Ich und das Glück

von Nils Heisterhagen3.03.2016Gesellschaft & Kultur

Ich soll glücklich sein, fordert man von mir. Bin ich es nicht, sei mein Leben nicht komplett. Und ich sei dafür selbst verantwortlich, ob ich glücklich bin. Was macht einen aber glücklich und wo liegen die Probleme beim glücklich werden?

Ich und das Glück, das ist so eine Sache. Ich soll glücklich sein. Das sagen mir gesellschaftliche Normen und Diskurse.

Ich soll glücklich sein, immer, egal durch was. Wenn ich es nicht schaffe glücklich zu werden, sei ich selbst Schuld. Denn die unendlichen Möglichkeiten zum glücklich sein lägen ja auf der Straße. Ich muss sie nur ergreifen. Und ohnehin steht in fast jedem Ratgeberbuch – was von der Armada der Unglücklichen oder Noch-Nicht-Glücklichen gekauft wird –, dass man sein Schicksal nur am Schopf packen muss. Glücklich sein, das soll so einfach sein. Im Sinne der Positiven Psychologie steht in nahezu jedem Ratgeberbuch so, dass es die eigene Perspektive ist, die man nur richtig richten muss. Oder anders gesagt: Egal wie schlecht es dir geht, es kommt nur darauf an, wie du auf dein Leben blickst. Glücklich sein kann man sich einreden – das ist die Botschaft. Glücklich sein ist eine Frage der Betrachtung. Glücklich sein kann eine Selbstprophezeiung werden in dem Sinne, dass man nur sagen und denken muss, dass man glücklich ist oder es zumindest werden wird, und dann wird sich dieses tolle glücklich sein wie von unsichtbarer Hand einstellen. Richtiges Denken versetzt Berge. Richtiges Denken schafft Glück. Das ist die Message.

Glücklich sein ist zur Last geworden

Aber: Was wenn ich dieses ganze richtige Denken nicht schaffe? Dann bin ich also selbst schuld? Tja, Ratgeberbuch nicht verstanden oder was? Dann kauf noch ein Buch und noch eins und kauf noch ein Beratungsseminar und DVDs. Alles für das glücklich sein. Wird schon. Bei irgendeinem Ratgeberbuch wird es schon Klick machen. Irgendwer formuliert schon die richtigen Sätze für mich, damit ich das endlich schaffen kann, glücklich zu werden. Eigentlich ist es doch so leicht. Wenn andere das hinkriegen, muss ich das ja auch hinkriegen.

Ganz ehrlich: Glücklich sein ist heute zur Last geworden. Zuweilen erträgt man diese individuelle Last und Verantwortung für sein eigenes Glück nicht.

Aber wie erträgt man das doch und wie macht man dabei noch ein glückliches Gesicht, damit die anderen Menschen merken, dass man wirklich selber glücklich ist?

Glücklich sein kann man nicht erzwingen

Tja, das ist die Preisfrage. Kauf doch noch ein Ratgeberbuch. Oder besser: Lass es! Und fokussier dich darauf, das Leben nicht mit Ansprüchen zu füllen, die du vielleicht nie erreichen kannst. Vielleicht ist dein Ansatz „höher, schneller, weiter, glücklicher“ – was wohl auch der Grund ist, warum du ein Ratgeberbuch kaufst – nicht der Richtige. Vielleicht gibt es kein richtiges Leben im Falschen, wie der Philosoph Theodor Adorno mal gesagt hat? Zumindest aber ist die Sucht glücklich sein zu müssen, nicht nur Teil des Problems, warum man meist nicht glücklich wird, sondern ist vielmehr ein entscheidender Grund, warum man das glücklich sein zumeist verpasst.

Glücklich sein kann man nicht erzwingen. Also versuch es auch nicht. Renn deinem Glück nicht hinterher. Vor allem renn nicht einem noch größeren Glück hinterher. Am besten du rennst gar nicht, sondern gehst. Sei nicht der Usain Bolt des Glücks, sondern sei langsam.

Mach dich nicht verrückt. Lass dich nicht verrückt machen. Lass dir die Last glücklich sein zu müssen, nicht aufzwingen. Hör nicht auf den Krach der Meinungen. Und lass dir nicht einreden, dass du unglücklich bist, nur damit du ein Ratgeberbuch oder eine Psychotherapie brauchst. Man muss also nur sich selbst befreien von dieser Last glücklich sein zu müssen? Einfach nur auf sich hören? So einfach?

Wirklich? Nein!

Aber man sollte Distanz zu dem schaffen, wovon andere sagen, dass man es braucht, um glücklich zu sein.

Glück ist harte Arbeit

Oder um einen Ratgeberguru zu zitieren: “Your time is limited, so don’t waste it living someone else’s life”. Wer hat es gesagt? Der I-Philosoph Steve Jobs auf einer Abschlussfeier für Stanford-Studenten. Und er fügte hinzu: “Don’t let the noise of others‘ opinions drown out your own inner voice”.

Man mag nun sagen, dass Steve Jobs doch gerade beim Thema Glück kein gutes Vorbild ist. Schließlich steht er doch für diese Verbindung aus Hippie-Bewegung und Turbo-Digitalkapitalismus, die uns diese Selbstverwirklichungssucht wesentlich mit eingebrockt haben. Das Silicon Valley forciere doch unsere Sucht nach immer mehr und die Sucht nach uns selbst. Selbstverwirklichung durch Arbeit sei doch auch so ein falsches Mantra, welches die IT-Gurus aus dem Silicon Valley vor sich hertragen, als sei es der Heilige Gral. Gefährlich sei dieses Mantra. Und diese Skepsis und Kritik ist sehr berechtigt. Aber es gibt einen Kern der Botschaft von Steve Jobs: Auf andere Leute zu hören und es genauso zu haben wie sie, macht unglücklich. Lebt nicht das Leben anderer. Kauft nicht die Bücher von denen, die euch sagen, wie man glücklich wird, sondern werdet es selbst.

Ja, dieses glücklich werden ist schwer. Aber sobald ihr anerkannt habt, dass es schwer ist, ist der Anfang gemacht, wirklich glücklich zu werden. Denn Glück ist nicht einfach. Es ist Arbeit. Harte Arbeit. Aber gerade die harte Arbeit, die kann doch glücklich machen. Oder? Naja, stimmt schon. Einfacher wird es durch das aber nicht. Aber gut, na dann. Voran.

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