Die Kultur der Depression

von Nils Heisterhagen12.01.2016Gesellschaft & Kultur

Die Depressionsraten steigen unaufhörlich. Depression ist dabei ein kulturelles Phänomen. Nur so kann man die Depression angemessen verstehen. Und nur mit diesem Verständnis kann man auch vollständige Antworten auf das Phänomen geben

Es wurde und wird viel über Depression, Burn-Out und Erschöpfung geschrieben. Dabei changiert die Suche nach den Ursachen zwischen individuell-psychologischen und kulturell-soziologischen Erklärungen. Beide Erklärungsrichtungen haben ihre Berechtigung.
Ohne die individuell-psychologische Deutungsmuster zu vernachlässigen und ohne sie klein zu reden, sollte jedoch die kulturelle Dimension des rasanten Anstiegs der Depressionen – oder zumindest der rasante Anstieg der Diagnose der Depression – sowie der Wandel unserer freien Gesellschaften in Erschöpfungsgesellschaften stärker thematisiert werden.

Die Kultur der Depression ist die dunkle Seite der Freiheits-Medaille

Die zentrale These dieses Deutungsmuster ist, dass die Depression Teil und Kehrseite unserer Kultur ist. Die Kultur der Depression ist die dunkle Seite der Freiheits-Medaille. Und wenn man glaubt, dass man nicht unabhängig von der Kultur lebt, sondern in einem diskursiven Feld ihrer Sinnstiftung lebt, dann beeinflusst Kultur das Individuum – unbewusst. Die Kultur macht das Individuum depressiv. Natürlich kann sich das Individuum davon nicht berühren lassen. Einen Automatismus gibt es für gar nichts. Das Individuum kann sich von jeder depressiven Verstimmung unabhängig machen. Aber es ist eben kein Zufall, dass gerade in den freisten Gesellschaften dieser Welt, die Depressionsraten so rasant steigen. Es ist die Angst der eigenen Verantwortung, die man gemäß eines individualistischen Kampfes um Glück, Arbeit und Wohlstand zeigen müsse, nicht gerecht werden zu können.

Und es ist die Angst nicht gut genug zu sein, in einer Welt, in der jeder gesagt bekommt, dass einem alle Türen offen stehen, wenn man nur das Geschick hat seine Freiheit so zu nutzen, dass sie einen glücklich macht. Die Erschöpfungsgesellschaft ist ein Resultat eines radikalen Subjektivismus der Verantwortlichkeit und des Weltbezugs, und Resultat einer Individualisierung, die gemeinsame Werte und Sinnmuster stärker erodieren lässt.

Gründe für hohe Depressionsraten in modernen Gesellschaften

Ein prominenter Vertreter der Kulturthese der Depression ist der französische Soziologe Alain Ehrenberg. Er hat ein viel beachtetes und mittlerweile zum soziologischen Klassiker gereiftes Buch mit dem Titel „Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart“ geschrieben und darin versucht zu gezeigt, dass die Gründe für die hohen Depressionsraten in modernen Gesellschaften vor allem in gesellschaftlichen Fehlentwicklungen zu suchen seien.
Die Unzulänglichkeit beziehungsweise die Minderwertigkeitskomplexe seien das zentrale Merkmal der Depression, meint Ehrenberg, da der Depressive jemand sei, der sich für diese Welt nicht als gut genug erachtet. Er verliert seinen Halt, sein Selbstbewusstsein, dass er aber gemäß der Idee des souveränen Individuums haben und ausdrücken soll. Obwohl unsere liberalen Gesellschaften so befreit wirken, würden sie nun doch wieder Zwang erzeugen, aber keinen autoritären Staatszwang mehr, sondern vielmehr eine unsichtbare Kraft. Es gebe nun einen gesellschaftlichen Zwang, der aber als psychologischer Zwang auftritt, also die Gesellschaft etwas vorgibt, was gewissermaßen via Bio-Macht auf das Subjekt wirkt, und dieses dann sich selbst zwingt. Dieser Zwang ist der Zwang man selbst sein zu müssen, sich selbst zu verwirklichen, d.h. auch sein Selbst zu realisieren. Man hat Furcht das Selbst, sein Selbst, zu verfehlen. Bin ich gut genug? Kann ich es schaffen selbst zu sein? Kann man selbst werden? Diese Fragen stellt sich das Individuum, aber die Gesellschaft übt doch einen Zwang aus. Die Gesellschaft diszipliniert nicht mehr, sondern das Subjekt diszipliniert sich selbst. Aber die Vorgabe der Gesellschaft ist, dass das Subjekt sich selbst zu disziplinieren habe.

Der Psychotherapeut hätte so die Pflicht auch externe Faktoren wie sozio-mentale Bedingungen als Ursache von Depression in Betracht zu ziehen. Gesellschaftskritik zu betreiben sei daher für einen Psychotherapeuten angesichts der kulturellen Inflation der Depression eine Pflicht. Die Gesellschaftskritik müsse vor allem den Narzissmus und die übersteigerte Souveränitätssucht kritisieren. Andernfalls ohne Kritik und ohne kulturellen Wandel – wenn also die Ego-Gesellschaft bestehen bleibt oder sogar noch stärker wird – werde das Individuum, welches versuche Gott ähnlich zu werden, sich selbst verlieren.
Denn: Dieses Individuum, welches glaube gottähnlich werden zu müssen, scheitere daran nicht nur deswegen, weil das Gefühl der Unzulänglichkeit seine Souveränität und sein Selbstbewusstsein mindere und ihm dadurch seine menschliche Schwäche und Imperfektion bewusst mache, sondern wer glaubt stets und überall souverän über den Dingen stehen zu müssen, für den ist die Angst vor dem Kontrollverlust der größte Horror. Die Depression, so Ehrenberg, müsse auch als unbewusstes Eingeständnis des Unbeherrschbaren verstanden werden – die Depression ist so ein unbewusstes Wehren gegen den selbstauferlegten Zwang alles Beherrschen zu müssen.

Ehrenberg betreibt aber vor allem nur Gesellschaftsanalyse. Die Diagnose hat er demnach vollzogen. Aber was ist die Therapie? Sein Hinweis, nicht sofort bei Depressionen und Verstimmungen pharmazeutischen Depressionskillern zu verfallen und somit die Depression nicht medikamentös zu behandeln, sondern vielmehr in Auseinandersetzung mit sich und der Gesellschaft zu gehen, hilft nur bedingt weiter. Kritik – im Sinne von Prüfung und Auseinandersetzung – ist gewiss immer ein guter Anfang zur Veränderung. Mahnung ist gut, aber hat noch nichts bewirkt.

Wenn nun die Depression nicht stärker wachsen soll, wenn die Erschöpfungsgesellschaft nicht immer erschöpfter werden soll, dann braucht es jetzt wirklich einen Kulturwandel. Es braucht einerseits eine neue Gelassenheit und Bescheidenheit der Individuen – Vorankommen im Beruf soll kein obsessiver Zwang sein. Es braucht aber andererseits auch äußere Veränderungen: Unternehmen sollten die Arbeitsverdichtung, die zeitliche Entgrenzung der Arbeit und die gestiegenen individuellen Verantwortlichkeiten und Pflichten mit einer neuen Unternehmenskultur beantworten. Und die Weltpolitik muss den ruinösen Unterbietungswettbewerb der Arbeitnehmer im entstehenden Digitalkapitalismus mindern und sich zudem überlegen wie die Praxis eines Kapitalismus aussehen kann, in der Gewinn nicht auf Kosten guter Arbeit erwirtschaftet wird, sondern wo gute Arbeit zur Selbstverständlichkeit kapitalistischer Praxis gehört. Gute Arbeit ist kein Privileg für einige, sondern sollte ein Anspruch für die Neustrukturierung des Kapitalismus im 21. Jahrhundert werden. Schließlich soll Wirtschaft ja für die Menschen da sein und nicht umgekehrt. In diesem Sinne verweist die Kultur der Depression direkt auf die Notwendigkeit eine Neuordnung des Kapitalismus anzustreben.

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