Warum Terroranschläge und Flüchtlinge nicht zusammen passen

von Nils Heisterhagen12.02.2016Außenpolitik, Innenpolitik

Ein Ereignis wie ein Terroranschlag darf man erstens nie als Bestätigung der eigenen Weltsicht nehmen. Und zweitens folgt aus der Tatsache eines Terroranschlags noch keine bestimmte Politik.

Ein Ereignis wie ein Terroranschlag darf man erstens nie als Bestätigung der eigenen Weltsicht nehmen. Und zweitens folgt aus der Tatsache eines Terroranschlags noch keine bestimmte Politik.

Im ersten Fall begeht man den Fehler sich ideologisch einzumauern und tendiert dazu, argumentativ verbohrt zu werden, weil man anstatt sich anderen Argumentationen zu öffnen, lieber nach Ereignissen und empirischen Nachweisen für die Bestätigung der eigenen Weltsicht sucht.

Im zweiten Fall begeht man einen naturalistischen Fehlschluss. Was ist ein naturalistischer Fehlschluss? Zum Beispiel der Folgende: In Somalia verhungern die Menschen. Man muss ihnen helfen.

Terroranschlag und Flüchtlinge sind verschiedene Dinge

Es wird hier von einem Sein auf ein Sollen geschlossen. Wenn man nun aus dem Ereignis „Islamistischer Terroranschlag“ ableitet, dass man die Geheimdienste stärken, die Flüchtlinge aus dem eigenen Land werfen oder einen Krieg gegen den IS führen muss, dann ist diese Ableitung nicht zulässig.

Der zweite Fall ist besonders gefährlich für die politische Debatte. Es besteht die Gefahr – im Journalismus, aber insbesondere in den digitalen sozialen Medien –, dass man nach einem Terroranschlag sofort eben darauf schließt, dass die Geheimdienste gestärkt, die Flüchtlinge weg oder ein Krieg begonnen werden muss.

Die Frage nach dem „Warum eigentlich sollen wir das nun tun?“ gerät dabei oft aus dem Blick. Die Ereignisse gewinnen eine eigene Dynamik und der naturalistische Fehlschluss wird vielfach begangen. Dieser naturalistische Fehlschluss ist auch deswegen in Journalismus und sozialen Medien oft vorfindlich, weil man dort zumeist nach der Methode induktiv-statistischen Schließens vorgeht. Diese Methode ist nichts anderes, als aus Beobachtungen heraus Verallgemeinerungen zu erzeugen. Das heißt: Man betrachtet – idealerweise mehrere – Einzelfälle und verallgemeinert davon ausgehend. Und je öfter sich etwas beobachten lässt – was zurzeit leider mit islamistischen Terroranschlägen der Fall ist – desto mehr fügt man diese Ereignisse zu einer normativen Verallgemeinerung zusammen. Der Gedanke ist: Je öfter etwas auftritt, desto mehr berechtigt es eine Verallgemeinerung.

Aber das „Warum?“ des nun getroffenen Urteils ist dann immer noch nicht geklärt. Warum hat ein Terroranschlag etwas mit Flüchtlingen zu tun oder warum muss man Krieg gegen den IS führen, weil einige seiner Sympathisanten unschuldige Menschen umgebracht haben?

Das „Warum“ gilt es also zu klären. Warum sollen Flüchtlinge per se weg, nur weil Einzelne, die nicht zwingend Flüchtlinge gewesen sein müssen, Terroranschläge begangen haben? Sollen sie etwa weg, weil sie Muslime sind? Aber warum sollen alle Muslime gleich Islamisten sein? Sind alle Christen auch gleich Kreuzritter? Bevor man Kurzschlüsse zieht, sollte man sich immer erst einmal daher die Frage stellen „Warum soll etwas sein“? Dafür braucht man mehr als ein Ereignis. Man braucht dafür eine ordentliche Argumentationskette. Wildes Hetzen macht noch keine Meinung. Hass noch kein Urteil.

Man mag Gründe dafür finden können, warum man den IS sich in Syrien und im Irak nicht weiter ausbreiten lassen darf und daher militärische Optionen prüfen muss. Man mag Gründe dafür finden, dass man als souveränes Land genau prüfen muss, wen man eigentlich im eigenen Land hat und welche Motive diese Menschen haben, bei uns leben zu wollen. Man mag Gründe dafür finden, warum die Geheimdienste mehr finanzielle Ressourcen brauchen, um Islamisten daran hindern zu können, einen Anschlag zu begehen.

Aber für all das, muss man Gründe finden. Nach einem Terroranschlag wild und unbeherrscht etwas zu rufen, ist keine Meinung. Meinung muss begründet werden und das ist schwerer als viele Menschen das heute glauben. Nicht jeder Facebook-Post ist schon eine Meinung. Meinung ist schwer.

Und insbesondere Ereignisse machen noch keine Gründe. Die Gründe für die Bewertung des Ereignisses muss man erst nennen und das in einer Argumentationsstruktur, die aus mehr besteht, als zusammenkopierten Sätzen des Hasses.

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