Das deutsche Neo-Biedermeiertum

von Nils Heisterhagen27.01.2016Innenpolitik

Was haben Helene Fischer und Angela Merkel gemeinsam? Ihr Erfolg der letzten Jahre ist ein Spiegelbild eines Neo-Biedermeiertums, der in dieser Gesellschaft grassiert.

Helene Fischer und Angela Merkel sind symbolischer Ausdruck der Atmosphäre einer konservativen Weltverklärung: Alles ist gut und alles soll so bleiben. Verbunden ist damit eine Weltflucht – verstanden als ein Verlassen des öffentlichen Raums. Ein privater Wohlfühlisolationismus greift um sich. Man kann das eine Ideologie nennen. Eine Ideologie der Einigelung. Eine Ideologie der individualistischen Privatheit. Das ist eine Ideologie des Rückzugs. Diese Ideologie sucht nach der Idylle in der Weltabkehrung. Konservativ in allen Lebenslagen, das ist sehr verbreitet.

Wiederholt sich die Geschichte?

Die ursprüngliche Biedermeier-Zeit am Anfang des 19. Jahrhunderts nach dem Wiener Kongress 1815 bis zu ersten deutschen Revolution 1848, wird auch Restauration genannt – Versicherung in einer turbulenten Welt. Die Ruhe vor dem Sturm, kann man vielleicht sagen.

Nehmen wir nun mal – nur als theoretische Überlegung – an, dass Geschichte sich hier wiederholt und nach der momentanen Ruhephase wieder ein großer Sturm kommt. Das wird doch nur wieder große Brüche erzeugen – und wieder Generationen, die sich nicht verstehen können. Das Alte soll durch das Neue hinweggefegt werden. Warum ist man so radikal?

Warum nicht jetzt ein Maß finden? Kluge Reformen in der Politik, Wiederzuwendung zur Öffentlichkeit, bei gleichzeitiger Pflege der eigenen Familie, der eigenen Privatheit. Man kann doch beides haben: Eine private und eine öffentliche Existenz. Warum soll man das gegeneinander ausspielen, warum soll man das für Gegensätze halten? Warum braucht man die Gegensätze?

Denn vor allem politische Revolutionen sind doch nicht nötig, wenn man es schafft, ambitionierte Reformen als ein Grundmuster zu verstetigen. Konsequenter und stetiger Fortschritt im Konsens wäre das. Und für das Private gilt: Nicht jede neue Generation muss vieles komplett anders machen als ihre Vorgängergeneration. Zwanghaft anders sein zu müssen, stellt sich in einer ruhigen Minute als das heraus, was es ist: Als überflüssig und, ja, zwanghaft.

Alt heißt nicht schlecht

Man muss sich nicht absichtlich von einem alten distanzieren, nur weil es alt ist. Kritik an sich, hat keinen Wert. Man kann theoretisch alles zerreden – auch das Sinnvolle. Wertvoll wird die Kritik erst dadurch, wenn man mit ihr vorankommen will. Das Bessere darf nicht der Feind des Guten sein. Progressiver Fortschritt ist auch in kleinen Sprüngen gut – in großen Sprüngen gewiss besser.

Nimmt man der negierenden Kritik zudem ihre Radikalität des Bruches, indem man sie von einem existenziellen Kampf gegen das Alte befreit, kann das Alte seinen Mehrwert für das Neue gewinnen: Das Alte soll aufgehoben werden – und damit abgelöst und behalten werden. Das ist der Sinn von Synthese – das Beste des Alten soll bewahrt und das Bessere des Neuen plausibel werden. Geschichtsphilosophische Radikalität und irrsinnige Entgleisungen bleiben uns so eher erspart. Wer keinen existenziellen geschichtspolitischen Kampf führt, der ist entspannt genug, in kluger Abwägung nach dem Neuen zu suchen, ohne dem Alten seine Existenzberechtigung abzusprechen.

Der Sturm – vor allem der politische – wird so abgemildert. Wir Menschen haben es nämlich in der Hand, ob ein politischer Sturm heftig wird, oder wir es schaffen, die Radikalität von Umbrüchen abzumildern und vielmehr Veränderungen in den richtigen Bahnen zu ermöglichen. Das ist auch der Sinn der Reform. Reformen implizieren die Zivilisierung von Veränderungen. Die Wild-West-Mentalität historischer Radikalbrüche sollte zu Ende sein. Niemand braucht eine Radikalrevolution nach der Phase des deutschen Neo-Biedermeiertums. Stattdessen sollte man sich jetzt lieber öffnen und einen neuen Konsens suchen, der Weltzugewandtheit und progressiven Fortschritt mit privatem Glück zu verbinden sucht.

Nochmal zusammengefasst: Das Konservative des momentanen deutschen Neo-Biedermeiertums verweist auf eine Ruhe vor dem Sturm. Wiederholt sich die Geschichte, dann wird dieses Biedermeiertum erneut hinweg gefegt von einer Radikalrevolution – welcher Art auch immer. Dazu sollte es nicht kommen. Im deutschen Konservatismus reformfähig, weltoffen und öffentlichkeitsinteressiert zu sein, muss nun das Ziel sein. Der deutsche Konservatismus muss sich offenhalten für die Veränderung. Es braucht nicht die völlige Negation des deutschen Konservatismus, aber es braucht seinen Aufbruch. Dieser Aufbruch wird die Sozialdemokratie brauchen – ja sogar von ihr angeführt werden müssen. Der Sozialdemokratie ist damit die Aufgabe gestellt, die progressive Ambition mit der konservativen Ruhe zu versöhnen. Nur die Sozialdemokratie ist wirklich fähig einen gesellschaftlichen Konsens zu schmieden. Nur sie kann wirklich Reform. Ohne sie geht das kaum. Und ohne sie geht es so auch kaum voran. Mit ihr aber, da kann viel gelingen.

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