Wir müssen im Gespräch bleiben

von Nils Heisterhagen24.02.2016Innenpolitik, Medien

Der Sinn von Politik ist Freiheit, meinte Hannah Arendt einmal. Aber dieser Sinn erfüllt sich erst dann, wenn man den Debattenpartner als einen Staatsfreund anerkennt und mit ihm die Debatte auch sucht. Beschimpfungen und Gesprächsabbruch verfehlen den Sinn von Politik.

Der politischen Debattenkultur in Deutschland geht es schlecht. Es fragt sich, ob es überhaupt noch eine Debatte mit Argumenten und Gründen gibt, oder ob sich alle gegenseitig nur ihr falsches Weltbild vorwerfen. Es wird weniger miteinander geredet, sondern eher übereinander. Die mediale Öffentlichkeit hat sich zudem segmentiert: Sie ist in Teil-Öffentlichkeiten zerfallen. Wer sich nur noch einseitig informieren will, kann das tun, in dem er nur bestimmte Magazine und Internet-Blogs liest. Wer die Selektion der Information will, der bekommt sie. Ziemlich leicht. Wer nur an einfache Botschaften glauben und sie verbreiten will, auch dem ist dies leicht möglich – und zudem sichert ihm die liberale Verfassung dieses Recht zu. Und überdies legitimiert der Zeitgeist des radikalen Pluralismus und Relativismus ihm diesen Rückzug auf jenen komplexitätsreduzierten Ego-Trip-Meinungsinput und Meinungsoutput.

Eine Ablehnung des gemeinsamen Gesprächs

Die Öffentlichkeit als solche verschwindet aber kontinuierlich durch diese Ablehnung an das Gespräch und die in dem gemeinsamen Gespräch eingeschlossene und realisierte „humanitas“, also die Anerkennung der faktischen menschlichen Verhaltensweise als ein auf Kommunikation angelegtes Lebewesen verschwindet ebenso. Spricht man dem Anderen sein Recht ab, sich zu etwas begründend zu verhalten, spricht man ihm sein Recht ab, durch Kommunikation sich in der Welt einen Platz zu suchen. Jemandes „Wagnis der Öffentlichkeit“ – um mit Philosophen Karl Jaspers zu sprechen – als lächerlich und verachtenswert zu verunglimpfen, bedeutet, ihm seine „humanitas“ zu nehmen. Denn wie Jaspers Schülerin Hannah Arendt einmal in einer Laudatio anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Jaspers über ihren Mentor sagte, wird dieses existenzielle Wagnis der Öffentlichkeit, wenn man sein Leben und seine Person mit in dieses Wagnis nimmt, zu einem Geschenk an die Menschheit und in dem Wagnis wird die „humanitas“ gewonnen.

Die „humanitas“ schafft ein Reich der Freiheit, in dem der Mensch er selbst werden kann, nämlich sich als ein Wesen begreifen kann, das sich kommunizierend in der Welt als der entwirft, der er ist. Ohne Kommunikation ist es dem Menschen nicht möglich, sein Personhaftes zu entäußern. Ohne Kommunikation bleibt sein „Wer er ist“ auf der Strecke. „Es ist das Reich der ‚humanitas‘, zu dem ein jeder kommen kann aus dem ihm eigenen Ursprung“, laudatiert Arendt über das Reich weiter, in dem Karl Jaspers lebt. In diesem Reich lebt man nicht schon dann, wenn man nur Bürger einer liberalen Demokratie ist. Nein, in dieses Reich muss man sich erst emporarbeiten. Man muss erst in es aufsteigen. Durch Vernunft mag der eine sagen, ist dieser Aufstieg möglich. Nur durch Willen sei er möglich, mag ein anderer sagen. Egal wer von beiden Recht hat, richtig bleibt, dass man als Bürger dieses Reiches es liebt, „sich in seiner Existenz so sehr der Öffentlichkeit auszusetzen“, wie Arendt über Jaspers als Repräsentant so eines Bürgers sagt. Und nur durch die Partizipation an der „humanitas“ lernt man es so auch erst wirklich anzuerkennen, dass die „humanitas“ geschützt und gefördert werden sollte. Der Wille zum – öffentlichen und politischen – Gespräch, der lässt den Willen zum Schutz des freien Gesprächs wachsen. Der Drang in einer Demokratie mit republikanischer Verfassung zu leben, wird durch sich selbst bestätigt – durch die Anerkennung des Wertes der „humanitas“. In der „humanitas“ geht es um die Freundschaft zueinander als Gesprächspartner, wobei beide Gesprächspartner glauben, dass man sein „Wer man ist“ nur im Miteinander-reden zu entdecken vermag. Erst in dem Vollzug dieser – prinzipiell immer bestehenden, aber nicht von jeder politischen Ordnung geschützten – Freiheit des Miteinander-sprechens wird der Sinn von Politik überhaupt verstanden und realisiert.

Hannah Arendt formulierte diese Bedeutung der Freundschaft in einer Rede bei Entgegennahme des Lessing-Preises der Freien Hansestadt Hamburg 1959 in „Gedanken zu Lessing“ – und die sich in ihrem Essayband zu „Menschen in finsteren Zeiten“ findet – so:

„Im Gespräch manifestiert sich die politische Bedeutung der Freundschaft und der ihr eigentümlichen Menschlichkeit, weil dies Gespräch (im Unterschied zu den Gesprächen der Intimität, in welchen individuelle Seelen über sich selbst sprechen), so sehr es von der Freude an der Anwesenheit des Freundes durchdrungen sein mag, der gemeinsamen Welt gilt, die in einem ganz präzisen Sinne unmenschlich bleibt, wenn sie nicht dauernd von Menschen besprochen wird. Denn menschlich ist die Welt nicht schon darum, weil sie von Menschen hergestellt ist, und sie wird auch nicht schon dadurch menschlich, daß in ihr die menschliche Stimme ertönt, sondern erst, wenn sie Gegenstand des Gesprächs geworden ist. Wie sehr wir von den Dingen der Welt betroffen sein mögen, wie tief sie uns anregen und erregen mögen, menschlich werden sie für uns erst, wenn wir sie mit unseresgleichen besprechen können. Was nicht Gegenstand des Gesprächs werden kann, mag erhaben oder furchtbar oder unheimlich sein, es mag auch eine Menschenstimme finden, durch die es in die Welt hineintönt; menschlich gerade ist es nicht. Erst indem wir darüber sprechen, vermenschlichen wir das, was in der Welt, wie das, was in unserem eigenen Innern vorgeht, und in diesem Sprechen lernen wir, menschlich zu sein.“

Hannah Arendt formulierte das alles vor dem Hintergrund des deutschen Totalitarismus, der die gemeinsame Öffentlichkeit, diesen Raum der Freiheit, wo man miteinander ins politische Gespräch kommen kann, zerstörte, in dem er jede Demonstration, jede offene Debatte mit Gewalt und Repression erdrückte. Diese Gewalt gegen die Freiheit im Nationalsozialismus ist etwas völlig anderes, als was heute Merkmal unserer gemeinsamen Demokratie ist. Dieser Raum der Freiheit wird zumindest rechtlich gesehen geschützt. Es gibt Debattenmagazine und Zeitungen, wo jede politische Position veröffentlicht werden kann. Einen Raum der Pluralität, so wie Arendt sich ihn wünschte, den gibt es heute. Keine Frage. Was man aber beobachten kann, ist, dass manche Bürger dieses Staates, andere Bürger in der Hinsicht nicht mehr anerkennen, dass sie ihnen am liebsten das Recht sich zu äußern verbieten würden. Sie interessieren sich auch nicht mehr für das Gespräch mit dem Anderen. Sie wollen ein Diktat, was von ihnen geschrieben ist. Sie wollen nicht überzeugen oder begründen. Das ist eine Diktatur, was sie wollen.

Man kann in dieser liberalen Gesellschaft über alles reden und jede nur erdenkliche Position vertreten. Auch eine rechtspopulistische Position hat in dieser Demokratie ihr Recht geäußert werden zu können – solange sie nicht zur Gewalt und zum Hass aufruft. Aber in der Demokratie muss man im Gespräch überzeugen. Und nur da findet man sich auch selbst. Wenn man nur die immer gleichen Hassposts verschickt und nie das Gespräch sucht, findet man sich nicht selbst. Man verliert sich. Wenn der Rechtspopulist also dem Gespräch entgehen will, indem er alle anderen als Idioten beschimpft, mit denen man ohnehin nicht mehr reden muss, dann findet er somit auch niemals in das Reich der Freiheit, in das aufzusteigen, in der Möglichkeit jedes Demokraten liegt. Umgekehrt ist es aber genauso richtig, dass all die Sozialdemokraten, CDU- und Grünen-Vertreter, die mit AFD-Vertretern nicht mehr öffentlich in Talkshows oder auf Podiumsdiskussionen reden wollen, ebenso wenig die Demokratie leben. In jeder öffentlichen Debatte sollte der Gesprächspartner Argumente liefern und in jeder Diskussion kann man skurrile Argumente anderer auch problematisieren, gar vorführen, wenn man nur den Mut und die intellektuelle Kraft dafür hat.

Auch der AFD-Vertreter kann einem Rechtfertigungsdruck dort nicht entgehen. Würde er alle seine Gesprächspartner pausenlos nur beschimpfen, gäbe es kein Gespräch mehr. Und wenn es kein Gespräch mehr gibt, und er daran schuld war, dass das Gespräch zerstört wurde, dann hat er sich schon delegitimiert als Demokrat. Und für alle aufrechten Demokraten ist dann offen sichtbar, dass dieser kein Staatsfreund mehr ist.

Ob AfD, SPD oder Grüne – Wir müssen miteinander reden

Staatsfreunde sind im Sinne des Politikwissenschaftlers Dolf Sternberger nicht nur Verfassungspatrioten, die die Grundwerte des Grundgesetzes und die durch es geschaffenen Institutionen achten und begrüßen, sondern es sind solche Bürger, die sich in ihrem politischem Engagement als solche verhalten, die durch das Gespräch ihre Freundschaft untereinander – als Staatsfreunde – unter Beweis stellen. Wer ein aufrechter Demokrat sein will, der muss diese Freundschaft unter Beweis stellen. Das gilt für die AfD-Vertreter ebenso wie für Sozialdemokraten und Grüne. Wir müssen miteinander im Gespräch bleiben und uns mit Gründen und Argumenten austauschen. Denn wo es kein Gespräch mehr gibt, da gibt es die Demokratie nur noch auf dem Papier. Die Demokratie sollte aber doch in uns beziehungsweise vielmehr zwischen uns wohnen. Da ist ihr Platz. Da wird sie realisiert. Man kann ja unterschiedlicher Meinung sein. Aber man sollte nicht übereinander, sondern miteinander reden.

Wer ein Demokrat sein will, der muss zum Gespräch bereit sein und es auch mit Anstand führen, nicht durch reine Polemik, sondern durch einen Dialog mit Gründen. Hält jemand sich an diesen demokratischen Ethos und nimmt das „Wagnis der Öffentlichkeit“ an, dann hat er das Recht sich Demokrat zu nennen und dann kann er auch zu der eigentümlichen Freiheit finden, die ihm immer schon offensteht: Nämlich zur Freiheit der Staatsfreundschaft.

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