Wir sind das Volk? Es gibt kein Wesen des deutschen Volkes!

von Nils Heisterhagen20.03.2016Gesellschaft & Kultur

Nationalismus wĂ€chst hierzulande. Dabei soll das deutsche Volk eine eigene IdentitĂ€t haben. Diesen Wesenskern hat aber kein Volk. Die Rede vom Volk sollte dennoch rehabilitiert werden. Aber aus anderen GrĂŒnden

„Wir sind das Volk“ hört man in diesen Tagen und Wochen als politisches Schlagwort öfter. Der Ruf kommt von rechts und hat eine deutsch-nationale AusprĂ€gung. Neu ist dieser Deutsch-Nationalismus nicht.

Nationalismus gibt es schon lange in Deutschland. Es gibt diese Ontologie vom deutschen Volk schon spĂ€testens seit dem 19. Jahrhundert, bis im Nationalsozialismus das deutsche Wesen vermeintlich ausgemacht wurde und dann imperial verbreitet werden sollte – erst in Europa, und dann ĂŒberall. „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ ist eines dieser politischen Schlagworte, um die Volksgenossen darauf einzuschwören, dass ein starkes und reines deutsches Volk seine völkische IdentitĂ€t in einem existenziellen Kampf zur Hegemonie verbreiten solle.

Es gibt kein Wesen des deutschen Volkes

Die Idee von Volk, welche hier vorherrscht, beruht aber auf einer falschen Ontologie. Es gibt kein Sein, kein Wesen des deutschen Volkes. So eine Ontologie des deutschen Volkes kann niemals das Wesen des Volkes finden. Eine völkische IdentitĂ€t ist eine absurde und zugleich gefĂ€hrliche Idee von einem Kollektivsubjekt, was es niemals geben wird. Einen deutschen Volksgeist romantisierend zu beschwören, lĂ€uft daher fehl, weil dies auf der Annahme beruht, dass das deutsche Volk eines Wesenskern besitzt. Es gibt aber eben kein Wissen vom deutschen Volk – niemand besitzt so ein Wissen, auch wenn manche esoterische Gruppe dies behaupten mag.

Das deutsche Volk ist vielmehr eine Rechtsgemeinschaft und das Volk kann zudem ein Begriff der Sittlichkeit sein. Ein Volk ist nie eine nationale GrĂ¶ĂŸe, die eine innere IdentitĂ€t besitzt. Volk ist ein Begriff fĂŒr eine gemeinschaftliche Selbstbestimmung. Ein Volk ist eine Gemeinschaft, das sowohl die rechtliche Macht zur demokratischen VerĂ€nderung besitzt – alle Macht geht dem Grundgesetz nach vom deutschen Volke aus – als auch was die sittliche GrĂ¶ĂŸe besitzen kann – nicht muss – um die Gemeinschaft als einen Ort einzurichten, den jedes Mitglied dieser Gemeinschaft als liebenswĂŒrdig anerkennen kann. Und in dieser Perspektive ist die Rede vom Volk auch zu erneuern.

Lange galt allein das Wort „Volk“ als demokratisch unschicklich in Deutschland. Das Wort „Volk“ erinnerte zu sehr an die von den Nationalsozialisten beschworene Volksgemeinschaft. Diese völlige Distanzierung vom Begriff „Volk“ war ein Fehler. Es war aber völlig richtig, sich von der Auffassung von der Volksgemeinschaft als Kollektivsubjekt mit eigener IdentitĂ€t zu distanzieren und diese Idee in das Archiv verfehlter politischer Ideen zu stecken. Die Ontologie des deutschen Volkes brachte Deutschland nur Unheil und entbehrte jedem Rationalismus. Diese identitĂ€re Romantik ist gefĂ€hrlich. Gestern wie heute.

Ein Radikal-Liberalismus ist auch falsch

Aber die Idee, dass es mehr gibt als Individuen und ihre Rechte, das sollten die heutigen Demokraten auch anerkennen. Der Begriff „Volk“ bietet sich fĂŒr diese Umschreibung an. Demokratie besteht aus mehr als Einzelsubjekten. Es gibt zwar kein Kollektivsubjekt. Aber es gibt mehr als die lose Verbindung von BĂŒrgern als Rechtsgenossen. Demokratie bedeutet mehr als individuelle AnsprĂŒche an den Staat zu stellen. Citoyen haben eine Pflicht: Die Pflicht ihr Gemeinwesen gemeinsam und im konsensorientierten Dialog zu gestalten und zu erhalten. Rechtsgenossen haben nur ihre Rechte gemeinsam. Zur Sittlichkeit strebende BĂŒrger aber haben eine gemeinsame Idee davon, warum die Demokratie ihnen allen gehört und warum die Demokratie fĂŒr alle da sein soll.

Ein Radikal-Liberalismus, der die BĂŒrger nur zu Anspruchsstellern an ihre Rechtsgenossen macht, ist daher auch falsch. Der BĂŒrger soll kein reiner Individualist sein, dem es nur um seine Lage in der Welt bestellt ist. Beides ist so falsch: Die radikal-liberale Idee von einem echten Demokraten, der nur an sich denkt, und die Idee vom Volksgenossen, dem es nur um die StĂ€rkung seiner Volksgemeinschaft geht. Es gibt weder eine innere Essenz des Individuums – welche fĂŒr alle Individuen gilt. Noch gibt es ein Wesen eines Volkes, welches man stĂ€rken kann. Beide Extreme schaden der Demokratie, wenn sie vielfach geglaubt und vertreten werden.

Deutschland braucht eine Psychologie der Wahrheitsfindung

Der zwanghafte und teils verzweifelte Versuch der ontologischen Suche nach IdentitĂ€t – egal ob nur das Individuum nach seiner IdentitĂ€t sucht, oder das Individuum einer ominösen Idee der VolksidentitĂ€t folgt – ist Gift fĂŒr die Demokratie. Jede ontologisch gedachte Aufforderung zur Suche und Verwirklichung der IdentitĂ€t bestimmt ein Schicksal, welches geradezu in ein VerhĂ€ngnis hineinlĂ€uft. Identifizierung muss immer offen und verĂ€nderbar bleiben. Es gibt nicht die ontische Wahrheit des Individuums und nicht die ontische Wahrheit des deutschen Volkes. Es gibt nur die politische Wahrheit, die freie BĂŒrger in freier Beratung zur Wahrheit machen. Auf der Agora, in der Öffentlichkeit, da kann man Wahrheit finden, weil man sich da im Dialog einigen kann.

Was die deutsche Demokratie braucht, ist nicht IdentitĂ€t – denn diese wird sie niemals finden –, sondern Identifizierung dessen, was als Wahrheit freier BĂŒrger von allen anerkannt werden kann – und das mit guten GrĂŒnden. Was freie BĂŒrger einander schulden und wie ihre Gemeinschaft eingerichtet sein soll, darĂŒber kann und sollte man Wahrheit finden. Und diese Einigung gibt es nur durch Dialog und nicht durch einen existenziellen Kampf um IdentitĂ€t.
Was Deutschland daher braucht, ist so etwas wie eine Psychologie der Wahrheitsfindung. Deutschland braucht eine Psychologie der Identifizierung dessen, was BĂŒrger einer Gemeinschaft einander schulden. Mit Psychologie ist dann nichts anderes gemeint, als die Selbstvergewisserung und Identifizierung als Mensch, der ein BĂŒrger zu sein hat, dem es um die Wahr-Machung des Konsenses ĂŒber das Einander-Geschuldete bestellt ist.

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