ist es frei. Nur in der Demokratie gibt es diesen freien Raum des Diskurses.

Der Charakter des Politischen

Obgleich das Politische keinen konkreten Inhalt hat, hat es doch bestimmte Elemente, die seinen Charakter oder sein Wesen ausmachen. Nach der belgischen Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe ist es gerade die Aufgabe der politischen Theorie das Wesen des Politischen zu ergründen, wie sie in ihrem Buch „Über das Politische“ schreibt. Während für Mouffe, wie sie ebendort sagt, das Politische ein Ort von Macht, Konflikt und Antagonismus ist, hat Arendt ein davon zu unterscheidendes Verständnis des Politischen. Auch Arendt ging es darum die Elemente zu benennen, die das Politische kennzeichnen. Das Faktum der Pluralität ist eines dieser Elemente. Menschen sind zwar verschieden und können unterschiedliche Meinungen haben – und haben sie heute faktisch –, das ist empirisch nicht zu verleugnen.

Der freie Raum des Politischen schafft Einheit in der Vielfalt

Aber – und das ist ein wesentliches weiteres Merkmal des Politischen nach Arendt – sie können ihre Meinungen nur in einem Raum des Politischen äußern, wo sie eine Bühne haben, um erscheinen zu können und ihr „Wer-sie-sind“ durch öffentliches Handeln überhaupt enthüllen können. In diesem Raum des Politischen sind sie frei durch ihr öffentliches Handeln und Sprechen ihre Freiheit des politischen Entwurfs zu realisieren. Dazu haben sie jederzeit die Möglichkeit, denn sie können jederzeit einen Anfang machen – sie können die Debatte aufnehmen, eine Demonstration beginnen, Flugblätter drucken, bei Facebook posten.

Daher hält das Politische die Politik auch immer lebendig beziehungsweise in Bewegung. Eigentlich auch dann, wenn etwa ein totalitäres System den freien Raum des Politischen zerstört, in dem es die gesicherten Möglichkeiten zum spontanen Handeln raubt. Unter solchen Bedingungen, ist das Anfangen höchst gefährlich für die Handelnden – etwa bei den Geschwistern Scholl. Dieser Raum des Politischen ist also nur dann wirklich gesichert vorhanden, wenn es einen Rechtsstaat gibt, der diesen Raum sichert und damit das Handeln in Freiheit ermöglicht. Eine freie Demokratie muss eine freie (Medien-)Öffentlichkeit garantieren, schützen und fördern.

Bei aller Unterschiedlichkeit ist es dieser gemeinsame Raum, den man eben gemeinsam hat, der verbindet, der Einheit gibt – die Einheit in und für die Vielfalt. Egal welcher politischen Meinung man sein mag, diesen Raum sollte man schützen. Oder: Auch wenn man in der Politik anderer Meinung sein kann, den geschützten freien Raum des Politischen sollte man doch ehren.

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