Skurrile Kandidaten für das Weiße Haus – und ihr Bibelfokus

von Nils Heisterhagen2.03.2016Außenpolitik

Bibeltreue und Hard-Core-Christentum gelten vielen Amerikanern als Bedingung dafür, wen sie wählen. Viele Politiker überbieten sich mit christlichem Fundamentalismus. Aber gibt es dafür eine Erklärung?

Alle Jahre wieder gibt es bei den US-Präsidentschafts-Vorwahlen radikale Kandidaten zu beobachten. Dieses Mal ist es wohl Ben Carson, der republikanische Präsidentschaftskandidat und frühere Arzt, der am Fundamentalistischsten ist. Er will Amerika gerne heilen und seine Steuerpolitik leitet er aus der Bibel ab. Aber Carson ist keine Randfigur, er ist keine Ausnahmeerscheinung. Es gibt Ted Cruz und vor allem Rick Santorum, der es schon mehrfach versucht hat Präsident zu werden, die die Bibel vor allem anderen sehen. Ihre politischen Ansichten sind nicht nur konservativ, nicht nur erzkonservativ, sondern teilweise stark christlich-fundamentalistisch.

Dieser Bibel-First-Modus verwundert die meisten Europäer bei jeder US-Präsidentschaftswahl wieder. Dass es einen Bibel-Belt des evangelikanischen Protestantismus – in den Südstaaten – gibt, wo Atheisten so gut wie keine Chance auf politische Ämter haben, verwundert umso mehr. Zwar schafft es ein Bibel-Kandidat kaum zur Präsidentschaftskandidatur, aber ihr Einfluss auf die republikanischen Vorwahlen ist groß. Und mit Ted Cruz – zugleich Tea-Party-Liebling – mischt ein Bibel-Kandidat diesmal oben mit bei den US-Vorwahlen. Das evangelikanische Phänomen ist also keine Eintagsfliege, sondern ein ziemlich fester Bestandteil des politischen Diskurses der USA.

In Deutschland spielt Religion in der Öffentlichkeit eine geringere Rolle

Aber warum bloß können christliche Fundamentalisten es bei den US-Wählern so weitbringen? Warum sind diese Radikal-Positionen keine kleine Minderheit, sondern eine manchmal fast wahlentscheidende Minderheit? Warum kommt so selbst ein Barack Obama kaum ohne ein „God bless America“ am Ende seiner Reden aus? Warum muss sich selbst ein Liberaler – und das ist in den USA eher ein Progressiver, der den Staat positiv sieht – als gläubig ausweisen? Warum ist Gott überhaupt so wichtig für die Amerikaner? Warum müssen Politiker besser gute Christen sein, damit sie eine ernstgemeinte Chance auf die Präsidentschaft haben?

Einen säkularen Europäer wundert dies alles schon sehr. Denn in Deutschland ist die Religion eines Politikers meist weniger wichtig – auch wenn nicht alle Religionen gleich akzeptiert sind und es immer noch einen Vorrang des Christentums gibt. Eigentlich ist es für deutsche Politiker sogar hinderlich, wenn sie sich als sehr gläubig ausweisen. Denn dann bekommen sie in Deutschland schnell den Radikalen-Stempel aufgedrückt. Gewiss würde irgendein Psychoanalytiker Angela Merkel öffentlich eine Verwirrtheit und Durchdrehen attestieren, wenn Merkel nun jede ihrer Reden mit „Gott beschütze und fördere Deutschland“ beenden würde. Das würde nicht nur nationalistisch wirken, sondern Merkel würde dann jede Fähigkeit zum Regieren dieses Landes schnell abgesprochen. Religion und Politik sollen in Deutschland auseinandergehalten werden – paradox wo es doch in Deutschland eine Kirchensteuer gibt und in den USA nicht. Die Deutschen sind gute Laizisten – genau wie die Franzosen. Auch wenn die Deutschen – wegen der Kirchensteuer – diesen Laizismus nicht durchhalten, sind sie doch in ihren Köpfen zuallererst Bürger und erst dann Gläubige oder eben nicht. Religion gilt in Deutschland eher als Privatsache. Und in den USA eben nicht. Dort ist Religion Teil der Öffentlichkeit, ja sie durchdringt politische Diskurse.

Zivilreligion in Amerika

Aber warum bloß? Darauf gibt der Religionswissenschaftler und Soziologe Robert Bellah eine Antwort. Er diagnostiziert, dass die USA neben den einzelnen Glaubensrichtungen eine Art öffentliche Zivilreligion hat, die die politische Kultur des Landes prägt und die in Laufe der Geschichte der USA entstanden sei. Dabei ist diese Zivilreligion etwas völlig anderes, als das, was Jean-Jacques Rousseau in seinem „Gesellschaftsvertrag“ als bürgerliche Religion vorstellt – und welche man republikanische Zivilreligion nennen kann. Mit Religion – im Sinne von Glauben an Gott – ist die rousseausche Zivilreligion weniger verbunden. Die Zivilreligion ist eher eine Chiffre für etwas anderes: Die Zivilreligion hier ist eher ein Symbol und ein Begriff für den Bund der Bürger als Citoyen, die sich um ihre Gemeinschaft kümmern und nach dem Gemeinwohl streben.

Eine Republik benötigt nach Rousseau einen gelebten Einheitskodex, ein gemeinsames Werte- und Symbolensemble, welches die Integration aller Bürger unter einem allgemeinen Willen ermöglicht. Diese Zivilreligion ist im weiten Sinne die öffentliche Manifestation des Herzverstandes, den die Citoyen gegenübereinander und ihrem Gemeinweisen zeigen sollen. Rousseau entwirft die Zivilreligion und ihre normative Funktion zu allererst. Er sieht diese Zivilreligion nicht faktisch am Wirken, sondern wünscht sie sich für den idealen Staat. Rousseau geht es nicht um eine vorfindbare Sittsamkeit beziehungsweise die vorherrschende Selbstverständlichkeit eines bestimmten Werte-, Symbol-, und Ritualensembles, sondern es geht ihm um die Konstruktion der Sittsamkeit, die der Idealstaat erfordert.

Robert Bellah hingegen macht in den USA eine faktisch vorherrschende Zivilreligion aus. Bellahs Theorie der Zivilreligion ist eine Rekonstruktion, das heißt er rekonstruiert eine amerikanische Zivilreligion, die er als vorfindbar kennzeichnet. Bellah sagt uns also, dass es ein Werte-, Symbol-, und Ritualensemble in den USA gibt, welches die politische Kultur dieses Landes prägt – ganz faktisch, ganz real. Und diese Zivilreligion hat definitiv einen starken Bezug zu Gott und hat christliche Ausprägung.

Was prägt die amerikanische Zivilreligion?

Den Begriff Zivilreligion hat Robert Bellah in einem Artikel „Zivilreligion in Amerika“ aus dem Jahre 1967 geprägt, der in der Fachzeitschrift Daedalus abgedruckt wurde – auf Deutsch lesbar in dem Sammelband „Religion des Bürgers. Zivilreligion in Amerika und Europa“ von Heinz Kleger und Alois Müller.

Die Methode, mit der Bellah die Existenz einer Zivilreligion in Amerika beweisen will, liegt in der Untersuchung bedeutender Reden und Dokumente der amerikanischen Geschichte. Er beginnt mit einer Analyse der Antrittsrede John F. Kennedys und verweist auf die in dieser Rede an mehreren Stellen vorhandenen Gottbekenntnisse und Gottesverweise. Solche Bezüge bei feierlichen Anlässen zeigten „tiefsitzende Werte und Bindungen an, die im alltäglichen Leben nicht klar ausgedrückt werden“. Im Gegensatz zum französischen wie dem kontinentaleuropäischen Modell der Volksouveränität, in der dem Volk die letzte Souveränität zukommt, fühle sich der amerikanische Präsident einer noch höheren Souveränität verpflichtet – beziehungsweise sollte sich verpflichtet fühlen –, nämlich Gott, und das sei Ergebnis der Kulturgeschichte der USA: „Die Verpflichtung des Präsidenten geht also über die Verfassung hinaus und erstreckt sich nicht nur auf das Volk, sondern auf Gott. […]. Der Volkswille selbst ist nicht das Kriterium für richtig und falsch. Es gibt ein übergeordnetes Kriterium, an dem dieser Wille gemessen werden kann; es ist möglich, daß das Volk im Unrecht ist. Die Verpflichtung des Präsidenten erstreckt sich auf dieses übergeordnete Kriterium.“

Bellah versucht nun auch die inhaltliche Prägung dieser amerikanischen Zivilreligion zu skizzieren. Seine Skizze beginnt bei den amerikanischen Gründungsvätern, deren Puritanismus und Republikanismus in diese heutige Zivilreligion eingeflossen seien.

Er analysiert einige Reden von den Gründungsvätern und die Unabhängigkeitserklärung auf ihren zivilreligiösen Impetus. Alle bezögen sich auf Gott oder Glauben, um letzte Überzeugungen auszudrücken, aber sie bezögen sich nie direkt auf Christus. Bellah sieht im alttestamentarischen Exodus-Thema eines der Hauptmerkmale der von ihm beschriebenen Zivilreligion: „Der Gott der Zivilreligion ist nicht nur recht ‚unitarisch‘, sondern er neigt auch zu Strenge und hat mehr mit Ordnung, Gesetz und Recht zu tun als mit Erlösung und Liebe. Obwohl er vom Typ her eher deistisch ist, ist er keinesfalls einfach der ‚Uhrmacher-Gott‘. Er interessiert sich für die Geschichte und nimmt aktiv daran teil; seine besondere Sorge gilt Amerika.”

Die Idee vom „amerikanischen Israel”

Bellah weiter: „In dieser Beziehung hat die Analogie viel weniger mit Naturrecht zu tun als mit dem Volk Israel; die Gleichsetzung von Amerika mit dem Volk Israel in der Idee des ‚amerikanischen Israel‘ ist ziemlich häufig.“ Die Selbstbetrachtung Amerikas als Volk Israel bedeutet, dass Bellah annimmt, dass die amerikanischen Siedler sich als auserwähltes Volk ansahen, von Gott geführt seien, um eine historische Mission zu erfüllen – die Erlösung der Welt vom Schlechten etwa; ein gewisser Manichäismus ist in der Idee vom auserwählten Volk bereits enthalten.

Die Gründerväter der USA – aber auch die vielen Siedler vor der Gründung – prägten daher durch ihre Auffassungen ein Werte-, Symbol- und Ritualensemble, welches sich bis in die Gegenwart tradiert habe – welches sich in einer allgemeinen und öffentlichen Zivilreligion institutionalisiert habe. Der Thanksgiving Day sei etwa so ein Symbol, welches in dem Zusammenhang mit der amerikanischen Selbstbetrachtung als auserwähltes Volk stehe. Gewissermaßen ein Feiertag an dem die Zivilreligion offen ausgelebt wird und sichtbar wird und dies seit George Washington „am 3. Oktober seines ersten Präsidialjahres den 26. November zu einem Tag der öffentlichen Danksagung und des Gebets‘“ erklärte.

Mit dem amerikanischen Bürgerkrieg fand nach Bellah nun eine entscheidende weitere inhaltliche Prägung der Zivilreligion statt: „Mit dem Bürgerkrieg findet das neue Thema von Tod, Opfer und Wiedergeburt Eingang in die Zivilreligion. Sein Symbol ist das Leben und Sterben von Präsident Lincoln. […]. Die frühe Symbolik der Zivilreligion war hebräisch gewesen, aber nicht im engeren Sinne jüdisch. Die Symbolik von Gettysburg (‘… diejenigen, die hier ihr Leben dafür hingaben, daß diese Nation leben kann‘) ist christlich, hat aber mit der christlichen Kirche überhaupt nichts zu tun.“ Diese neue Symbolik von der Opfergabe, so Bellah, „fand bald ihren materiellen und rituellen Ausdruck. Die große Zahl der Kriegstoten machte die Anlage einer Reihe von nationalen Friedhöfen erforderlich.“ Im Erinnerungstag des Memorial Day liege zum Beispiel ritueller Ausdruck des neuen Opferthemas.

Die Zivilreligion erklärt den Bibel-Fokus vieler US-Politiker

So sind einige Elemente der amerikanischen Zivilreligion genannt. Die USA als auserwähltes Volk Gottes und Opferriten. Das alles prägt einen christlichen Nationalismus, der zuweilen zum Imperialismus wird. Die Manifest Destiny, eine amerikanische Doktrin seit dem 19. Jahrhundert, ist dafür ein Ausdruck. Dieser Begriff ist vom Frontier-Mythos begleitet, mit dem er sich zur Eroberung des Kontinents Richtung Westen verbindet. Als die Westeroberung geschafft war, dehnte sich das nationale Selbstbewusstsein auf andere Länder aus. Man nahm an, dass man durch die Westeroberung auch den Kontinent zivilisiert hatte, wodurch man sich nun anschickte, auch anderen Ländern Zivilisation und Freiheit zu bringen. Die Manifest Destiny impliziert eine nationale Aufgabe, nämlich Hüter der Freiheit und Heilsbringer der Zivilisation zu sein, welches auch auf internationaler Ebene als Aufgabe angesehen wird. Daraus erklärt sich das us-amerikanische Sendungsbewusstsein. Und dieses Sendungsbewusstsein ist immer schon zum Teil christlicher Prägung gewesen.

So wird auch nachvollziehbar – nicht unbedingt verständlich – warum republikanische US-Präsidentschaftsbewerber einen Melting Pot aus Nationalismus, konservativem Hard-Core-Christentum, imperialer US-Außen- und Militärpolitik und Freiheitsbewusstsein politisch äußern. Diese Erklärungen mögen somit erläutern, warum es Leute wie Ben Carson und Rick Santorum schaffen können, derart mediale Aufmerksamkeit zu bekommen und viele Anhänger zu haben. In Deutschland wäre das kaum denkbar. Deutschland sollte sich aber an dieser amerikanischen Zivilreligion kein Beispiel nehmen, sondern eher an der Idee Rousseaus.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Dann mach doch die Bluse zu!

Frauen bestehen auf ihrem Recht, sexy zu sein – ganz für sich selbst, natürlich. Darauf reagieren darf Mann nämlich nicht, sonst folgt gleich der nächste #Aufschrei.

Diktatur des Feminismus

Die Frage nach einer Frauenquote ist eine Phantom-Debatte. Junge Frauen wollen ihre Karriere planen und nicht mit den alten Feministinnen mühsam über etwas diskutieren, das für sie keine Relevanz hat.

Rette sich, wer kann

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte für Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

Männer, die auf Busen starren

Wer Sexismus noch nie erlebt hat, kann ihn auch nicht verstehen. Weiße Hetero-Kerle haben leicht reden.

Der Jude war’s

In Berlin wird ein Rabbiner brutal verprügelt, weil er Jude ist. Indes werfen Experten schon die Frage nach dem Warum? auf, die zielsicher zum Juden anstatt zum Antisemiten führt.

Amerika und die deutsche Seelenhygiene

Deutschland kämpft gerne für Toleranz und gegen Hass. Es sei denn, es geht um Amerika. Da macht jeder zweite Deutsche eine Ausnahme und suhlt sich in Amiphobie.

Mobile Sliding Menu